Janek Mohr und Ruben Waligora (v. l.) an einem ihrer Meisterstücke: einem Stehsekretär aus amerikanischem Nussbaum Foto: /Stefanie Schlecht

In der Unteren Planie in Sindelfingen präsentieren sich derzeit mit Ruben Waligora und Janek Mohr zwei ungewöhnlich junge Schreinermeister. Sie erzählen von den Mühen, die eine Firmengründung im Handwerk mit sich bringt.

Die Schwalbenschwanz-Zinken greifen perfekt ineinander. Das dunkel schimmernde Nussbaumholz des Stehsekretärs ist akkurat ausgesägt, die Lade gleitet sanft auf und gibt den Blick ins Innere des Meisterstücks von Ruben Waligora frei. „Da stecken 144 Stunden Arbeit drin, vor allem die Zapfen und Zinken haben einiges an Schweiß gekostet“, sagt der 21-Jährige, als er in dem Ladengeschäft in der Sindelfinger Planie Nummer 5 steht. Dort hat er sich mit seinem Geschäftspartner Janek Mohr seit Juli dieses Jahres für drei Monate eingemietet, im Schaufenster steht eine Auswahl ihrer Schreinerarbeiten: Eine gehängte Bar mit Moos-Dekoration zum Beispiel. Oder fein gemaserte Schneidbretter.

 

Unter der Adresse betreibt die Wirtschaftsförderung Sindelfingen seit Herbst 2022 einen sogenannten Pop-up-Store. Einen Laden, in dem junge Firmen ausprobieren können, wie gut ihre Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen sind. Immer samstags sind die beiden jungen Schreinermeister vor Ort, wirklich verkauft haben sie seitdem allerdings nur wenig. Macht aber nichts: „Wir nutzen den Laden vor allem, um mit potenziellen Kunden ins Gespräch zu kommen, als Anknüpfpunkt“, sagen die beiden.

Farbtupfer in der Ladenzeile

Bei der Wirtschaftsförderung betreut Katrin Heißel den Pop-up-Store. Die Stadt Sindelfingen unterstütze in ihrem Start-up-Planet bereits junge Digitalfirmen, jetzt sei sie froh, mal Handwerker fördern zu können. „Der Pop-up-Store befindet sich in einem städtischen Gebäude und ermöglicht dadurch günstige und flexible Mietbedingungen. Wir wollen dies nutzen und einen Leerstand beleben, bis die Untere Planie entwickelt wird“, sagt sie. Die Mieter zahlten nur die Nebenkosten. Der Store ist überdies ein Farbtupfer in der Sindelfinger Ladenzeile oberhalb des Marktplatzes, die von Leerstand geprägt ist.

Obwohl sich Janek Mohr und Ruben Waligora erst im Februar dieses Jahres selbstständig gemacht haben, sind ihre Auftragsbücher voll. Wer ihnen zuhört, ahnt, warum. „Holz ist so ein warmer Werkstoff“, sagt Ruben Waligora. „Als Schreiner ist man viel in der Werkstatt, da herrscht oft eine familiäre Atmosphäre.“ Es sei das vielfältigste Handwerk, das er kenne. Waligora: „Man kann sich das so hindrehen, wie man möchte.“ Die einen vertieften sich ins Design von Möbelstücken, andere in die exakte Bedienung der Maschinen, wieder andere wendeten die neuesten Digitalmethoden an. Schließlich ließen sich Möbelstücke heute schon virtuell im Raum platzieren, Maße, Oberflächen und überhaupt alle Details an die Wünsche des Kunden anpassen.

Meisterstück im Wert von einem Kleinwagen

Das habe allerdings seinen Preis, sagt er. „Würde ich den Stehsekretär verkaufen, was ich nicht vorhabe, müsste ich wohl mehr als 20 000 Euro dafür nehmen“, sagt Waligora. Das sind Beträge, die viele abschreckten. Doch wie viel Feinarbeit in den Werkstücken stecke, werde oft nicht gesehen. „Die Wertschätzung für das Handwerk hat schon gelitten“, sagt Janek Mohr. Der 24-Jährige kam eher zufällig zum Schreinerberuf, wollte eigentlich Turner werden. Doch mittlerweile ist er sich sicher, seinen Traumberuf gefunden zu haben. Und das, obwohl vor allem der Berufseinstieg kein Zuckerschlecken war. „Weit mehr als 40 Stunden Arbeit die Woche sind keine Seltenheit“, sagt er.

Immerhin: Die Zahl der Auszubildenden im Kreis Böblingen ist in dem Beruf nach den Zahlen der Handwerkskammer über die Jahre konstant. So hätten im vergangenen Jahr 23 junge Menschen im Kreis eine Lehre begonnen, in diesem Jahr seien ihr keine freien Lehrstellen gemeldet, so die Kammer.

Nach seiner Ausbildung bei der Schreinerei Mast in Gäufelden entschied sich Janek Mohr, gleich die Meisterschule dranzuhängen. Dort lernte er seinen Kompagnon Ruben Waligora kennen. Gemeinsam gründeten sie in diesem Jahr die Schreinerei Moralli – eine Wortschöpfung aus ihren Nachnamen, die „irgendwie italienisch und designermöbelmäßig“ klingen soll, wie sie sagen. Das scheint zu ziehen.

Seitdem hätten sie bereits für eine Handvoll Kunden über 30 Möbelstücke angefertigt, obwohl ihre Werkstatt im Ostelsheimer Gewerbegebiet Neuland noch gar nicht fertig ist. Derzeit arbeiteten sie noch mit ausgeliehenen alten Maschinen. Waligora: „Unsere neuen sind schon bestellt, kommen aber erst im Oktober.“ Erst dann könnten sie so richtig durchstarten. Und hoffen auf rege Nachfrage. Schließlich gilt es dann, den gemeinsamen Förderkredit in sechsstelliger Höhe abzustottern. „Wir glauben aber fest an das Sprichwort, nach dem Handwerk goldenen Boden hat“, sind sie sich einig.