Juliette Gréco (7.2.1927–23.9.2020) Foto: dpa

Sie sang Lieder über die Liebe und den Tod – eine bleiche, schwarz gekleidete Frau mit großer Stimme: Jetzt ist Juliette Gréco, Grande Dame des Chansons, im Alter von 93 Jahren gestorben.

Paris - „J’arrive“ – das Chanson von Jacques Brel hat Juliette Gréco bei jedem ihrer Konzerte gesungen. Es handelt vom Bereitsein für den Tod. Doch sie bat ihn, noch ein wenig zu warten, einen Umweg zu nehmen wie Kinder nach der Schule. Sie würde so gern noch einmal den Fluss sehen, sich in ihm spiegeln. „Warum ich, warum jetzt?“ Nun hat der Tod an ihre Tür geklopft, und sie ist mit ihm gegangen. Der Tod, die große Anti-Utopie, hat nun das prall gefüllte Leben der wunderbaren Juliette Gréco beendet, und Frankreich beweint eine große Künstlerin. Auch in Deutschland, besonders in Stuttgart, wo sie sehr gerne aufgetreten ist, trauert man um die Grande Dame de la Chanson. Die 93-Jährige ist am Mittwoch zu Hause in Paris im Kreis ihrer Familie gestorben.

Wenn sie sang, kamen dem Publikum die Tränen

Juliette Gréco ist an einem 7. Februar auf die Welt gekommen – wie Jahrhunderte vor ihr Thomas Morus, der Autor des philosophischen Dialogs „Utopia“. Über die in eine bessere Zukunft weisende Kraft war sie sich als Künstlerin und politisch denkender Mensch bewusst. L’amour et la mort – die Liebe und der Tod: Das waren die Pole, die Generalthemen der Lieder Grécos. „Parlez-moi d’amour“, „Ne me quitte pas“, ein Revolutionslied von 1789, aber eben auch „J’arrive“ und „Tango funèbre“. In einem solchen Spannungsfeld leuchteten die Lieder ihrer Konzerte. Viele Besucher schämten sich ihrer Tränen nicht, weil sie von dieser Musik, dieser Stimme im Innersten berührt worden waren.

Die Farbe von Juliette Gréco war ein tiefes Schwarz, die Farbe ihres Kleides, ihres Haars, des Lidstrichs, unter dem ihre schwarzen Augen melancholisch blickten wie in eine ferne Vergangenheit oder auch schelmisch aufblitzten.

Sie trug das Schwarz der Existenzialisten

Wir erinnern uns: Ihre Arme öffnen sich weit, markieren einen imaginären Horizont. Ihre Augen schließen sich träge. Stille. Aus der Dunkelheit ertönt ein kleiner Akkordeonklang. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, kokett beißt sie auf die Unterlippe und lässt die Hände auf ihrem Körper einen erotischen Tanz aufführen, „Déshabille-moi“. Sie leuchtet wie eine schwarze Flamme. Juliette Gréco macht Liebe mit der Sprache, mit der Musik.

Doch diese Farbe! Das Schwarz der Existenzialisten in den rauchigen Bistros und Jazzkellern Saint-Germain-des-Prés, Jean-Paul Sartre, der für sie einen Chanson-Text geschrieben hatte, das Schwarz der Anarchie, des makabren Humors, das Schwarz des Todes. Jean Cocteau hatte ihr für „Orphée“ die Rolle der schwarzen Rachegöttin auf den Leib geschrieben, und mit Miles Davis, dem schwarzen Prinzen, hatte La Gréco eine Amour Fou. Wie eine Katze hat sie sich vereinnahmenden Zugriffen entzogen und hinter ihrem rätselhaften Lächeln Geheimnisse bewahrt. Als Jacques Brel starb, dessen Lieder sie so liebte und die sie auf unverwechselbare Weise interpretierte, hatte ihr ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht: Gérard Jouannest, sein langjähriger Pianist, hat fortan sie begleitet. Am Flügel und im Leben.

Nach Stuttgart kam sie immer wieder gerne

Vor einigen Jahren hat Juliette Gréco im Stuttgarter Literaturhaus aus ihrer ­Autobiografie „So bin ich eben“ gelesen. Die mutete an wie ein spannender Spaziergang durchs das letzte Jahrhundert. Juliette ­Gréco erzählte darin vom 2. Weltkrieg, davon, wie Mutter und Schwester der damals 16-Jährigen ins KZ Ravensbrück verschleppt wurden und gottlob überlebt haben. Noch vor dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1962 hatte sie dann zum ersten Mal für ein junges deutsches Publikum gesungen. Das war zu Tränen gerührt.

Von da an kam sie immer wieder ins Land des einstigen Erzfeinds. Nach Stuttgart besonders gern. Das Publikum jubelte ihr bei den stets ausverkauften Konzerten zu, bei ihrem Auftritt in der Oper oder auf der schwarzen Bühne des Theaterhauses. Dort lag, als sie dort zum letzten Mal gesungen hat, eine rote Rose. L’amour et la mort.

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