José Roselló (links), der Vater des toten Julen, während der Rettungsaktion im südspanischen Totalán. Foto: AFP

Wenn, wie jetzt im Fall des zweijährigen Julen, das Unfassbare geschieht und ein Kind stirbt, sind Eltern und Geschwister in Schockstarre. Kinder- und Jugendpsychiater Christoph Student erklärt im Interview, wie Familien einen solchen Schicksalsschlag bewältigen.

Stuttgart - „Wir haben einen Schutzengel, der dabei helfen wird, dass er da lebend wieder herauskommt“, sagte Julens Vater, José Roselló, vor einigen Tagen, als noch Hoffnung auf eine Rettung seines Sohnes bestand. José Roselló meinte damit Julens Bruder Oliver. Denn das Schicksal hatte bei der Familie schon einmal auf tragische Weise zugeschlagen. Im Mai 2017 verstarb Oliver mit gerade mal knapp drei Jahren an plötzlichem Herzversagen.

Wenn das Unfassbare geschieht und ein Kind stirbt, ist die Familie in Schockstarre. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie sich mit dem Unfassbaren auseinanderzusetzen müssen. Wir sprachen darüber mit dem Palliativmediziner und Kinder- und Jugendpsychiater Christoph Student.

Herr Professor Student, wie können Eltern, die ihr Kind verloren haben, mit diesem Schicksalsschlag umgehen?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Man muss sich vorstellen, dass Eltern – gerade auch die Eltern des zweijährigen Julen – einem Gebräu unterschiedlichster Gefühle wie Schuld, Scham, Angst, Wut und Depression ausgesetzt sind. Allein schon im Rückblick auf den Tod des vorangegangenen Kindes. Im Mai 2017 verstarb Julens Bruder Oliver mit gerade mal knapp drei Jahren an plötzlichem Herzversagen.

Und das verstärkt die Sorge ins Unermessliche . . .

Die Eltern sind dann ohnehin sehr im Angst um ihr noch lebendes Kind. Wenn diesem Kind dann auch noch etwas passiert durch eine Krankheit oder einen Unfall, dann ist es, als ob in der alten Wunde noch mal gebohrt wird.

Welche Gefühle stehen in einer solchen extremen Ausnahmesituation im Vordergrund?

Das ist ein unvorstellbarer Schmerz. Worauf es ankommt ist, dass die Eltern ihren Schmerz – manchmal auch im körperlichen Sinne – ausdrücken können. Dabei ist es eines der besten und häufigsten Ventile die Wut. Und zwar in dem Sinne, dass sie auf alle Welt wütend sind und Schuldzuweisungen machen. Die Wut richtig raus lassen können, das ist in einem solchen Fall ideal.

Kann das auch dazu führen, dass sich die Partner entfremden und trennen?

Das ist leider sehr häufig. Das liegt aber weniger an der Wut als an der Tatsache, dass Männer und Frauen sehr unterschiedlich mit ihrer Trauer umgehen. Wenn so ein Unglück passiert, ist das eine enorme Belastung für die Beziehung, weil einer dem anderen vorwirft, dass er nicht richtig trauert oder irgendetwas falsch macht.

Wie unterscheiden sich Frauen und Männer in ihrem Umgang mit dem Verlust und der Trauer?

Pauschal kann man das nicht beantworten. Aber von der Häufigkeit der Verhaltensweisen kann man sagen: Frauen können eher ihre Gefühle zeigen und drücken sie auch aus – vielleicht stiller als Männer. Männer hingegen neigen eher dazu, sich sehr aggressiv zu verhalten. Oder sie ziehen sich zurück und verdecken die Gefühle, welche die Trauer in ihnen auslöst.

Was machen Männer anders als Frauen?

Sie versuchen sich etwa in die Arbeit zu stürzen oder durch andere Aktivitäten abzulenken. Dann kommen sie nach Hause und ist die Frau vielleicht in Tränen aufgelöst. Und der Mann sagt: „Wieso trauerst Du denn immer noch?“ Obwohl bezüglich der Trauer erst eine kurze Zeit vergangen ist. Denn für die Trauerarbeit sind drei Jahre keine lange Zeit.

Ist der Umgang mit der Trauer und die Intensität der Gefühle abhängig vom Alter des Kindes oder der Art und Weise, wie es zu Tode gekommen ist?

Die Unterschiede liegen eigentlich darin, ob der Tod absehbar oder plötzlich eingetreten ist. Ein plötzlicher Todesfall wühlt viel mehr auf als ein absehbarer Tod. Beides ist furchtbar. Aber der plötzliche Todesfall löst meistens viel mehr ungefilterte Gefühle aus. Und das ist die eigentliche Schwierigkeit.

Inwiefern?

Im Anfang sieht alles noch recht kontrolliert aus. Wenn man Eltern erlebt, kann man den Eindruck haben, dass die Seele gewissermaßen gut gepolstert ist. Es ist eine Schocksituation. Die Eltern befinden sich in einer Schockstarre, in der gar keine Gefühle vorhanden sind und der Alltag weiterläuft. Das ist auch gut so, weil dadurch eine Übergangsphase entsteht.

Bei Julen und seinen Eltern ist das aber offenbar anders.

Das stimmt. Die Eltern von Julen waren zwischen Hoffen und Bangen hin- und hergeworfen. Da gibt es auch Schockphasen zwischendurch. Aber es artikuliert sich sehr viel, auch berechtigte Wut – beispielsweise auf die möglicherweise Schuldigen. Für diejenigen, die diese Wut abbekommen, ist das mitunter unangenehm. Aber für die Eltern dagegen ist es gut.

Gibt es einen zeitlichen Rahmen, in dem die Trauerarbeit stattfindet? Kann man diese Phase überhaupt zeitlich bemessen?

Überhaupt nicht. Von „normal“ kann man ohnehin nicht sprechen, weil beim Tod eines Kindes nichts „normal“ ist. Diese Form der Trauer ist eine sehr belastende Trauer, die über viele, viele Jahre gehen kann. Zehn Jahre sind da völlig im Zeitrahmen. Es dauert lange, vielleicht nicht mehr mit der Intensität wie am Anfang. Aber jeder Anlass, jede Beunruhigung, jede Krankheit eines anderen lebenden Kindes ist möglicherweise ein Anlass wieder in Panik zu verfallen. Dann kommt die alte Trauer wieder hoch.

Wie können Therapeuten Eltern und den Geschwisterkindern helfen? Was können sie tun? Was tun Sie?

Was Therapeuten tun können, ist begrenzt. Aber sie können – und das ist der erste Punkt – die Eltern zunächst darin bestätigen, dass alles, was sie an Gefühlen – und seien sie noch so „verrückt“ – normal ist. Eltern haben ganz häufig das Gefühl, dass sie in dem, was sie tun, sehen und wahrnehmen, nicht normal sind. Ihnen da die Gewissheit zu geben, dass alles normal ist, ist ganz entscheidend.

Und der zweite Punkt?

Der Therapeut kann die Eltern ermutigen, ihre Gefühle auszudrücken. Der dritte Punkt schließlich: Die Geschwisterkinder – wenn es sie denn gibt – dürfen nicht aus den Augen verloren werden. Sie werden von den Eltern oft beiseitegeschoben – und das gar nicht böswillig. Gerade diese Kinder brauchen aber Unterstützung. Diese müssen nicht die Eltern geben, es können auch Helfende wie ein Therapeut sein, der ihnen beisteht. Aber die Eltern müssen wissen, da auch bei ihrem anderen Kind oder anderen Kinder etwas sehr Wichtiges geschieht.

Zur Person

Christoph Student ist Schüler der renommierten Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004). Er gehört zu den Pionieren der deutschen Hospizbewegung und Palliativmedizin.

Geboren 1942 in Gnesen (Polen)

Seit 1973 verheiratet mit der Kinderärztin Ute Student, mit der er drei Kinder hat – von denen das erste 1980 verstarb

1962-1965 Studium der evangelischen Theologie, Philosophie und Philologie in Göttingen und Bonn

1965-1971 Studium der Medizin in Göttingen, 1972 Promotion

1978 Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der Universität Göttingen

1978-1980 Leitender Arzt der Fachabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Josefstift, Herten

Von 1980 bis 1997 lehrte er an den Evangelischen Fachhochschulen in Hannover und Freiburg Sozialmedizin, Psychiatrie und Thanatologie (Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung)

1997-2006 Gesamtleiter des Hospiz Stuttgart

Seit 2006 steht er ehrenamtlich dem Deutschen Institut für Palliative Care vor

Seit 2008 niedergelassener Arzt in eigener Praxis in Freiburg

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: