Der Rock: zu kurz. Die Jogginghose: zu labbrig. Und das passt ja wieder überhaupt nicht zusammen! Warum Eltern die Kleidung von Teenagern nicht ständig kommentieren sollten.
„Meine Tochter ist 14 und wir diskutieren ständig darüber, wie freizügig sie zur Schule gehen darf. Heute Morgen wollte sie mal wieder mit Hotpants und bauchfreiem Top losziehen. Muss ich ihr das wirklich durchgehen lassen?“ So oder so ähnlich rätseln in diversen Online-Foren Eltern, wie sie sich in der Klamotten-Frage gegenüber ihren Teenagern verhalten sollen. Die Antworten reichen von „dem nuttigen Auftritt klare Grenzen setzen“ bis hin zu „auf keinen Fall einmischen“.
Die Psychologin Elisabeth Raffauf empfiehlt Eltern, zunächst einmal zu verstehen, warum der Kleidungsstil für viele Teenager so wichtig und für viele Eltern so gewöhnungsbedürftig ist. „In der Pubertät geht es ja um die großen Fragen: Wer bin ich? Wo ist mein Platz in der Welt? Wie wirke ich auf andere?“ Klamotten seien da ein super Feld, um sich auszuprobieren, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Zu schauen: Wie fühlt sich das an? Zu überlegen: Möchte ich so aussehen wie alle anderen oder ganz anders? Und wie reagiert mein Umfeld darauf?
Ungefragt kommentiert
Grenzen auszutesten und auch mal zu überschreiten, gehört zu diesem Lebensabschnitt dazu. „Eltern sollten froh sein, wenn sich das Thema auf Klamottenebene abspielt und nicht bei gefährlichen Mutproben oder bei Drogen“, sagt Raffauf, die auch mehrere Ratgeber zum Thema Pubertät geschrieben hat.
Den Klamottenstil von Jugendlichen ständig und ungefragt zu kommentieren, davon rät sie ab. Ähnliches gelte für neue Frisuren oder Haarfarben. „Das ist ja alles nichts Bleibendes. Anders als Tattoos, und bei denen gibt es nicht umsonst gesetzliche Vorschriften.“ Das bedeute nicht, dass Eltern immer den Mund halten müssten. Sie müssten sich aber Folgendes klarmachen: „Ihre Aufgabe während der Pubertät besteht auch darin, loszulassen und einzusehen, dass die Kinder jetzt ihre eigenen Wege gehen, die den Eltern nicht immer gefallen. Kinder haben nicht die Aufgabe, so zu werden, wie wir uns das vorstellen.“
Soweit die Theorie. Was aber, wenn die Tochter bauchfrei und mit Minirock zum Frühstück erscheint und einem der Satz rausrutscht: „So gehst du mir nicht aus dem Haus!“? – „Dann wird es vermutlich Krach geben. Und aus solchen Situationen lernen wir oft am besten“, sagt Christine Ordnung, Leiterin des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie und Beratung in Berlin lapidar. Denn: Nicht nur Teenager seien während der Pubertät verunsichert – auch deren Eltern.
„Sie hatten etwa zwölf Jahre lang Zeit, ihr Kind zu erziehen. Bei Teenagern ist das dann eigentlich vorbei“, erklärt Christine Ordnung. Nicht immer gelingt es Eltern, das einzusehen. „Und dann kommt es zu einer Last-Minute-Erziehung, man redet dem Kind rein, statt es anzuhören.“
Eine Situation, die sich für Eltern wie Kinder schlecht anfühlt: Eltern quälen sich mit dem Gedanken, bei der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Und die Kinder werden noch stärker verunsichert, als sie es in diesem Lebensabschnitt ohnehin schon sind, und bekommen das Gefühl: Ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin und mich angezogen habe. „Und das ist natürlich sehr verletzend“, betont Elisabeth Raffauf.
Einfach mal nachfragen
Ansprechen dürfen und sollen Eltern das Minirock-Thema dennoch. „Aber vielleicht in einer entspannten Situation. Also nicht dann, wenn das Kind morgens auf dem Sprung in die Schule ist“, sagt Raffauf. Und vor allem mit dem richtigen Tonfall. „Es macht einen großen Unterschied, ob ich etwas bewerte oder mich dafür interessiere“, erklärt Ordnung.
Ein guter Weg sei, einfach mal nachzufragen, warum dieses oder jenes Outfit gewählt wurde. „Dann können Eltern auch erklären, warum sie eine bestimmte Kleidung nicht so gut finden und wie der Minirock auf andere wirken könnte“, sagt Elisabeth Raffauf. Oder man nimmt einen veränderten Kleidungsstil als Anlass, um nachzufragen, wie es dem Kind gerade geht. „Es ist sehr wichtig, dass man eben nicht nur die äußere Ebene wahrnimmt, sondern immer im Blick behält, wie es im Inneren eines Teenagers aussieht“, betont Christine Ordnung.
Meinung als Orientierung
Egal wie gut so ein Gespräch verläuft: Am Ende wird sich der Teenager seine eigene Meinung bilden und sich so verhalten, wie es für das Alter typisch und wichtig ist. „Eltern können nicht kontrollieren, ob die Tochter den Bund vom Rock einmal umschlägt, sobald sie um die Hausecke ist. Aber sie können sicher sein, dass ihre Meinung für die Kinder eine Orientierung bietet und ihnen nicht komplett egal ist, auch wenn es manchmal so scheint“, sagt Raffauf.
Und wenn das Kind sich die Haare abrasiert, obwohl die ganze Familie der Meinung war, dass das vielleicht nicht so gut aussieht, dann dürfen die Eltern darin auch etwas Positives sehen, findet Ordnung: „Es kostet viel Mut, sich gegen eine Gruppe zu stellen, die einem wichtig ist. Genau das würden sich die Eltern aber ja auch wünschen, wenn die Clique des Kindes anfängt, Drogen zu nehmen.“ Von daher sei die Familie ein prima Trainingsfeld dafür, sich nicht einfach nur anzupassen, sondern sich eigene Meinungen zu bilden und dazu zu stehen – vorausgesetzt, Eltern lassen dies zu.
Bei Müttern beobachtet Raffauf nicht selten eine gewisse Wehmut und auch Neid, wenn die Töchter beginnen, sich aufreizend zu kleiden. „Die Mütter spüren, dass sie so etwas jetzt vielleicht nicht mehr tragen können. Dass sie älter geworden sind oder man sich auf der Straße plötzlich nach der Tochter umdreht und nicht mehr nach ihnen. Das löst Gefühle aus, mit denen man auch lernen muss umzugehen.“ Vätern dagegen falle es häufig schwer zu akzeptieren, dass aus ihrem kleinen Mädchen nun eine Frau wird – und das eben auch anderen Männern auffällt.
Doch auch ein ehrliches Kompliment kann Tücken haben. „Das kann je nach Stimmung an einem Tag super ankommen und am nächsten dazu führen, dass sich das Kind umdreht und umzieht“, sagt Raffauf. Denn ob es den Eltern gefällt oder nicht: Sie sind nicht mehr die allerwichtigste Person im Leben ihrer Kinder. Oder wie es Christine Ordnung ausdrückt: „Sie müssen sich das Vertrauen neu verdienen, ihren Kindern eine Rückmeldung geben zu dürfen.“