Das Foto der Hospitalstraße zeigt rechts den Zaun, hinter dem die zerstörte Synagoge lag. Sie wurde nicht fotografiert.Foto:Stadtarchiv Stuttgart Foto:  

Wie lebten die etwa 800 Juden, die es Anfang 1942 noch in Stuttgart gab? Wie fühlten und dachten sie? Zeitzeugen berichten.

Stuttgart - Der alte Mann am Telefon will nicht sprechen. „Ich mag nicht mehr an diese Zeit denken“, sagt er, „ich hoffe, Sie verzeihen.“ Auch seinen vollständigen Namen will der 93-Jährige nicht in der Zeitung veröffentlichen. Den Vornamen Heinz könne man schreiben. „Heinz heißen viele, das reicht.“ In seinem Ort in der Nähe von Stuttgart wüsste kaum jemand, dass er Jude sei. Er hat Angst vor Antisemiten. „Die Juden sind doch angeblich immer an allem schuld, sogar an Corona“, sagt der Mann. Und vielleicht erzählt dieser Wunsch nach Anonymität am meisten darüber, wie ihn die Zeit, in der er aufgewachsen ist, bis heute prägt.

 

Aber dann redet Heinz doch noch über diese Jahre in Stuttgart zwischen 1942 und 1945. „In selbst gewählter Quarantäne“ habe er damals gelebt, so nennt er das, mit seinen Eltern in der Talstraße 36 in Stuttgart-Ost. „Ich bin morgens zur Arbeit als Hilfsarbeiter in eine Werkstatt am Stöckach gelaufen und abends nach Hause. Sonst bin ich nicht mehr auf die Straße“, sagt er, der 15 Jahre alt war im Jahr 1942. Den Stern an seinem Kittel versuchte er, so gut es ging, zu verbergen.

Einmal sei er ins Kino gegangen, als das schon für Juden verboten war. Da habe ihn einer von der Hitlerjugend, der ihn kannte, entdeckt, aber nicht verraten. Nur nach Hause geschickt. Ein anderes Mal habe er es gewagt, mit dem Judenstern spazieren zu gehen. Da hätten sie ihm „Jud, Jud!“ hinterhergeschrien. Danach sei die Angst zu groß gewesen. Wovor? „Davor, weggebracht zu werden.“ Alle ehemaligen Klassenkameraden aus der jüdischen Schule im Stuttgarter Hospitalviertel waren ja schon nicht mehr da. Entweder waren sie emigriert oder vom Nordbahnhof aus abtransportiert worden in die Lager Riga, Izbica und Theresienstadt. Dass Heinz noch da war, verdankte er seinem protestantischen Vater. Nur die Mutter war Jüdin, der Sohn galt als Mischling in der nationalsozialistischen Terminologie.

Noch 24 Juden zum Kriegsende

Das Telefonat mit dem Mann, der wohl einer der letzten jüdische Zeitzeugen dieser Jahre in Stuttgart ist, bleibt eine der wenigen Antworten auf die Frage, wie der Alltag jener Juden aussah, die 1942 noch in Stuttgart lebten. Die Historikerin Maria Zelzer hat ihn in ihrem Standardwerk „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“ so beschrieben: „Für die seit 1941 ohne Hoffnung auf Auswanderung zurückgebliebenen Juden war der Lebensrhythmus bestimmt vom Warten. Sie warteten auf etwas, von dem sie wussten, dass es nichts Gutes sein würde.“

Was da noch kommen sollte, bestimmte nach dem Krieg die Erinnerung der Zeitzeugen. So erklärt es Roland Müller, der Leiter des Stadtarchivs Stuttgart. Nach dem Krieg hätten Überlebende vor allem das Grauen in den Konzentrationslagern geschildert. „Das hat die Erinnerung an die Jahre davor überlagert“, sagt der Historiker. „Tatsächlich wissen wir über die Menschen und ihre Lebensumstände wenig.“

Vielleicht muss man jüdisches Leben 1942 also erst einmal darüber erzählen, was alles nicht mehr war – 600 Jahre nachdem die ersten Juden in einer Urkunde der Stadt erwähnt wurden. So gab es 1942 keinen der 173 jüdischen Textil- und 50 Lederwarenkaufleute mehr, die die Berufsstatistik von 1932 noch auswies. Die 34 Tabakwarenhändler, 24 Lebensmittelhändler, 21 Juweliere, Optiker, Uhrmacher, Wein- und Getreidehändler waren ebenso verschwunden. Wie auch die 86 jüdischen Ärzte und die 50 Rechtsanwälte. Auch das jüdische Kaufhaus Schocken war schon lange geschändet und arisiert. Von den 4500 Mitgliedern, die die jüdische Gemeinde bei der Machtergreifung 1933 hatte, lebten 1942 nur noch 840 in der Stadt, viele von ihnen in sogenannten Mischehen mit Nichtjuden. Ein Jahr später sollten es 360 sein, bei Kriegende 24.

Die „Judenhäuser“ der Stadt

Gewohnt haben viele der Verbliebenen in den sogenannten Judenhäusern – ein bislang unterbelichtetes Kapitel der Stuttgarter Stadtgeschichte, wie Jupp Klegraf sagt, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Stuttgart-Nord. Von 1939 an quartierte die nationalsozialistische Stadtverwaltung Juden bei anderen Juden ein. Die dadurch frei werdenden Wohnungen wurden arischen Familien „zugeführt“, 600 allein bis Anfang 1942. Neuer „Lebensraum“ in einer an Wohnungen knappen Stadt.

Jupp Klegraf hat in den Adressbüchern dieser Zeit recherchiert. Für das Jahr 1941 hat er 65 solcher Judenhäuser im ganzen Stadtgebiet identifiziert, mit 305 Mietern darin. Zwei Jahre später konnte er noch sieben solche Häuser finden mit gerade mal elf offiziellen Bewohnern. 1942 fand er Judenhäuser unter anderem in der Frühlingshalde 10, in der Hermannstraße 16, in der Kasernenstraße 13 und in der Reutlinger Straße 73. Eine der wenigen Schilderungen über das Leben und die Atmosphäre in einem solchen Zwangsquartier findet man in den Briefen der Stuttgarter Jüdin Ella Kessler-Reis. Mit 40 Jahren musste die aufstrebende Juristin zu ihren Eltern in die Waldstraße 4 in Degerloch ziehen. Die schöne Villa mit dem üppigen Garten wurde zum Judenhaus, weitere Menschen wurden einquartiert.

Aus den Jahren 1941 und 1942 sind Briefe von Ella Kessler-Reis an eine Freundin erhalten, in denen sie von ihrem Alltag erzählt: „Es gibt Abende, die ich als die letzten empfinde und die mich, uns alle im Hause, mit Panik erfüllen. Und dann geht alles für ein paar Tage wieder vorbei, und wir sitzen bei Bach-, Mozart- und Schubertplatten, ein bezaubernder Azaleenstock von meinem Geburtstag leuchtet unter der Lampe, und alles ist still und scheint dauerhaft. Wie lange Nerven das aushalten können, das weiß ich nicht.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Unser Schicksal hängt an dünnen Fäden.“

Latente Bedrohung

Es ist diese Fragilität, die latente Bedrohung, eine „Situation lähmender Angst“, wie es der Stadtarchiv-Leiter Roland Müller nennt, die das Leben der Juden in der Stadt prägte. Weitgehend enteignet und entrechtet, konnten sie am öffentlichen Leben schon lange nicht mehr teilnehmen.

Juden durften keine Kinos, Theater, Gaststätten und Krankenhäuser mehr betreten, keine Busse und Bahnen benutzen und sich nur zwischen sechs Uhr morgens und acht Uhr abends auf der Straße aufhalten. Radios, Genussmittel, Kosmetika waren verboten. Im Jahr 1942 wurde das Betreten von Wartesälen, die Benutzung öffentlicher Fernsprechzellen untersagt. Woll- und Pelzsachen mussten abgegeben werden, ebenso elektrische Haus- und Küchengeräte, Fahrräder, Schreibmaschinen. Am 30. Juni 1942 schloss die jüdische Schule endgültig.

Dazu kam die Furcht vor dem eigenen Nachbarn. „Wir waren von Feinden und Gleichgültigen umgeben“, so beschrieb es die Stuttgarter Jüdin Martha Haarburger nach dem Krieg. Aber es gab auch die hilfsbereiten Mitbürger. Manche Zeitzeugen schilderten, dass nichtjüdische Bekannte ihnen Lebensmittel zusteckten. Denn ihre kärglichen Lebensmittelrationen konnten Juden von April 1941 an nur noch in einem einzigen Laden einlösen – dem sogenannten Judenladen in der Seestraße 39. Von den Randbezirken aus waren die Menschen bis zu zwei Stunden einfach zu Fuß unterwegs. Selten war genug Ware da.

Die großen Deportationen

1941, 1942, das waren auch die Jahre der großen Umsiedlungen und Deportationen aus der Stadt. Hochbetagte Juden mussten aus ihren Wohnungen in die beiden jüdischen Altenheime in der Wagenburg- und Heidehofstraße umziehen, wo nun mitunter dreimal so viele Menschen wohnten, wie es Plätze gab. Mindestens 250 alte Männer und Frauen wurden auf das Land umgesiedelt, in renovierungsbedürftige Schlösser wie in Eschenau, Weißenstein und Dellmensingen. Eine „Stuttgarter Besonderheit“, wie Roland Müller sagt. Ein Mittel, um an weiteren Wohnraum für Nichtjuden zu kommen.

Dabei war das Land nur Zwischenstation auf dem Weg in die Konzentrationslager. Am 22. August 1942 startete vom Nordbahnhof aus ein Transport mit rund tausend Menschen nach Theresienstadt. Unter ihnen war Ella Kessler-Reis, die Briefeschreiberin. Von Theresienstadt wurde sie weiter nach Auschwitz gekarrt. 1944 starb sie dort.

Auch Heinz war am 22. August auf dem Killesberg. Er half einem Bekannten, das Gepäck zu tragen. Noch schützte Heinz, dass er Halbjude war. Doch am 12. Februar 1945 wurde auch er deportiert. Vier Tage ohne Verpflegung. Seinen 18. Geburtstag erlebte er im KZ Theresienstadt. Kurz darauf befreite ihn die Rote Armee. Heinz brach sofort auf. Er wollte zurück nach Hause, wo seine Eltern warteten, die Mutter hatte versteckt auf dem Land überlebt. Sein Zuhause war Stuttgart.