Das Motto „Zeitenwende“ erhält eine schreckliche neue Bedeutung, aber die Jüdische Gemeinde will sich nicht der Angst vor dem antisemitischen Terror unterwerfen. Man hat sich fest vorgenommen, das jüdische Leben in Stuttgart aufrechtzuerhalten.
An eine solche „Zeitenwende“ hatte niemand gedacht. Das Motto für die Jüdischen Kulturwochen 2023, die zum 20. Mal stattfinden und ein Jubiläum feiern können, hat eine furchtbare neue Bedeutung erfahren. Die Erschütterung ist Barbara Traub, der Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), ins Gesicht geschrieben, immer wieder bricht ihr die Stimme: „Der Terror der Hamas ist der größte Anschlag auf Israel seit der Shoah, seit der Staatsgründung und 50 Jahre nach dem Yom-Kippur-Krieg“, betont auch sie, als die Vorstellung der Kulturwochen erst einmal in den Hintergrund rückt.
Sorge um Angehörige und Freunde in Israel
Denn fast alle Mitglieder der Gemeinde hätten Beziehungen, Familie, Freunde, zu Israel. Und die Angst, auch in Deutschland jetzt verstärkt von antisemitischen und hasserfüllten Anschlägen bedroht zu sein, beunruhige vor allem die jüngeren Menschen in der Gemeinde: „Sie sind hier geboren und haben weitgehend nur friedliche Zeiten erlebt.“ Aber Barbara Traub betont auch, dass man sich dieser Angst nicht unterwerfen werde: „Wir wollen das jüdische Leben aufrechterhalten. Daher haben wir die Bat-Mitzwa am Freitag nicht abgesagt, auch die Gottesdienste finden statt. Im Vertrauen auf die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, die uns sofort von der Landesregierung zugesagt worden sind.“
Stattfinden werden auch die Jüdischen Kulturwochen, die vom 6. bis 19. November mit 39 Veranstaltungen ein Programm mit Musik, Literatur, Film, Theater und vielen Begegnungen bieten. „Wir setzen auf Dialog und gegenseitiges Verständnis, auf ein friedliches Zusammenleben.“ Das sei das Ziel der Kulturwochen, die zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Kulturlebens geworden seien und alljährlich – sogar in den Zeiten von Corona – ein großes Publikum fänden.
Fester Platz in der Stadtgesellschaft
„Wir haben mit dem Motto Zeitenwende an das Zitat von Bundeskanzler Olaf Scholz in der Rede nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine angeknüpft und wollten damit ausdrücken, wie sehr sich das jüdische Leben hier in den vergangenen 20 Jahren geändert hat“, erläutert Barbara Traub. „Die Gemeinden in Deutschland sind heute um vieles lebendiger und pluralistischer, auch bei uns mit liberalen Gottesdiensten, als in der Zeit vor der großen Zuwanderung. Und sie haben einen festen Platz in den Stadtgesellschaften.“
Die Zeitenwende ist Thema der Podiumsdiskussion der Eröffnungsveranstaltung am Montag, 6. November, im Rathaus unter anderem mit Josef Schuster, dem Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Um Zeitenwenden in der Geschichte des Europäischen Judentums geht es im Historischen Symposium am 7. November im Haus der Geschichte mit Rabbiner Joel Berger und namhaften Theologen und Historikern. Von der ganz persönlichen Zeitenwende in seinem Leben erzählt Joel Berger am 12. November.
Programm speziell für junge Leute
Nicht zuletzt steht dieses Wort auch für Veranstaltungen speziell für junge Besucher: Über den deutsch-israelischen Austausch und junges jüdisches Leben im Land (7. November im Landtag). In zwei Jugendhäusern finden Fotoworkshops über jüdisches Leben statt. Eine Hauptrolle spielen viele junge Künstler bei den Konzerten. Der musikalische Höhepunkt ist das Synagogenkonzert mit dem Synagogenchor aus Basel am 19. November. Bei der Literatur ragt die Lesung aus dem Buch „Jerusalem Ecke Berlin“ von Tom Segev (13. November) hervor.
Ihr 15-jähriges Bestehen feiert die Jüdische Grundschule am 14. November, die auf 65 Schüler in vier Klassen angewachsen ist. „Leider bekommen wir nicht genügend Lehrer“, bedauert Barbara Traub. Dafür wird die Schule nach dem jüdischen Bankier Eduard Pfeiffer benannt, der die Arbeitersiedlung Ostheim gebaut hat. „Jede Veranstaltung wird mit der Polizei aus Sicherheitsgründen vorher abgesprochen“, betont Traub. Angst sollte also niemanden abhalten.
Alle weiteren Informationen unter www.irgw.de/kulturwochen.