Nellie Bly gilt als eine Pionierin des investigativen Journalismus. Ihr Meisterstück ist allerdings ein Wettrennen um den Globus, das Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg alt aussehen lässt.
New York - Eine Frau? Einmal um die ganze Welt, und das auch noch alleine? Niemals! „Selbst wenn Sie allein reisen könnten, würden Sie so viel Gepäck mit sich herumschleppen, dass es Sie am schnellen Umsteigen hindern würde. Das schafft nur ein Mann“, erklärt der Herausgeber des „Pittsburgh Dispatch“, als ihm die junge Reporterin Nellie Bly 1888 anbietet, im Auftrag der Zeitung einmal um den Globus zu reisen – und zwar schneller als Jules Vernes Romanheld Phileas Fogg aus „In 80 Tagen um die Welt“.
Bly ist nicht um eine Antwort verlegen: „Schicken Sie einen Mann los. Ich werde am gleichen Tag für eine andere Zeitung aufbrechen und ihn schlagen.“ Ein knappes Jahr später gibt die Zeitung schließlich grünes Licht, und am 14. November 1889 bricht Bly in New York an Bord des Dampfers „Augusta Victoria“ zu ihrem Wettlauf um den Globus auf.
Kinder, Küche, Kirche? Von wegen!
Begonnen hatte ihre Karriere mit einem Leserbrief. 1885 erscheint im „Pittsburgh Dispatch“ ein Artikel, in dem der Autor – für damalige Verhältnisse wenig überraschend – zu dem Schluss kommt, dass Frau zum Kochen, Putzen und Gebären taugen. Zu mehr aber auch nicht. Die 20-jährige Elizabeth Jane Cochrane schreibt daraufhin einen geharnischten Leserbrief, in dem sie gleiche Rechte und Bezahlung für Frauen fordert. Der Verleger der Zeitung ist so beeindruckt von dem Schreiben, dass er ihr eine Stelle als Reporterin anbietet.
Unter dem Pseudonym Nellie Bly schreibt sie fortan investigative Reportagen, berichtet von den schockierenden Zuständen in den Fabriken des boomenden Pittsburgh und der Ausbeutung der Arbeiterinnen – bis sich einige Fabrikanten über die kritische Berichterstattung beschweren und Bly in die Redaktion für „Frauenthemen“ versetzt wird. Verärgert kündigt sie, geht nach New York, heuert bei Joseph Pulitzers „New York World“ an – und startet nun so richtig durch.
Die junge Reporterin geht dahin, wo es wehtut
Denn Bly geht dahin, wo es wehtut, lässt sich beispielsweise in eine berüchtigte New Yorker Irrenanstalt einweisen, um über die unmenschlichen Zustände in der Nervenheilanstalt für Frauen auf Blackwell’s Island zu berichten. Die verdeckte Recherche wird zu ihrem Markenzeichen. Sie ist allerdings nicht die einzige Frau, die als Reporterin arbeitet, was nicht etwa daran liegt, dass die Verleger von der Gleichberechtigung von Mann und Frau überzeugt sind, sondern Profit riechen: spektakuläre Geschichten, geschrieben von jungen Frauen, das lockt die Leser an.
Berühmt wird Bly aber nicht durch ihre verdeckten Recherchen, sondern durch ihre Weltreise. Mit Schiff und Bahn geht es über London und Amiens – wo sie den Schriftsteller Jules Verne besucht, der sie zu dieser Reise inspiriert hatte – nach Brindisi. Weiter über den Suezkanal, Aden, Colombo und Penang bis Singapur, wo sie sich ein ganz spezielles Souvenir besorgt.
Die Freude an ihrem „Souvenir“ währt nur kurz
„Ich hatte der Versuchung widerstanden, in Port Said einen Jungen zu erstehen, und ich hatte auch den Wunsch unterdrückt, in Colombo ein singhalesisches Mädchen zu kaufen, doch als ich in Singapur den Affen sah, schwand meine Willensstärke dahin, und ich begann sogleich, um den Affen zu handeln. Und ich bekam ihn“, berichtet Bly. Die Freude währt allerdings nur kurz. Der Verkäufer hatte beteuert, der Affe sei ganz zahm. Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellt, vor allem wenn das McGinty genannte Tier einen Kater hat.
Von Singapur geht es weiter via Hongkong und Yokohama und über den Pazifik wieder zurück. Ihr ganzes Gepäck besteht aus einer einzigen Reisetasche. Am Leib trägt sie ein Kleid, das sie kurz vor der Reise bei einem Schneider mit den Worten in Auftrag gegeben hatte: „Ich brauche ein Kleid, das man drei Monate lang durchgehend tragen kann.“ Ihr leichtes Gepäck beeindruckt vor allem die Männer. Ein Passagier erklärt ihr, er hätte nie gedacht, dass eine Frau ohne eine Vielzahl von Koffern reisen könne. Als Bly ihn fragt, mit wie vielen Koffern er denn unterwegs sei, antwortet er: „19.“
Aus der Weltreise wird ein Medienevent
Ihre Zeitung rührt daheim die Werbetrommel, ein Brettspiel mit ihrer Reiseroute kommt auf den Markt, bei einem Gewinnspiel können die Teilnehmer Tipps abgeben, wann Bly zurückkehren wird. Dem Gewinner winkt eine Europa-Reise. Schon vor ihrer Abfahrt in New York haben Blys Pläne für so viel Aufsehen gesorgt, dass die Konkurrenz von der „Cosmopolitan“ ebenfalls eine Reporterin auf Weltreise schickt, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Davon erfährt Bly freilich erst in Hongkong.
Aus der Weltumrundung wird ein Medienevent, ihre letzte Etappe von San Francisco nach New York zum Triumphzug. Tausende säumen die Strecke. Immer wieder muss der Zug langsamer fahren, damit Bly den Massen zuwinken kann. Ihr Zug hat selbstverständlich Vorfahrt. So groß ist die Begeisterung der Menschen, dass die Polizei teilweise eingreifen muss.
Bly lässt Phileas Fogg alt aussehen
Am 25. Januar 1890 um 15.51 Uhr erreicht sie den Bahnhof von New Jersey. Nach 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden ist sie am Ziel. Womit sie Jules Vernes Romanheld um fast acht Tage schlägt. Auch die Kollegin von der Konkurrenz lässt sie hinter sich. „Gereist bin ich 56 Tage, 12 Stunden und 41 Minuten. Durch Verspätungen habe ich 15 Tage, 17 Stunden und 30 Minuten verloren“, schreibt die „schnellste Frau des 19. Jahrhunderts“.
Generationen amerikanischer Frauen galt sie als Vorbild. Galt, denn inzwischen wird Kritik an ihren Reisebeschreibungen laut: Chinesen hält sie für schmutzig, Leprakranke findet sie abstoßend, für die menschenunwürdigen Zustände in den Kolonien hat sie keinen Blick, was ihr 100 Jahre später den Vorwurf der Ignoranz und des Rassismus einbringt.
Frauen stehen Männern in nichts nach
Kein Zweifel: Bly ist ein Kind ihrer Zeit. Aber eine starke Frau in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts – und dann auch noch so hypersensibel und aufgeklärt sein wie die Menschen des 21. Jahrhunderts? Das wäre dann vielleicht etwas zu viel verlangt, geht es Bly doch vor allem darum zu zeigen, dass Frauen Männern in nichts nachstehen. Und das gelingt ihr eindrucksvoll.
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