Unser Foto zeigt John Neumeier 2019 bei Proben für sein Ballett „Die Kameliendame“ in Stuttgart mit Alicia Amatriain und Friedemann Vogel. Foto: Roman Novitzky/RN

In der nächsten Spielzeit feiert das Hamburger Ballett das 50-Jahr-Dienstjubiläum von John Neumeier und zugleich seine letzte Spielzeit als Intendant. Wer soll auf ihn folgen?

2023 ist das Jahr, in dem sich John Crankos Todestag zum 50. Mal jähren wird. Als das Stuttgarter Ballett 1973 zum Gastspiel in die USA aufbrach, bereitete John Neumeier seine Anfänge als Ballettchef in Hamburg vor.

 

In der nächsten Saison, wenn das Stuttgarter Ballett seinen Gründer möglicherweise mit der Rekonstruktion seines letzten Balletts „Spuren“ ehren wird, stehen auch in Hamburg die Zeichen nicht nur auf Party, sondern auch auf Abschied: Die Jubiläumsspielzeit 2022/23 ist auch die letzte von John Neumeier als Intendant und Chefchoreograf des Hamburger Balletts. Nach ihr will der dann 84-jährige Weltrekordhalter als dienstältester amtierender Ballettchef in den Ruhestand gehen.

Wer soll auf John Neumeier folgen?

Wer kann die Leitung einer Kompanie übernehmen, die nach einem halben Jahrhundert durch und durch von John Neumeier geprägt ist? Um eine Antwort auf diese Frage mag man den Hamburger Kultursenator nicht beneiden. Für ein Nachwuchstalent, wie es der einst von Stuttgart über Frankfurt angereiste Neumeier war, ist das Erbe zu groß. Und für einen Star der Szene wirft es zu große Schatten.

Neumeier selbst machte 2015 seinen langjährigen Ersten Solisten Llyod Riggins zu seinem Stellvertreter. Riggins, wie Neumeier gebürtiger Amerikaner, kam 1995 nach Hamburg und hat nach knapp drei Jahrzehnten die DNA von Neumeiers Kompanie verinnerlicht. Dass er selber keine choreografischen Ambitionen hat, könnte es einfacher machen, die Kompanie für andere Künstler zu öffnen – so wie es Reid Anderson von 1996 an in Stuttgart gezeigt hat.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie sich John Neumeier an Cranko erinnert

Fest steht schon jetzt, dass die Hamburger Ballettsaison 2022/2023 entsprechend festlich wird. John Neumeier will dafür auch an ungewöhnlichen Orten für seine Kunst werben: „In unserer Jubiläumssaison möchte ich den Tanz in die Stadt tragen und Räume der Begegnung schaffen.“ Der Spielzeitauftakt findet daher mitten im Herzen Hamburgs auf dem Rathausmarkt statt. Dort lädt Neumeier am 3. September zu einem „Tanzfeuerwerk“ ein, einem kostenfreien Open-Air-Event.

Eine letzte Uraufführung stellt sich gegen Unversöhnlichkeit in der Welt

Auf der Bühne selbst gibt es neben vier Wiederaufnahmen („Dritte Sinfonie von Gustav Mahler“, „Préludes CV“, „Illusionen – wie Schwanensee“ sowie „Romeo und Julia“) eine letzte Uraufführung Neumeiers als Intendant. Für diese hat er sich die Bachs h-Moll-Messe ausgesucht, die er unter dem Titel „Dona Nobis Pacem“ präsentieren wird. Er selbst sagt dazu: „Dona Nobis Pacem – gib uns Frieden. Dieser Titel ist mir wichtig, selbst auf die Gefahr hin, dass er auf manche naiv, pathetisch oder gar prätentiös wirken könnte“, so Neumeier bei der Präsentation seiner Abschiedssaison – und weiter: „Angesichts der um sich greifenden Unversöhnlichkeit in unserer Welt bot dieser Gedanke eine wichtige Anregung, mich mit Johann Sebastian Bachs vielschichtiger Komposition zu befassen. In meiner letzten Saison als Intendant sehe ich diese Kreation als große Chance.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: John Neumeier spricht über „Kameliendame“

Zusätzlich zeigt das Hamburg Ballett in der kommenden Saison insgesamt 14 Ballette von John Neumeier, wie in Hamburg Tradition wird es auch vier Ballett-Werkstätten geben, in denen der Chefchoreograf Einblicke in seine Arbeit und die Entstehung seiner Ballette gibt. Am 13. Mai 2023 lädt das Hamburg Ballett zu einem Tag der offenen Tür ins Ballettzentrum nach Hasselbrook ein.

„Die Unsichtbaren“ fragen nach den Nazi-Opfern unter den Tänzern

Auch im Festspielhaus in Baden-Baden verabschiedet sich John Neumeier als Ballettintendant vom Publikum. Unter dem Motto „The World of John Neumeier“ gibt es ein kleines Herbstfestival mit zwei Produktionen und einer Ballett-Werkstatt. Das Bundesjugendballett, das Neumeier weiterhin leiten wird, zeigt sein Stück „Die Unsichtbaren“. Im Fokus stehen von der Nazi-Diktatur ermordete Tänzerinnen und Tänzer, deren Spuren und Geschichte posthum durch Impressionen der Zeit zurück in einen Echoraum der Erinnerung geholt werden soll. Es ist ein Gedenken der Opfer eines despotischen Regimes, wie es auch John Cranko in seinem letzten Ballett „Spuren“ im Sinne hatte.

Gäste aus Stuttgart tanzen „Die Kameliendame“

Den krönenden Abschluss der Hamburger Jubiläumssaison bilden wie immer die Ballett-Tage, deren 48. Ausgabe, statt der üblichen zwei Wochen, zu einem vierwöchigen Festival ausgeweitet wird, Schlüsselwerke Neumeiers sind auch von anderen Kompanien zu sehen. So tanzt das Stuttgarter Ballett als das Ensemble, in dem Neumeiers Erfolgsgeschichte in Deutschland begann, am 5. und 6. Juli 2023 „Die Kameliendame“, die John Neumeier mit seiner alten Kompanie und ihrer neuen Chefin Marcia Haydée in der harten Zeit nach Crankos Tod 1978 in Stuttgart gestaltete.