John le Carré ist entschiedener Pro-Europäer. Foto: dpa/Jens Kalaene

Der Brite John le Carré ist der Altmeister der Spionageliteratur. In seinem neuen Roman „Federball“ wird der Brexit zum Beleg für den Verfall des Westens.

Stuttgart - Federball ist kein Kinderspiel. Jedenfalls nicht, wenn es Badminton heißt und in einem Londoner Club gespielt wird. Dann ist es ein Kräftemessen, bei dem es um Auslaugen, Täuschen, Überrumpeln und Dominieren eines Gegners geht. Für den 47-jährigen Nat, den Erzähler von John le Carrés neuem Roman „Federball“, einen britischen Geheimdienstmann kurz vor der Zwangsversetzung ins Zivilleben, war dieser Sport stets die Fortsetzung seiner Arbeit in kürzeren Hosen. Badminton hat Nat bei seinen Stationierungen im Ausland genutzt, um sich mit Agenten zu treffen oder neue zu rekrutieren. Zuhause in London aber denkt er nun an keine dienstlichen Zusammenhänge, als Ed, ein etwas linkischer junger Mann, im Athletics Club in Battersea auftaucht und ihn, den Club-Champion, zum Duell herausfordert.

 

Er sei, sagt Nats Vorgesetzter und vermeintlicher Förderer ihm später mal, immer schon zu alt für diesen Job gewesen – aber jetzt merke man es auch. Das ist einer jener Dolch-aus-dem-Gewande-Momente, die bei Carré das Geheimdienstleben unter Kollegen prägen. Gemeint könnte sein, dass Nat väterliche Gefühle für Ed entwickelt hat, oder zumindest ein bisschen sentimentales Verantwortungsgefühl auf vorerst noch komfortabler Armeslänge Abstand. In John le Carrés seit Jahrzehnten faszinierend ausgestalteter Agentenwelt aber, in der das Leben der Menschen mehr Lügen enthält als ihr Körper Wasser, sind Momente der unverhüllten Wahrheit und der echten Gefühle gefährliche Stolpersteine.

„Das beschissenste Chaos“

Nach den Badminton-Matches hält Ed, der – wie Nat glaubt – als Rechercheur in einem Medienhaus arbeitet, regelmäßig zornige Beinahe-Monologe gegen Donald Trump, den er eine „Bedrohung für die gesamte zivilisierte Welt“ nennt, und gegen den Brexit, der laut Ed „für Großbritannien, für Europa und für die liberale Demokratie auf der ganzen Welt das beschissenste Chaos ist, das man sich nur vorstellen kann.“

„Federball“ wird von vielen Kritikern vor allem als kämpferischer Roman des 88-jährigen Pro-Europäers John le Carré gegen den Brexit gepriesen. Das führt vielleicht ein wenig in die Irre. Der einst selbst für den Geheimdienst tätige Brite hat in seinen Romanen oft erfolgreich Informationen aus den Nachrichten und Spekulationen über die Rolle verdeckter Staatsorgane beim Umsetzen geheimer Strategien zu einem überzeugenden neuen Bild von Krisen und Entwicklungen zusammengesetzt. „Federball“ ist anders.

Naiv und wütend

Hier ist längst offensichtlich, was früher verborgenes Treiben gewesen wäre: Trumps Treffen mit Putin in Helsinki, das über den TV-Schirm der Club-Bar flimmert, steht sinnbildlich für die unverhohlene Offenheit der Demontage des Westens. Der zürnende Ed wirkt in Nats Augen darum eher naiv, die Fäulnis des Systems muss der Jüngere erst verwinden.

Präzise, mit Understatement, mit immer der richtigen Perspektive vom Seitenaus und mit einer dreist geführten Haarnadelkehre, die eine kleine Intrige unter Spionen kurzzeitig zum Brennglas des neuen Ost-West-Konflikts macht, stellt Le Carré die Frage, ob man etwas anderes tun kann als fruchtlos zu demonstrieren. Vielleicht auch nur die Frage, ob man seine Haut retten kann, falls man solch eine Möglichkeit findet und nutzt.