Foto: Kleinbach

Baden-Badens Kunsthallendirektor Johan Holten war Gast in der Galerie Klaus Gerrit Friese.

Stuttgart - Die bundesdeutsche Medienwelt hat Johan Holten zu ihrem Liebling der aktuellen Kulturszene gekürt. Wie bleibt man da auf dem Boden der Tagesarbeit? Durch Präzision und eine klare Positionierung. So erlebten die Besucher unserer Reihe "Über Kunst" am Montag den neuen Direktor der Kunsthalle Baden-Baden.

Kein Schützengraben, kein Kriegsgetöse. Johan Holten setzt in der in der Vergangenheit gerne diskutierten unmittelbaren Nachbarschaft der nun von ihm geleitenen Kunsthalle Baden-Baden und des Museums Sammlung Fieder Burda lieber darauf, die reale Brücke auch zu nutzen und gerade dabei von einem Überraschungseffekt zu profitieren. "Ich sehe die Chance, nach außen hin mit dem Museum Frieder Burda zu kooperieren, das jeweils eigene Profil zu schärfen und noch mehr Leute nach Baden-Baden zu locken", sagt Holten.

"Eine Ausstellung ist noch lang kein politischer Akt"

Auch wenn nicht jede Ausstellung die Welt neu erfindet: Im "Über Kunst"-Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung, in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Stuttgart skizziert der 35-jährige Kunsthallenchef an Beispielen, dass Kunst durchaus in die Gesellschaft wirke und damit auch eine politische Kraft entfalten könne. Manches Vorhaben aber sieht Johan Holten auch kritisch: "Eine Ausstellung für oder gegen einen Bahnhof zu konzipieren ist noch lange kein politischer Akt", warnt er vor "kurzfristigen Effekten".

Früh setzte Holten auf eigene Projekte. Als 22-Jähriger hatte er indes schon eine andere künstlerische Laufbahn hinter sich. "Der tanzende Kurator" titelten Zeitungen, als er nach vier Jahren in der Hamburger Ballett-Kompanie von John Neumeier, dem Studium der Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften und etlichen freien Ausstellungsprojekten mit 29 Jahren 2006 Direktor des Heidelberger Kunstvereins wurde. "Ich wollte unbedingt zu Neumeier, aber es gab auch noch so viele schöne andere Sachen", begründet Johan Holten den 120 interessierten Zuhörern in der Galerie Klaus Gerrit Friese die Vielfalt seiner Biografie.

Holten ist 1976 in Kopenhagen geboren und gesteht mit Charme: "Ich fühle mich voll als Däne, auch wenn ich fast die Hälfte meines Lebens in Deutschland verbracht habe." In Deutschland schätzt er die Dichte der Kunstvereine, der Theater, aber auch der Opernhäuser: "Die Deutschen sollten stolz auf diese Tradition sein", betont er.

"Stadtentwicklung kann nicht verordnet werden"

Holten hat Erzähltalent. Er redet schnell, beschwingt, begleitet seine Worte gestenreich, ironisiert auf angenehme Art, wenn er Bezug auf seine Berliner Ausstellung "Non Standard Cities" im Jahr 2004 nimmt. Das Vorhaben damals: mit künstlerischen Mitteln die offiziellen Richtlinien der Stadtentwicklung, vor allem die Standardisierung urbaner Strukturen, zu befragen. Bühne für "Standard Cities" war das Areal des einstigen Zentralschlachthofs Berlin, war die frühere Rinderauktionshalle auf einem Gelände, das laut einer Planung von 1995 im Eilverfahren entwickelt werden sollte. 4500 Menschen sollten dort einmal leben, bis heute sind es nicht einmal 900 neue Bewohner. "In die Rinderauktionshalle ist nach langem Leerstand ein Fahrradgeschäft eingezogen", sagt Holten lächelnd. Und er ergänzt: Stadtentwicklung könne "nicht von oben" verordnet werden. Es ließe sich nicht vorschreiben, "wie sich Leben anfühlen soll".

Und der Sprung aus der freien Arbeit auf den Stuhl des Direktors des Heidelberger Kunstvereins? "Brennendes Interesse am Gestalten" lässt den Künstler in Johan Holten rastlos erscheinen. Zugleich bleibt er zurückhaltend: "Nach den 35 Jahren Tätigkeit meines Vorgängers Hans Gercke hat niemand erwartet, dass ich dessen Arbeit fortsetze", sieht Holten im Rückblick den Bruch als Chance. Und er ergänzt: Nach "drei Jahren puschen, puschen, puschen" sei es ihm gelungen, Monopolist für Gegenwartskunst in Heidelberg zu werden. "Man denkt immer, Heidelberg sei eine Akademiker- und Studentenstadt", sagt Holten und lächelt vielsagend.

Perfekt verpackte Biografien werden zu Waren

"Die perfekte Ausstellung": Mit diesem provokanten Titel habe er die Heidelberger 2010 offenbar überzeugt. "Die perfekte Ausstellung" thematisierte die Methoden von Kunstkompass, Artfacts und anderen Künstlerranglisten, über angeblich objektive Parameter den gefragtesten Künstler zu ermitteln. "Perfekt verpackte Biografien von Künstlern sind zu Waren geworden", stellt Johan Holten hierzu fest. Er aber kenne kein System, das halbwegs oder annähernd eine perfekte Bewertung von Kunst ergebe. Und so basiere eine wirklich perfekte Ausstellung eben gerade nicht auf Statistiken und mathematischen Berechnungen. Was aber bleibt, ist der ständige Kampf um "die Ressource Aufmerksamkeit für den Künstler". Wie ein Naturgebot hätte folgerichtig die Vermittlung von Ausstellung an Gewicht gewonnen. Doch Holten warnt vor Missverständnissen: Nicht jeder, der eine Pressemitteilung verfasse, sei ein Kurator.

"Gefangen im Wettlauf um die Aufmerksamkeit", könne eine "knackige und harte Pressemitteilung auch zerstörerisch wirken". Der Kurator legt sich keine Zügel an, wenn er nun über die Arbeitsweise der Medien spricht. "Oft gibt es leider ein sehr eingeschränktes System der Vermittlung, reduziert auf Posen, Floskeln und Kuriositäten", sagt Johan Holten. Seit 1. April ist er Direktor der Kunsthalle Baden-Baden. Seine erste Ausstellung "Geschmack - der gute, der schlechte und der wirklich teure" sollte "Interesse wecken". Das scheint gelungen. "Die Berichterstattung darüber ist durch die Decke gegangen", sagt Holten - und lächelt noch einmal.

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