Jörg Zink Ein Dorfpfarrer für Millionen

Von Michael Trauthig 

Jörg Zink hat schon 21 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. Das nächste hat er bereits geschrieben. Foto: epd
Jörg Zink hat schon 21 Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. Das nächste hat er bereits geschrieben. Foto: epd

Der Bestsellerautor und einstige Fernsehpfarrer Jörg Zink wird 90. Fürs Aufhören sieht er keinen Grund.

Stuttgart-Möhringen - Vieles kommt einem in den Sinn, worauf Jörg Zink stolz sein könnte: 21 Millionen verkaufte Bücher, mehr als 100 Fernsehauftritte bis 1990 beim „Wort zum Sonntag“, 40 Filme, zahlreiche für den Hörfunk gestaltete Gottesdienste und Andachten oder mehr als ein halbes Dutzend Ehrungen. Doch bei der Frage, was ihm im Leben besonders wichtig war, tritt all das zurück: „Die Jugendfarm, die ich zwischen Vaihingen und Möhringen mit initiiert habe“, antwortet Zink. „Die ist bis heute gut gelungen.“ Er habe damals – 1970 als Gemeindepfarrer – etwas für Kinder getan, „deren Welt zu einseitig aus Beton und Teppichböden besteht und die mit Tieren und Werkzeugen arbeiten wollten“.

Diese Aussage ist typisch für den evangelischen Theologen. Da ist die elegante und präzise Sprache, die seine Schriften kennzeichnet. Und da ist die Bescheidenheit eines Mannes, der sich trotz einiger Pioniertaten nie so wichtig genommen hat. „Ich bin kein Professor, sondern ein Dorfpfarrer, der in den Bahnen eines normalen Menschen denkt.“ Der Jubilar, der heute seinen 90. Geburtstag begeht, sitzt bei Kaffee und den von seiner Frau gebackenen Weihnachtsplätzchen im Arbeitszimmer seines Möhringer Wohnhauses. Die Regale voll Bücher an den Wänden reichen bis an die Decke. Zwei riesige Schreibtische dominieren den Raum. Einer für die Korrespondenz, der andere für neue Schriften. Der Entwurf eines Covers liegt darauf. „Das offene Gastmahl“, lautet der Titel. Das Buch soll im März erscheinen und daran erinnern, dass es neben dem letzten Abendmahl Jesu im Neuen Testament das fröhliche Gastmahl gibt, das Jesus mit Armen und Ausgegrenzten feierte. Diese Tradition solle die Kirche stärken und mit Einladungen zu solchen Mahlen die Grenzen zwischen den Konfessionen und Religionen schleifen, meint Zink.

„Was ich zu sagen habe, sage ich jetzt in meinen Büchern“

Etwa 250 Werke sind bereits aus seiner Feder geflossen. Da imponiert es, dass der Einfallsreichtum und Schaffensdrang noch so groß sind, dass der Publizist weiter die christliche Botschaft für die Gegenwart übersetzt. Dabei schien es zeitweise, als mache die Gesundheit nicht mehr mit. Vor zwei Jahren entkam der Vater von vier Kindern dem Tode nur knapp. Er erlitt einen Herzanfall, bekam Bypässe und überstand eine weitere OP. „Jetzt geht es mir erstaunlich gut“, sagt der vierfacher Großvater etwas zögerlich. Vom Kirchentag, seinem geliebten Forum über Jahrzehnte, musste sich der in Hessen geborene Sohn eines Gärtners aber per Videobotschaft aus Stuttgart verabschieden. Tausende waren dazu vergangenes Jahr noch einmal in die Dresdner Arena gekommen. „Das Publikum war lieb, begeistert und traurig“, meint Zink. „Was ich zu sagen habe, sage ich jetzt in meinen Büchern.“

Deren Faszination speist sich aus einer behutsam poetischen, bildreichen und eingängigen Sprache. Damit hat Zink ein Massenpublikum erreicht, aber auch Kritik von Kollegen heraufbeschworen, die an seiner dogmatischen Korrektheit zweifelten. Den Autor, der sich 1980 vom kirchlichen Dienst beurlauben ließ, ficht das nicht an. Zink ist es gewohnt, mit seinen fortschrittlichen Gedanken anzuecken. Er war ein Vorreiter der Friedens- und Ökologiebewegung, kämpfte gegen die Wiederaufrüstung und war einst wegen seiner Gesprächsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion als Kommunist verschrien.

Auch heute hält das Mitglied der Grünen mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er wirbt für mehr Toleranz zwischen den Religionen, setzt sich für einen Mindestlohn ein und verurteilt die Gewalt im Nahen Osten. Christen hätten die Pflicht, sich einzumischen, sagt er deutlich. Das gelte auch für den letzten Lebensabschnitt: „Alte Menschen haben ihre Erfahrung in die Waagschale zu werfen. Ich halte sie nicht für beurlaubt von der Politik.“

Redaktion Möhringen

Ansprechpartner
Sandra Hintermayr und Rüdiger Ott
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