Jörg Widmann Immer wieder über Grenzen gehen

Von Susanne Benda 

„Bei mir gibt es kein Entweder – Oder“: Jörg Widmann Foto: Marco Borggreve
„Bei mir gibt es kein Entweder – Oder“: Jörg Widmann Foto: Marco Borggreve

Er ist der Sonnyboy der Neuen Musik: wach, offen, kommunikativ. Und er ist einer der produktivsten und vielseitigsten Musiker unserer Tage. Eine Begegnung mit Jörg Widmann.

Stuttgart - Was ist Musik? Wo beginnt und wo endet sie? „Musik ist ein Weib“, behauptete mit Blick auf das „sich Hingebende“ von vergehenden Klängen der Komponist Richard Wagner. „Musik ist Sprache“, schrieb sein Kollege Anton Webern; vom „Klang gewordenen Strom der überbewussten kosmischen Elektrizität“ sprach (wer sonst als) Karlheinz Stockhausen. Natürlich hat auch Wolfgang Rihm die Klang-Kunst definiert: als „Färbung und Formung von Zeit, sinnlicher Ausdruck von Energie, Abbild und Bann von Leben, dabei aber auch Gegenbild, Gegenentwurf: das Andere (von dem ich – als solchem – nicht wissen darf, was es ist).“

Diese Formulierung ist, mit Verlaub, ein echter Rihm: Sie ist blumig, wirkungsvoll, ein wenig verrätselt – und trifft wohl gerade deshalb den Nerv einer Kunst, die viel sagt, ohne sich davon einen Begriff zu machen, und deren Stärke gerade diese vermeintliche Schwäche ist. Musik, hätte Rihm auch sagen können, lässt Begrenzungen hinter sich.

Jörg Widmann, Jahrgang 1973, spricht immer wieder über das Grenzsprengende der Musik. Er hat (auch) bei Wolfgang Rihm Komposition studiert, und es ist vorstellbar, dass er Musik ähnlich definieren würde wie dieser. Vorstellbar ist aber auch, dass er die Kunst, die er liebt und ausübt, gar nicht pauschal beschreiben will. Weil er sie nämlich einfach macht. Weil er komponiert. Klarinette spielt. Und seit ein paar Jahren auch gelegentlich dirigiert.

Mozarts Klarinettenkonzert: ein Blick in die Unendlichkeit

Wenn man sich mit Jörg Widmann über Musik unterhält, dann geht es um Konkretes: zum Beispiel um Alban Bergs vier Stücke op. 5, „das Größte, was es gibt“, um Schumanns Fantasiestücke – Herzensmusik mit einer „ver-rückten Syntax und einer flackernden Fieberkurven-Melodik“. „Diese Musik“, sagt der 42-Jährige über Schumanns op. 73, „ist moderner als das meiste, was wir heute komponieren. Einerseits ist hier permanentes Singen gefordert, andererseits steht nach jedem Satz ‚attacca‘ – wenn der Klarinettist das wirklich macht, ist er spätestens nach dem zweiten Satz tot.“

Um Mozarts Klarinettenkonzert geht es auch, immer wieder: weil dieser Komponist die Fähigkeit der Klarinette, einen Ton ins fast Unhörbare verschwinden zu lassen, verstanden und instrumentalisiert habe wie kein anderer. So spielt der Klarinettist Jörg Widmann auf seiner neuen CD dann auch den langsamen Satz von Mozarts Klarinettenkonzert: als Blick in die Unendlichkeit. Die Unmittelbarkeit, mit der er hier leiseste Klang-Nuancen gestaltet und durchlebt, ist ungemein intensiv.

„Romantik ist nicht Nostalgie“

Schließlich geht es auch noch um Carl Maria von Weber, den Widmann für „schrecklich unterschätzt“ hält. Bei diesem Komponisten gebe es so viel Unerhörtes, Modernes – und eben jene Art von Romantik, die ihn heute vor allem interessiere: das Dunkle, Schwarze, „und das ist alles andere als pure Nostalgie“. An diesem Sonntag wird Jörg Widmann mit dem Stuttgarter Kammerorchester Webers Klarinettenquintett (in der Fassung für Streichorchester) spielen: „ein geniales Stück, Gesang voller Tiefe, Dramatik und Schmerz“. Spätestens die Fantasia im zweiten Satz werde jeden Zweifler bekehren – „und wenn nicht, dann haben wir Interpreten etwas falsch gemacht“. Musik muss etwas ausdrücken: Das fordert der Musiker, das fordert der Komponist. „Einmal ein Stück komponieren wie die ‚Freischütz‘-Ouvertüre“, seufzt Letzterer, „dann hätte ich mein Erdenwerk vollbracht.“

Ob er sich eher als Klarinette spielender Komponist versteht oder als komponierender Klarinettist? „Wenn ich auf der Bühne Klarinette spiele, bin ich Klarinettist, wenn ich Musik schreibe, bin ich Komponist, aber ich bin mir gar nicht so sicher, dass das jeweils andere dann Pause macht. Es gibt, fürchte ich, bei mir kein Entweder – Oder.“ Sogar als (Doppel-)Professor für Klarinette und Komposition (der sich zurzeit ein vierjähriges Sabbatical gönnt) hat Widmann 15 Jahre lang an der Freiburger Musikhochschule das praktische Musizieren und das Komponieren immer wieder zu verbinden versucht, „damit an der Hochschule nicht immer alles so nebeneinander her läuft“.

Vom langen Atem der Musik

Kompromisse schließt Widmann deshalb aber nicht: Wenn er für sein eigenes Instrument komponiert, dann entsteht keine Musiker-Musik, die nur das bedient, was auf dem Instrument möglich ist. „Ich kenne die Grenze“, sagt der Komponist, „aber gerade deshalb gehe ich gerne lustvoll einen Schritt über sie hinaus.“ Da haben wir sie also durch die Hintertür doch noch bekommen, seine eigene Definition von dem, was für ihn Musik ist. Wobei die Grenze des Bläsers sehr viel mit dem Atem zu tun hat, und diesen Atem spürt man überall in seinen Kompositionen – auch dort, wo Töne nicht geblasen, sondern gestrichen oder angeschlagen werden.

Natürlich gibt es für Jörg Widmann auch Dinge neben der Musik; um diese ganz auszuschalten, ist er der Welt dann doch zu zugewandt. Aber die Kunst ist es, die ihn erfüllt – und manchmal, erzählt er lachend, auch ein kleines bisschen blind macht. Zum Beispiel, als er in Freiburg seine jetzige Wohnung besichtigte: Da habe ihm eine Frau Löw die Tür geöffnet; er habe er sich beim Gang durch die Zimmer über die vielen Fußball-Pokale gewundert, die dort herumstanden. Erst später wurde ihm klar, wer sein Vormieter war, „und dann hab’ ich mich im Intercity auch mal mit dem Bundestrainer über Fußball und Musik unterhalten“.

„Klang ist etwas Heiliges“

Sein Kollege Mark Andre hätte das bestimmt nicht getan. Ihn beneidet Widmann um seine Konzentration. Im Gegenzug beneidet Andre Widmann womöglich um das, was dieser selbst als „Unerschrockenheit und Vielfalt“ bezeichnet. Gemeinsam haben beide bei den Donaueschinger Musiktagen 2015 Mark Andres Klarinettenkonzert „über“, das mit langen, leisen Atemzügen des Solisten beginnt und endet, zur umjubelten Uraufführung verholfen. Was beide eint? „Klang“, sagt Jörg Widmann, „muss eine Aura haben. Magie. Klang ist etwas Heiliges.“ Im Foyer des Hotels schallt der Jubel von Handballfans zu den Gesprächspartnern hinüber wie Lärm aus einer fremden Galaxie.

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