Vor zehn Jahren schien in der arabischen Welt eine neue Zeit zu beginnen: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Der frühere ARD-Korrespondent Jörg Armbruster zieht nun in seinem neuen Buch Bilanz: „Die Erben der Revolution“ – voller Überraschungen.
Stuttgart - Es ist ein kleines Stück Zeit- und Fernsehgeschichte, was die „Tagesschau“ weiter auf ihrer Webseite für den Zuschauer bereithält: das Video einer Liveschaltung am Nachmittag des 11. Februar 2011, kurz nach 17 Uhr, in das ARD-Studio in Kairo. Der Nahostkorrespondent Jörg Armbruster berichtet hier seit Wochen über den Protest der Bevölkerung gegen den langjährigen Staatschef und Quasidiktator des Landes, Hosni Mubarak. Armbruster will seinen ersten Satz sprechen, da bricht im Hintergrund ohrenbetäubender Jubel los.
Gerade macht eine Neuigkeit die Runde, und die Menschen auf der Straße direkt vor dem Haus, vor allem aber auf dem etwas entfernten Tahrir-Platz kennen kein Halten mehr: Mubarak hat dem Druck der Straße endlich nachgegeben und tritt nach 30 Jahren Herrschaft zurück. Aus der kurzen Liveschalte wird ein neunminütiges, spontanes Zeitdokument. Zeitweise hält Armbruster einfach das Mikrofon über sein Balkongitter nach draußen, damit die Atmosphäre des Augenblicks bis nach Deutschland dringt. Und so sachlich und neutral, eben professionell der SWR-Journalist selbst in dieser ganz besonderen Situation berichtet – man spürt zwischen den Sätzen, wie auch er in diesem Augenblick die Hoffnung hegt, für die Menschen in Ägypten könnten nun bessere Zeiten anbrechen.
Viele hofften auf politische Modernisierung
Der Sturz Mubaraks vor nunmehr fast zehn Jahren war der vorläufige Höhepunkt des Arabischen Frühlings, einer wenige Wochen zuvor in Tunesien begonnenen Protestbewegung großer, vor allem junger Bevölkerungsgruppen gegen die zum Teil seit vielen Jahren undemokratisch und korrupt herrschenden Eliten ihrer Heimatländer. Nach Tunesien und Ägypten wurden Libyen, Algerien, der Sudan, Syrien, Bahrain und Jemen davon erfasst. Für wenige Wochen schien es vielen Beobachtern in Europa so, als würde die arabische Welt einen großen politischen und gesellschaftlichen Modernisierungsschub erleben – „Modernisierung“ im westlichen Sinne, versteht sich.
Zehn Jahre sind seitdem vergangen, viele Nahostexperten ziehen Bilanz über das wahre Maß der Veränderungen – auch Jörg Armbruster, ausgezeichnet mit höchsten Journalistenpreisen, inzwischen 73 Jahre alt und längst wieder daheim in Stuttgart. „Die Erben der Revolution“ heißt sein Buch zum Thema, das frisch erschienen ist und dessen Premiere am Dienstagabend im Stuttgarter Literaturhaus gefeiert wurde, moderiert von der Berliner Journalistin Insa Wilke; Corona-bedingt natürlich ohne Publikum vor Ort, sondern digital als Liveübertragung im Netz.
Krieg und Willkür sind zurückgekehrt
Eigentlich scheint die Bilanz aus der mitteleuropäischen Perspektive ja ganz einfach: Der Arabische Frühling ist ein schöner Traum geblieben. In Tunesien wechseln die Regierungen seitdem fast jährlich, in Libyen herrscht Chaos, Syrien ist Kriegswüste, in Jemen verhungern die Kinder; die Scheichs in Saudi-Arabien und den Emiraten sitzen fester im Sattel denn je, von der iranischen Schreckensführung ganz zu schweigen.
Aber so schlicht und einfach macht es sich Jörg Armbruster natürlich nicht. Noch immer hat er intensive Verbindungen zu seinem früheren Lebensmittelpunkt. Er ist in den Monaten vor Beginn der Pandemie durch die Länder gereist, hat alte Kämpfer von damals und neue Streiter interviewt. Sein Sachbuch ist keine geopolitische Betrachtung von oben, sondern eine intensive Recherche an der Basis. Und deswegen weist es jene Stärken auf, die man schon immer an Armbrusters Journalismus schätzen konnte: Es ist differenziert, lebensnah, neugierig, ergebnisoffen – und kritisch.
Dem Westen ist Demokratie anderswo im Zweifel egal
Natürlich ist auch Armbruster tief entsetzt von der Tatsache, dass zehn Jahre nach Mubaraks Sturz das aktuelle Ägypten unter Präsident Abd al-Fattah al-Sisi schlimmer dastehe als je zuvor, zu den „aktuell repressivsten Staaten der Welt“ zähle, jede freie und kritische Meinungsäußerung von den Staatsorganen brutal unterdrückt wird, kritische Geister mit schlimmster Folter gebrochen werden. Bei der Frage, wie es nach dem Militärputsch 2013 so weit kommen konnte, sieht Armbruster auch eine Mitverantwortung Europas: „Die Außenminister des Westens gaben sich nach dem Sturz Mubaraks in Kairo zwar die Klinke in die Hand, aber natürlich fürchteten sie auch die mögliche Instabilität, die mit einem Politikwechsel in Ägypten verbunden sein könnte.“
Letztlich gehe es bei der Frage, wie man neue arabische Herrscher zu bewerten habe, für Europäer stets nur um folgende Fragen: Sind sie Verbündete im Kampf gegen Terroristen? Sind sie bereit, Flüchtlinge von Europa fernzuhalten? Sichern sie den freien Zugang zu den Rohstoffen? Und wie ist ihre Haltung gegenüber Israel? „Demokratie spielt da im Zweifel keine herausragende Rolle.“
Im Sudan gibt es Hoffnung
So bitter Armbrusters Bilanz der Lage in Ägypten ist, so positiv ist sein Blick auf Sudan. Einer breiten Oppositionsbewegung im Land sei es in einer zweiten Revolutionswelle im Frühjahr 2019 gelungen, die 30-jährige Schreckensherrschaft des Autokraten Umar al-Baschir zu beenden und das Militär des Landes zur Machtteilung zu zwingen. „Es war sehr klug, sich auf eine dreijährige Übergangszeit zu einigen, in der sich erst einmal neue Parteien gründen und organisieren können.“ Bei seinen Interviews vor allem mit engagierten Frauen im Land hat Armbruster viel Stolz über das Erreichte gespürt. „Auf meine Frage, ob sie die Erben des Arabischen Frühlings seien, haben sie die Stirn gerunzelt. Ihre Revolution sei nicht arabisch, sondern sudanesisch“; ein erstaunliches Selbstbewusstsein in einem Land, das aufgrund seiner Vielzahl an Ethnien, Sprachen und religiösen Strömungen für westliche Augen völlig disparat wirke.
Es ist zweifellos ein Fehler, dass uns im Medienalltag nur so spärlich Einblicke in die langfristigen Entwicklungen dieser Lände gewährt werden. „Seit Wochen hört man in den Nachrichten ja nichts anderes als Corona, Trump und Brexit“, beschrieb die Moderatorin Insa Wilke die aktuelle Lage sicher zutreffend. Durch Armbrusters Buch komme nun endlich wieder „so etwas wie Welt“ in den Blick des Lesers. Das wird den TV-Journalisten, der ja viele Jahre lang auch den ARD-„Weltspiegel“ präsentiert hat, bestimmt gefreut haben. In jedem Fall ist der Abschlusssatz seines Buches ein Grund zur Hoffnung: Nach wie vor seien junge arabische Menschen bereit, „dafür zu kämpfen, dass aus rechtlosen Untertanen mündige Staatsbürger werden“.
Jörg Armbruster: Die Erben der Revolution. Was bleibt vom Arabischen Frühling? Hoffmann und Campe, 304 Seiten, 25 Euro.