Blick vom Württemberg auf Luginsland Foto: Kraufmann

Vielleicht war meine kleine Tour nach Luginsland Zufall, vielleicht auch nicht.

Als alles vorbei war, ging ich nach Luginsland. Die Stuttgarter Kickers hatten sich würdig als Vizemeister von der Saison verabschiedet, der FC Barcelona Manchester United die kulturellen Grenzen des Empire aufgezeigt, und der Stuttgarter Stadtlauf war vorbei. Die Blaskapellen und das Gejohle am Straßenrand haben mich einst bewogen, doch lieber der Marschmusik der jüngeren Mitbürger zu folgen, der Marschmusik, die man Techno nennt.

Derart beflügelt, stieg ich in den Vierer nach Untertürkheim, wo der 60er-Bus nach Luginsland wartet. Es wäre anmaßend zu sagen, ich hätte eine Ahnung von Luginsland. Alles, was ich weiß, habe ich gelesen, und das ist nicht viel. Ich war am Sonntag in Luginsland, und wer einen Ort sonntags betritt, hat kein Recht, viel darüber zu sagen. Sonntags sind die Straßen leer, der Bäcker Mischke und der Kiosk haben geschlossen, die einzigen Stimmen, die ich vernommen habe, drangen aus der Gaststätte Luginsland. Es war ein heißer Tag im Mai, ich war schon eine Weile unterwegs, als die Leute in dem Gasthof sangen, dass man auf der Straße einsteigen konnte: "Und wenn rot die Rosen blühn / und die Wiesen sind so grün, / und der Mond sieht unser Glück, / denk' ich oft und gern zurück . . ." Das sind Zeilen aus dem "Schneewalzer", und man könnte den Rhythmus leicht in Techno umfrisieren, würden nicht gerade eine Dame oder ein Herr aus Luginsland den dritten Frühling feiern.

"getragen von Idealismus und Sparwillen"

Vielleicht war meine kleine Tour über Untertürkheim hinaus Zufall, vielleicht auch nicht. Wenn die Leute wieder Schneewalzer tanzen, im Dezember, ist es 100 Jahre her, seit Arbeiter von Daimler und Bosch ihre Genossenschaft gegründet haben: "getragen von Idealismus und Sparwillen", zur "Verbesserung der Wohnlage". So steht es auf einem Schild in Luginsland, wo 3000 Bürger neben Weinbergen wohnen.

In der historischen Gartenstadt kann man die Grabkapelle auf dem benachbarten Württemberg sehen, auch den Fernsehturm in Degerloch weit über dem Kessel, man kann, was rede ich überhaupt, eine Menge schöner Landschaft sehen, sonst hieße der Flecken ja nicht Luginsland.

Eine Weile bin ich herumgelaufen, mit Respekt, denn überall in Luginsland stößt man auf Geschichte. Die Geschichte von Aufbruch und Hoffnung, von Terror und Mord. Und dann geht man in sich, so weit es geht, bevor man am selben Tag im Internet liest, der amtierende Oberbürgermeister mache mal wieder gegen die "Radikalen und Anarchisten" einer Stadt mobil, die er für die seine hält.

Als die Arbeiter vor hundert Jahren darangingen, ihre Genossenschaft zu gründen, um menschenwürdige Wohnungen zu schaffen, hat sie nicht der Klassenkampf getrieben. Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Karl Lautenschlager, unterstützte die Idee, und Daimler und Bosch gaben Kredit, damit sich die Arbeiter in Luginsland eine Heimat bauen konnten. Die linken Kräfte im Ort waren stark, viele gingen in den Widerstand gegen die Nazis. Ein Kapitel, von dem man heute an vielen Orten Spuren findet. Am Marienplatz gibt es die Else-Himmelheber-Staffel, zum Gedenken an die Braut des Widerstandskämpfers Friedrich Schlotterbeck, den Sohn von Gotthilf und Maria Schlotterbeck. Else Himmelheber wurde wie viele Angehörige und Freunde der Familie von den Nazis ermordet. Elf Menschen der antifaschistischen Schlotterbeck-Gruppe fielen Hitlers Vollstreckern zum Opfer. Im Annaweg von Luginsland, wo die Familie zu Hause war, kann man die Gedenktafel studieren.

Die Geschichte der Schlotterbecks ist auch die Geschichte von Luginsland, von den Anfängen und Errungenschaften der Genossenschaft. Aber wie ein Sonntagsspaziergang ist auch eine Kolumne zu kurz, um historisches Gelände auszuleuchten.

Ein einzigartiges Stück Klein-Stuttgart

Die meisten Häuser von Luginsland, Pionierleistungen der Architektur, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut. Heute flaniere ich durch ein einzigartiges Stück Klein-Stuttgart, und unterwegs denke ich mir: Wenn man nur ein wenig herumläuft und hinschaut, relativieren sich die Dinge. Es gibt ein ehrenwertes, nicht sehr bekanntes Stuttgart, und wer dieses Stuttgart für sich entdeckt, hat wenig Respekt vor denen, die es zu besitzen glauben. Womöglich war es die Marschmusik der Läufer, die mich getrieben hat, das Weite und, vor dem 100. Geburtstag, den Zipfel der Stadt zu suchen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: