Eine Managementkarriere in Teilzeit? Wie das funktionieren kann, zeigen zwei Mütter, die sich beim Ditzinger Maschinenbauer Trumpf die Stelle einer Hauptabteilungsleiterin teilen und Verantwortung für weltweit rund 1000 Entwickler tragen.
Katja Tiltscher und Kathrin Anandasivam haben vieles gemeinsam – sie sind Führungskräfte, arbeiten in Teilzeit und brennen für ihren Job. Beide sind 42 Jahre alt, beide haben zwei Kinder. Trotz Karriere soll auch Zeit für die Familie bleiben, darin sind sich die Managerinnen einig.
Deshalb arbeiten die beiden Führungskräfte seit der Geburt ihrer Kinder in Teilzeit – zunächst allein. Seit fünf Jahren machen Tiltscher und Anandasivam Jobsharing oder vielmehr Topsharing, wie man das Teilen einer Führungsstelle nennt. Erst als Abteilungsleiterin, vor zwei Jahren sind sie aufgestiegen und teilen sich seither die Stelle einer Hauptabteilungsleiterin. Sie haben den gleichen Arbeitsvertrag, die gleichen Zielvereinbarungen, gehen gemeinsam ins Mitarbeitergespräch mit dem Chef. Eine Karriere im Tandem.
„Wir sind da eher naiv reingegangen“
„Wir haben uns nicht gekannt und sind da eher naiv reingegangen“, sagt Anandasivam, die mittlerweile seit 17 Jahren bei Trumpf arbeitet. „Ich hatte großes Vertrauen in das Unternehmen,dass man uns auch den Rückweg wieder ebnet, wenn es nicht funktioniert.“ Und Tiltscher ergänzt: „Wir haben uns tief in die Augen geschaut und gefragt, ob so ein Tandemmodell für uns denkbar ist.“ Nachdem sie sich kennengelernt hatten, war klar, dass es passen könnte. Ein ähnliches Wertegerüst, angefangen vom Führungsstil bis zur Kindererziehung, aber auch den Ehrgeiz und die Offenheit nennen beide als entscheidende Punkte. Denn nur so könne Vertrauen entstehen, damit man miteinander und nicht gegeneinander arbeite.
Der Berufsalltag als Tandem hat sich längst zurechtgeruckelt, mittlerweile sind sie als Hauptabteilungsleiterinnen ein eingespieltes Tandem – jede hat von der anderen gelernt und profitiert. „Das Tolle ist, dass wir sehr unterschiedlich sind in dem, was wir können“, sagt Anandasivam, die früher die Ausbildungsabteilung geleitet hat. Als Wirtschaftsingenieurin liegt ihr Fokus mehr auf der Technik, der von Betriebswirtin Tiltscher, die vor ihrem Wechsel zu Trumpf unter anderem Personalleiterin beim Maschinenbauer Voith war, mehr auf Personalthemen und Organisationsentwicklung. „Zwei Teilzeitstellen auf einer Stelle, die ein Mensch allein so nicht ausfüllen könnte, auch nicht von den Themenfeldern her“, sagen die beiden. Zusammen kommen sie auf etwa 130 Prozent einer Vollzeitstelle, die sie sich 50:50 teilen.
„Wir arbeiten jeden Tag einige Stunden“
„Wir schichten nicht, sondern arbeiten jeden Tag einige Stunden“, sagt Tiltscher. „Katja fängt etwas früher an, dafür bleibe ich etwas länger. In der Regel decken wir die Zeit zwischen 7 und 16 Uhr ab“, sagt Anandasivam. Die Zeit danach gehört der Familie.
Gemeinsam sind die Managerinnen in der Forschung und Entwicklung im Geschäftsbereich Werkzeugmaschinen für rund 1000 Beschäftigte verantwortlich. Im Fokus stehen die Menschen und die Prozesse dahinter, neue Führungsstrukturen und -kulturen, damit die richtigen Menschen mit der richtigen Qualifikation zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden können. „Es geht um ein neues Rollenverständnis und Leadership-Modell“, sagt Tiltscher. „Dafür stehen wir auch.“
Im Gespräch geben sich die beiden Frauen offen und direkt, lachen und scherzen, werfen sich verbal die Bälle zu. „Wir haben eine riesige Lernkurve hinter uns“, sagt Tiltscher. „Wir haben gelernt, unsere Rüstung abzulegen“, sagt Anandasivam salopp. Jede kennt die Schwächen und Stärken der anderen. „Wir haben auch gelernt, miteinander zu streiten“, sagt Tiltscher. Dass sie auch Unterstützung von einem Coach hatten, um als Tandem zusammenzuwachsen, verhehlen sie nicht – es geht um eine Stelle, aber um zwei Persönlichkeiten.
„Wir sind kein Klon“
„Wir sind kein Klon. Ich hab durchaus andere Ansichten und Blickwinkel zu Themen und Situationen als Kathrin, das muss man ausdiskutieren, aber hinter den Kulissen“, sagt Tiltscher. „Wenn etwas schiefgeht, würde ich nie sagen, das hätte ich aber anders gemacht“, sagt sie. Ihre Tandempartnerin sieht es genauso. „Dieses Auseinanderdividieren wäre der Tod für ein Tandem. Uns passieren auch mal Fehler, aber wir haben gelernt, uns aufzufangen und nicht zu kritisieren.“ Das wolle man auch den Mitarbeitern mitgeben.
Eine halbe Führungsstelle bedeutet volle Verantwortung. Erfolg oder Misserfolg der einen fällt auch auf die andere zurück. Konkurrenzdenken, Neid oder Missgunst seien fehl am Platz. Man müsse der anderen auch den Erfolg gönnen, sind sich beide einig.
Am Anfang versuchten sie sich bis ins Detail auf dem Laufenden zu halten. Heute nennen sie das „übertrieben“, weil es viel Zeit gekostet habe. „Wir brauchen nicht mehr so viel Austausch, machen aber digitale Notizen, um grob informiert zu sein“, sagen sie. Ist eine mal „verschnupft“, werden Missverständnisse schnell ausgeräumt. Das Feedback von Mitarbeitern und Vorgesetzten ist positiv. Für den Chef hat das Tandem den Vorteil, dass er Konzepte vorgelegt bekommt, die schon einmal gespiegelt sind, weil sie beide Managerinnen reflektiert haben.
„Teilzeitmutter selbst im Tandem ist kein Wochenendausflug“
„Am Ende des Tages wollen wir erfolgreich sein und zeigen, das Tandem kann es – auch wenn wir Kinder haben und nicht Vollzeit arbeiten“, sagt Tiltscher. „Wenn das Kind krank ist oder die Kita anruft, kann eine von uns auch mal zwei Stunden abtauchen und die andere einspringen. Sonst muss man immer alles aufs Team abwälzen“, sagt Anandasivam. „Aber Teilzeitmutter selbst im Tandem ist kein Wochenendausflug“, sagt sie auch.
Das Verhältnis der beiden Managerinnen ist längst freundschaftlich, auch ihre Männer und Kinder kennen und verstehen sich. Und was, wenn sich eine Karrierechance nur für die eine von beiden ergibt? „Wir sind nicht aneinandergekettet und stehen uns nicht im Weg“, sagt Tiltscher. „Ich würde Katja als Vertraute um Rat fragen, was sie von der Stelle hält“, sagt Anandasivam. Aber für beide ist das derzeit kein Thema, eine Karriere als Tandem möglicherweise schon – aber nicht in einer neuen Konstellation. „Wir würden immer nur vergleichen“, sagt Anandasivam.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Trumpf
Arbeitszeitmodelle
Die sind vielfältig. So bietet Maschinenbauer Trumpf die Möglichkeit zu Pflegezeit, Sabbaticals und Teilzeit. Mitarbeiter können sich zudem je nach Lebensphase jedes Jahr entscheiden, wie viele Stunden sie pro Woche arbeiten möchten. Die möglichen wöchentlichen Arbeitszeiten reichen von 15 bis 40 Stunden.
Service
Beschäftigte haben die Möglichkeit, subventioniertes Essen mit nach Hause zu nehmen. So sparen sich Eltern abends das Kochen. Zudem gibt es einen Kindergarten auf dem Firmengelände und einen Reinigungs- und Bügelservice.
Sport
Beschäftigte können ein Fitnessstudio mit Fußball- und Basketballcourt sowie das Yoga- und Indoor-Bike-Areal nutzen, das spart Fahrwege. Wer Lust hat, kann so auch die Mittagspause für Sport nutzen.