Die Mitarbeiter von Bosch sind geschockt, dass Bosch weitere 1000 Arbeitsplätze am Standort Schwäbisch Gmünd streichen will. Die IG Metall spricht gar von Erpressung und gibt sich kämpferisch. Kritik an Bosch gibt es auch an anderen Standorten.
Stuttgart - „Die Mitarbeiter befinden sich in einer Schockstarre“ – so charakterisiert Roland Hamm, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Schwäbisch Gmünd, die Stimmung auf der Betriebsversammlung von Bosch Automotive Steering (Lenksysteme). Einen Tag zuvor haben die rund 5000 Beschäftigten am Standort Schwäbisch Gmünd von der Geschäftsleitung erfahren, dass weitere 1000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen. Je zur Hälfte sollen Produktion sowie Verwaltung, Vertrieb und Entwicklung betroffen sein. „Es herrscht Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit“, sagt Hamm.
Der Gewerkschafter gibt sich kämpferisch: „Wir werden das nicht hinnehmen“, schimpft er. Ihn empört nicht zuletzt der Zeitdruck, den das Unternehmen ausübt. Bereits bis Ende des Jahres, so lautet das Ziel, will der weltgrößte Zulieferer gemeinsam mit den Vertretern der Arbeitnehmer konkrete Maßnahmen vereinbaren.
„Ansonsten müssen wir darüber nachdenken, den Zukunftssicherungspakt aufzukündigen“, sagt eine Bosch-Sprecherin. Damit wären betriebsbedingte Kündigungen bereits von Januar an möglich. Eigentlich läuft die geltende Beschäftigungssicherung bis Ende 2022. Hamm wertet das Vorgehen als Erpressung. Die Lage „ist so dramatisch“, sagt dagegen die Bosch-Sprecherin. Sie nimmt Worte wie Transparenz und Offenheit gegenüber den Mitarbeitern in den Mund.
IG Metall kritisiert Bosch-Management
Bosch hat die Beschäftigten am Donnerstag über die neuen Sparmaßnahmen informiert. Begründet werden sie mit einer deutlichen Marktabschwächung sowie einem zunehmenden Wettbewerbs- und Preisdruck. Sowohl die Umsatz- als auch die Ergebnisentwicklung des Geschäftsbereichs lägen weit unter Plan. Wie der Plan lautet, sagt die Sprecherin nicht. Sie will auch nicht sagen, ob im Bereich Lenksysteme rote Zahlen geschrieben werden.
Nur so viel: Man gehe davon aus, dass der Markt für Lenksysteme langfristig auf dem niedrigen Niveau bleibe. Im Jahr 2017 hatten Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertreter eine Standortsicherung vereinbart, in der Kündigungen bis Ende 2022 ausgeschlossen sind. Vereinbart wurde damals aber auch, dass 760 Stellen im Werk sozial verträglich abgebaut werden sollen; was mittlerweile auch geschehen ist. Im Gegenzug hatte das Unternehmen Investitionen von 100 Millionen Euro zugesagt, um den Standort fit zu machen.
Die Kosten seien in den vergangenen Jahren auch gesenkt worden, heißt es bei Bosch. „Bei den verschärften Rahmenbedingungen reichen die Maßnahmen jedoch deutlich nicht aus, um den Standort auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen“, sagt Christian Sobottka, der Vorsitzende des Bereichsvorstands von Bosch Lenksysteme. Gewerkschafter Hamm kritisiert dagegen das Management heftig. Er nimmt gar das Wort Managementfehler in den Mund.
So seien etliche der vereinbarten Maßnahmen nicht umgesetzt worden. Als Beispiel nennt er die Unterbrechungszeiten in der Produktion. Weil in der Instandhaltung zu wenige Mitarbeiter tätig seien, komme es immer wieder zum Stillstand von Maschinen und Anlagen. Den Produktionsausfall müssten die Beschäftigten dann teilweise am Wochenende nachholen – mit entsprechenden Zuschlägen. Zudem sei die Krankheitsquote sehr hoch, weil die Belastung für viele zu hoch sei; Stichwort Personalknappheit.
Bosch schließt das Werk in Bremen
Nicht nur in Schwäbisch Gmünd setzt Bosch den Rotstift an, sondern auch im Lenksysteme-Werk in Bremen. Dort wurde den Beschäftigten mitgeteilt, dass der Standort geschlossen und die Produktion an den ungarischen Standort Eger verlagert werden soll. 240 Mitarbeiter sollen den Job verlieren. In Bremen, wo elektrisch verstellbare Lenksäulen gefertigt werden, soll die Entwicklung mit 30 Beschäftigten übrig bleiben.
Für Bremen hatte Bosch im Frühjahr 2018 ein Sanierungskonzept vereinbart. Ursprünglich geplant war, dass die Hälfte der damals noch 390 Arbeitsplätze gestrichen wird. Im Gegenzug hatte das Unternehmen Investitionen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich für die Umsetzung einer hochautomatisierten Fertigung zugesagt. „Die geplanten Investitionen können jedoch aufgrund fehlender Akquisitionserfolge nicht umgesetzt werden“, heißt es nun bei Bosch.
Dieselkrise trifft Bosch hart
Bosch ist von der Konjunkturflaute und der Dieselkrise deutlich betroffen. Erst diese Woche wurde bekannt, dass das Unternehmen 1600 Jobs in Stuttgart-Feuerbach und in Schwieberdingen streicht. Es gibt noch einige Standorte, an denen Werkleitung und Arbeitnehmervertreter verhandeln, wie es weitergehen soll, sagt eine Sprecherin. Dazu gehören die Dieselstandorte Bamberg in Bayern und Homburg im Saarland.
Allerdings geht es in Homburg nicht um Personalabbau, sondern um ein Zukunftskonzept für den Standort, erläutert Ralf Reinstädtler, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Homburg-Saarpfalz. Ziel der Gespräche, die laut Reinstädtler von der IG Metall gefordert wurden, sei es, eine Mindestbelegschaft festzuschreiben. Bosch habe in den vergangenen Jahren zu wenig für den Nachwuchs am Standort getan.
Die Auszubildenden sind demnach nur zu 40 Prozent übernommen worden. Weitere Festanstellungen habe es nicht gegeben. In der Folge liege der Altersdurchschnitt bei 48 Jahren. In den vergangenen 15 Jahren seien rund 2500 Beschäftigte ausgeschieden – etwa über den Vorruhestand. „Bosch hat Millionen dafür ausgegeben“, kritisiert Reinstädtler. Heute seien knapp 4000 Mitarbeiter am Standort tätig, Anfang der 2000er Jahre waren es 6500.