Jazz Open auf Schlossplatz So hat der Jazz eine Zukunft

Von Armin Friedl und Bernd Haasis 

„Wir sind alle miteinander verwandt, da meine Musik überall gern gehört wird“, sagt Roger Hodgson, Ex-Sänger von Supertramp. Foto: promo
„Wir sind alle miteinander verwandt, da meine Musik überall gern gehört wird“, sagt Roger Hodgson, Ex-Sänger von Supertramp. Foto: promo

Die Halbzeitbilanz ist positiv, 17.500 Zuschauer sollen es bis zum Ende der Jazz Open am Donnerstag werden. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz empfangen die Stars; im Bix ist parallel zu bestaunen, wie lebendig der Jazz ist.

Stuttgart - Die Halbzeitbilanz ist positiv, 17.500 Zuschauer sollen es bis zum Ende der Jazz Open am Donnerstag werden. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz empfangen die Stars; im Bix ist parallel zu bestaunen, wie lebendig der Jazz ist.

„Wir hatten wunderbare Schlossplatz-Konzerte, und wir legen diesmal nicht drauf“, sagt Festival-Chef Jürgen Schlensog, der schon schwierigere Jahre erlebt hat. „Das bedeutet, dass es 2014 weitergeht.“ Beantwortet ist auch die Frage nach der schwankenden Klangqualität, die keine technischen Gründe hat – sondern davon ­abhängt, ob Tonleute den Rat derer annehmen, die die Anlage auf- und eingestellt haben. Der ­Mischer von Zaz hat dies nicht getan; es wird kolportiert, er habe es danach ­offen bedauert. Sein Trost: Das grandiose Konzert wird trotzdem als ein besonders denkwürdiges in die Jazz-Open-Historie eingehen.

Winwood gegen den Strich

Keinerlei Soundprobleme hat Steve Winwood mit seinem Quintett am Freitagabend auf dem Schlossplatz. Und das ist auch gut so, denn seine Musik ist technisch sehr anspruchsvoll, schillert in den verschiedensten Klangfarben. Da geht es zum einen sehr ­lyrisch zu, wenn Paul Booth zur Flöte greift; doch wenn sich Gitarrist Jose Neto einmal zu einer ausgiebigen Improvisation aufschwingt, ist das Ekstase und Intensität pur. Das Publikum jubelt frenetisch, als es glaubt, Neto habe nun das Maximum seines Könnens erreicht, doch er legt noch etwas drauf. Winwood schlägt eine ideale Brücke zwischen seiner Zeit in den 1970er Jahren, als er mit Gruppen wie Traffic oder Blind Faith Konzeptalben entwickelte mit Stücken, die eher dramaturgisch geprägt sind als vom heutigen Strophe-Refrain-Denken, und dem, was heute erwartet wird: Weniger Rock, mehr Funk. Nach wie vor hat Winwood viel Soul in der Stimme, auch wenn er da nicht die üblichen Klischees bedient: Nach wie vor klingt er mit zunehmender Höhe faszinierend heiser. Und dass er es auch mal verstand, in gängigen Hitparaden-Mustern zu komponieren, verdeutlicht er mit „Higher Love“. Das allerdings ziemlich gegen den Strich gebürstet. So viel Jazz muss sein.

Hodgson wie versprochen

Roger Hodgson hat sein Versprechen wahr gemacht: „Ich komme jederzeit wieder nach Stuttgart, wenn ich eingeladen werde. Das Festival ist ein toller Rahmen für meine ­Musik“, verkündete er im Juli 2007 im Rahmen der Jazz Open, damals noch auf dem ­Pariser Platz. Und jetzt ist er wieder da, an diesem Samstagabend auf dem Schlossplatz und wieder mit den Stuttgarter Philharmonikern unter der Leitung von Bernd Ruf. Im Vergleich zu damals hat er seine Band um den langjährigen Vertrauten Aaron Macdonald (Saxofon), den Keyboarder Kevin Adamson und den Bassisten David Carpenter erweitert, die noch mehr Klangfarben ins Spiel bringen. Am Programm hat sich deshalb aber nichts geändert, das Publikum will Klassiker aus Supertramp-Zeiten hören wie „School“, „Breakfast in America“ oder den „Logical Song“. Hodgson beteuert, er habe heute noch genauso eine Freude beim Präsentieren wie damals beim Schreiben, und das hört man auch. Nach wie vor ist er ergriffen vom Spiel der Stuttgarter Philharmoniker, und die bereiten ihm einen großen Bahnhof in Stücken wie „Dreamer“ oder „Fools Overture“. Es wird ein gelungener Abend für romantische Seelen – genau wie Roger Hodg­son versprochen hat.

Offenbarungen im Bix

Richtig Jazz ist das Festival im Bix. Am Freitag verblüfft dort der Norweger Marius ­Neset, der parallel in mehreren Oktaven spielt und die Illusion erzeugt, er sei zwei oder gar drei Saxofonisten – extrem virtuose noch dazu. Der hochgelobte 25-Jährige lässt kaum Melodien zu in seinen vertrackten, durchnotierten Kompositionen und bringt sie doch zu intensivem Klingen mit einer Band sehr ernsthafter junger Männer.

Intuitiver gehen am Samstag die ebenfalls experimentierfreudigen Briten Get The Blessing zu Werke, und sie stellen ausgesprochen geschmackvolle Themen ins Zen­trum ihrer Stücke. E-Bassist Jim Barr als Zugmaschine füllt den Raum mit Riffs wie schlagende Herzen, Drummer Clive Deamer als Taktgeber fächert die Rhythmik beliebig auf – beide spielen gemeinsam bei Portis­head, sie verstehen sich blind. Saxofonist ­Jake McMurchie und Trompeter Pete Judge kreisen im Orbit um dieses Kraftwerk, bürsten elegante Bop-Linien gegen den Strich, spielen mit trippigen Echo-Effekten, verkanten ihre Instrumente ineinander. Stufenlos variiert diese hoch dynamische Band Lautstärke und Tempo, und wenn sie explodiert, klingt es, als spiele sie gegen einen Orkan an – im Sprachduktus des Bandnamens („blessing“ heißt Segen): eine Offenbarung.

So hat der Jazz eine Zukunft. Und das Festival wendet sich explizit auch ans begehrte Publikum zwischen 20 und 30. Den richtigen Ton trifft am Freitag bei der Urban Session im Wilhelmspalais mit viel Seele eine funky R&B-Band um den Böblinger ­Gitarristen Jo Ambros und drei Sängerinnen. Der Kooperationspartner Trickfilm-Festival hat VJs bestellt, die die Wände mit Bewegtbildern bespielen, Leute tanzen und singen mit.

Es ist eine dieser für Stuttgart typischen vertanen Chancen, dass der urbane Treffpunkt im Erdgeschoss des Palais bald verschwindet – gerade eine Institution wie das nun einziehende Stadtmuseum hätte davon profitieren können, abends junge Menschen und deren Kultur im Haus zu haben.

www.jazzopen.com

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