Wie löst man all die Weltprobleme? Die Helden des Kinderbuchautors Janosch hatten da so manche Idee. Zum 90. Geburtstag des Künstlers schauen wir nicht nur bei Tiger und Bär vorbei.
Stuttgart - Bär und Tiger, die Maus mit den roten Strümpfen und die gestreifte Ente: Wer kennt sie nicht. Janoschs Geschöpfe sind so omnipräsent, auf Tassen und Tellern, auf Schlüsselanhängern, Servietten und Schnürsenkelclips, dass sie fast nur noch als Dekor wahrgenommen werden. Dabei ist die Mission, auf die sie ihr Erfinder vor rund 40 Jahren entsandte, noch nicht erfüllt – und aktueller denn je.
Als Janosch 1972 Grimms Märchen neu erzählte, zeigte er eine Frau Holle, der die Helfer davonlaufen und die deshalb mit der gerechten Verteilung von Regen auf der Welt überfordert ist. Folglich herrschen Überfluss und Hungersnot, Mord und Totschlag. Es passt, dass junge Menschen, die mit Janoschs Kosmos aufgewachsen sind, heute ein Umdenken in vielen Bereichen fordern.
Veganes Süppchen statt Springforelle
Dass Tiger und Bär zum 90. Geburtstag des bekanntesten deutschen Kinderbuchautors auf Covern das Tanzbein schwingen, versteht sich von selbst. Dass sie nicht schon vor einiger Zeit auf den Plakaten der Klimaaktivisten von „Fridays for Future“ auftauchten, wundert dagegen. Denn die tierischen Freunde, die Janosch 1978 erstmals losschickte, sind Lehrmeister in Sachen Nachhaltigkeit.
Statt eine Flugreise zu buchen, machen sie sich in Janoschs erstem Bestseller „Oh wie schön ist Panama“ zu Fuß und per Floß auf die Suche nach dem Traumland, das sie schließlich auf der eigenen Scholle entdecken. Statt Forellen „mit Dill und Mandeln in guter Butter gebraten . . .“, wie’s der Tiger oft wünscht, gibt’s ein veganes Süppchen aus dem, was gerade vor der Tür wächst. Mit den goldenen Äpfeln, die Tiger und Bär in „Komm, wir finden einen Schatz“ ernten, könnten sie endlich ihre Wunschliste abarbeiten.
Doch statt in Luxuskram wie eine Hollywoodschaukel, eine Rennfahrermütze mit Schnalle, Pelzstiefel und raffinierte Sommeranzüge für den Jägerball zu investieren, verlieren sie ihren Schatz gleich wieder – die eine Hälfte holt der königliche Steuereintreiber, die andere der Dieb Hablitzel.
Plädoyer für ein einfaches Leben
In Pandemiezeiten entfaltet Janoschs Plädoyer für ein einfaches Leben besonderen Charme. Auch wir entdecken gerade die Welt vor der eigenen Haustür neu. Der Zaunkönig singt, die Bienen summen, die Sonne flimmert über die Wiese: „Oh, was für ein Glück, echt wahr“, könnte das bilderbuchmäßige Happy End lauten. Doch halt: Der Besuch liebenswerter Freunde fehlt. Maulwurf, Hase, Frosch und Co. gehen im stets offenen Tiger-Bären-Haus mit gutem Rat ein und aus.
Von den Welten, die Janosch in seinen Kinderbüchern inszeniert, scheint es nur ein kleiner Schritt in sein privates Paradies. Seit vier Jahrzehnten lebt der Künstler zurückgezogen auf Teneriffa. „Wer fast nichts braucht, hat alles“, lautet sein Lebensmotto und auch der Titel der jüngsten Biografie.
Deren Verfasserin Angela Bajorek berichtet über ihren ersten Besuch bei Janosch: „Die meiste Zeit verbringt er in einer Hängematte aus gelb gestreiftem Leinen, die er Elisabeth nennt. Wenn er sich daraus erheben will, greift er munter mit beiden Händen nach den Seilen, hievt sich hoch“ – und dann steht vor der polnischen Autorin ein fast zwei Meter großer, rüstiger Mann mit gütigem Gesicht, dichtem Haar, stetem Lächeln.
Janosch sieht sich als Opfer der Janosch AG
Wer Janoschs Bescheidenheit zusammenbringen will mit der üppigen Vermarktung seines Werks, steht erst vor einem Rätsel, dann vor der Janosch-Film-und-Medien AG. Gewinn zu machen mit Janoschs Figurenwelt ist ihr Ziel. Janosch selbst kann zwar Auskunft geben über die Herkunft der Hängematten in seinem Leben und die Anzahl der Flaschen Gin, die es bedurfte, um dies oder jenes Buch zu schreiben.
Darüber, wie seine Urhebernutzungsrechte bei der Janosch AG landeten, erfährt man weniger Genaues. Die 70 Prozent Anteile, die Janosch erhielt, gab er 2006 ab. Auch die 4000 Originalzeichnungen für seine Kinderbücher, die sich als Dauerleihgabe im Troisdorfer Bilderbuch-Museum befinden, sind im Besitz der AG.
Kein Wunder, dass sich Janosch als Opfer sieht. Die Vermarktung seiner Figuren kommentiert er kritisch, wie er überhaupt dem Drang, durch wachsenden Reichtum sein Glück zu mehren, mit Misstrauen begegnet. Schlimme Erfahrungen in jungen Jahren sind der Auslöser und lassen Janosch später in seinen Erwachsenenromanen, die seine Kindheit in Oberschlesien spiegeln, mit den Schwachen und Außenseitern sympathisieren.
Ein SA-Märtyrer ist Namenspate
Als Horst Eckert wird er am 11. März 1931 im schlesischen Hindenburg, das heute Zabrze heißt, in ein armes Bergarbeitermilieu hineingeboren. Den deutschen Vornamen erhält er, weil die Eltern sich im aufkeimenden Nationalsozialismus Vorteile davon erhofften, nach dem SA-Märtyrer Wessel zu heißen. Schläge und Misshandlungen durch einen besoffenen Vater und eine überforderte Mutter prägen Janoschs Erinnerung. Später sagt er: „Weil ich keine Kindheit gehabt habe, muss ich sie jetzt ewig nachholen.“
Der Vater, der mit Kurzwaren und Stoffen handelt und zu Geld kommt, unterstreicht mit einem Flügel in der Wohnung, den keiner in der Familie spielen kann, seinen neuen Status, den Sohn steckt er zu den Jesuiten. „Da gab es Priester, welche Hitler als Hand Gottes bezeichneten“, erinnerte sich Janosch.
Auch von anderen Kindern bezieht Horst, der infolge eines Behandlungsfehlers ein schwaches Herz hat, Prügel. „Ich wurde als Krüppel ausgegrenzt“, sagte Janosch später. Dazu kommt die von einem Nazi-Lehrer geschürte Angst, als Behinderter vergast zu werden. Nach Kriegsende bedrohten die russischen Besatzer den deutschstämmigen Jugendlichen mehrfach mit dem Tod.
Ist Janosch kindergefährdend?
Später lässt sich Janosch in seinem Roman „Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben“ im Gespräch mit einem fiktiven Journalisten Jan Skral selbst sagen: „Einigen wir uns darauf: nicht jeder Mensch ist eine Sau, aber das Tier Mensch ist es. Politische und religiöse Anführer. Banker. Wirtschaftsleute, Machtbesessene, primitive Soldaten, die für eine Weile die Macht über Leben und Tod haben. Bestien, Skral, sie werden zu Bestien, wenn man ihnen nur ein Fünkchen Macht gibt.“
Die Flucht mit den Eltern nach Deutschland, die Arbeit in Textilfabriken und eine Ausbildung zum Musterzeichner an der Textilfachschule in Krefeld bei einem Schüler von Paul Klee stehen vor Janoschs Wechsel auf die Künstlerseite.
Dass er wegen „mangelnder Begabung“ nach paar Probesemestern von der Münchner Kunstakademie flog, gehört zu den vielen Verletzungen, die ihn bis heute gegen Machtinstitutionen rebellieren lassen, vor allem die katholische Kirche hat er im Visier.
Eine von Janoschs ketzerischen Zeichnungen rief Edmund Stoiber, damals bayerischer Ministerpräsident, auf den Plan. 2007 warnte er davor, Janoschs antireligiösen Umtrieben Zugang zu Kinderzimmern zu erlauben.
Yoga statt Gin
Ein Kinderbuchautor, der auf die Frage nach dem Rezept für ein gutes Buch mit „Gin trinken“ antwortet und sich die Nächte in der Schwabinger Szene um die Ohren schlägt? Auch so etwas könnte heute für Protest sorgen, fiel in der Zeit antiautoritärer Freiheiten aber nicht auf. „Seitdem Alkohol für mich als Betäubung wegfällt, entsteht kein gutes Janosch-Buch mehr“, spielte Janosch später auf sein Schweigen an.
2013 meldete er sich zurück. Yoga half ihm nun, in einen anderen Zustand zu kommen. Dort entdeckte er sein Alter Ego Wondrak. Bis zum Rückzug in den Ruhestand 2019 half Wondrak in gestreifter Badehose im „Zeit“-Magazin der Menschheit. Zu den 300 Aufgaben, die Herr Janosch abarbeitete, gehörte auch die Frage, wie wir „all die Weltprobleme lösen“.
Janosch ließ zeichnerisch die Funken fliegen und notierte darunter: „Vermutlich ist es einfacher, die Welt neu zu erschaffen. Wondrak hat sich den Hammer gegriffen und begonnen, das Universum neu zu schmieden. Viel Arbeit, aber einer muss ja mal damit anfangen.“