Jamie Cullum Foto: pro

Der Sänger, Pianist und Gitarrist Jamie Cullum gilt als Wunderkind, er ist ein Grenzgänger zwischen Pop und Jazz. Am 20. Juli spielt er beim Festival Jazz Open auf dem Schlossplatz.

Der Sänger, Pianist und Gitarrist Jamie Cullum gilt als Wunderkind, er ist ein Grenzgänger zwischen Pop und Jazz. Am 20. Juli spielt er beim Festival Jazz Open auf dem Schlossplatz.
 
Stuttgart - Mr. Cullum, Ihr aktuelles Album „Momentum“ klingt, als hätten Sie das Leben wirklich genossen, als sie es schrieben . . .
Das ist sehr wahr – ich habe durch meine Kinder ein großes Glück erfahren, verbunden mit verwirrenden neuen Emotionen und Erfahrungen. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll, und habe das dann in der Musik verarbeitet. Es ist eine ganz neue Form von Verantwortung, ich musste lernen, weniger egoistisch zu sein – und das mit meiner Karriere zusammenzubringen.
Sie haben schon viele große Songs gecovert, auf diesem Album spielen Sie nur Eigenkompositionen – hatten Sie einfach nur viele gute Ideen, oder wollten Sie das so?
Ich bin nie angetreten, Alben nur mit eigenen Stücken zu machen. Das nächste, das an Weihnachten erscheint, wird nur Jazz-Standards enthalten. Ich habe in dieser Phase einfach sehr viel und sehr schnell geschrieben. Zu behaupten es ging ganz leicht, würde es nicht treffen, aber es war in diesem Moment einfach das, was ich tun wollte.
Ein Stück heißt „When I Get Famous“ – sind Sie nicht schon berühmt?
Ich hänge mit denselben Leuten herum und gehe in dieselben Pubs wie früher, bevor ich Erfolg hatte. Ich habe nicht plötzlich angefangen, wie ein Popstar zu leben. Ich habe ein schönes Haus und ein schönes Auto, aber mein Leben ist dasselbe geblieben. Ich wurde auf der Straße auch praktisch nie ­angesprochen – bis ich jemanden geheiratet habe, den viel mehr Leute kennen . . .
Wie gehen Sie und Ihre Frau Sophie Dahl mit der öffentlichen Aufmerksamkeit um – empfinden Sie das als sehr anstrengend?
Nach der Hochzeit schon, aber nur kurz, denn wir haben einfach so weitergelebt wie vorher auch, und das wurde denen schnell zu langweilig. Bei uns kommen nicht Elton John oder Angelina Jolie zum Abendessen, sondern meine alten Schulfreunde. Und wir gehen nicht auf Partys, sondern mit den Kindern in den Park – das interessiert die Journalisten überhaupt nicht.
Ihr Vater war ein Israeli mit deutschen Wurzeln, Ihre Mutter stammt aus Burma, beide sind Musiker – haben Sie Ihnen unterschiedliche Einflüsse mitgegeben?
Sie kamen beide nach England, als sie noch sehr jung waren, und kannten die Musik ihrer Herkunftsländer kaum. Aber beide waren engagierte, interessierte Menschen, die nicht privilegiert aufwuchsen, und sie haben mich immer ermutigt, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, offen zu sein für gute Musik, gutes Essen. Sie hatten eine Leidenschaft fürs Leben und seine vielen Farben. Jetzt, wo ich selbst Vater bin, Kinder habe, merke ich, was für ein Glück ich mit meinen Eltern hatte – es ist wirklich verdammt schwer, Kinder großzuziehen.
Erinnern Sie sich, wie Sie zur Musik gekommen sind?
Ich habe mit Gitarre angefangen, weil mein Bruder Gitarre gespielt hat. Ich habe ihm alles nachgemacht. Ich erinnere mich, wie er mal Klavier gespielt hat, als ich drei oder vier war, und wie mir dabei ein Schauer über den Rücken lief. Ich habe die Totalität dieses Instruments geliebt, es ist so komplett. Im Klavier steckt die gesamte Musikgeschichte. Gitarrenklänge kann man verändern mit Verstärkern und Effekten, am Klavier hängt alles davon ab, wie man es spielt. Wenn Jerry Lee Lewis spielt, kann man das sofort hören. Die Gitarre ist natürlich sexy, sie war mein Einstieg in ein Leben, in dem Frauen eine Rolle spielten – in dieser Hinsicht war ich nämlich völlig unfähig.
Auf dem Cover Ihres Album „The Pursuit“ ist ein explodierender Flügel zu sehen – was soll uns das sagen?
Ich glaube, das ist die am wenigsten feinsinnige Symbolik in der gesamten Geschichte der Symbolik. Ich habe ja den Ruf, mit Klavieren nicht auf traditionelle Art umzugehen. Aber es ist ein aufsehenerregendes Bild, und ich finde es spaßig.
Sie haben einen offenen Ansatz, spielen Jazz und Pop in all ihren Facetten. Gibt es etwas, was besonders heraussticht, was Sie besonders mögen?
Ich liebe große Songwriter wie Irving Berlin, Cole Porter, Stephen Sondheim. Ich hatte schon großen Spaß mit nicht ganz salonfähigen Stücken über Sex aus den ­1920er und 1930er Jahren. Große Songs mit starken Texten kann man auf 20 verschiedene Arten spielen, sie halten Hip-Hop-, Opern- und Bebop-Interpretationen aus, ohne ihre Kraft zu verlieren. Im Grunde muss sich Musik einfach nur gut anfühlen unter meinen Fingern. Letztlich geht es um Leidenschaft, sie ist das Verbindungsglied zwischen all den Stilen, die ich gerne spiele.
Jazz ist für manche Ohren eine Herausforderung – wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Absolut positiv. Ich spiele ja auch reine Jazz-Shows, und die Leute kommen trotzdem. Die Szene pulsiert, aus meiner Sicht blüht der Jazz, auch wenn er kein sexy Mainstream-Thema ist, sondern eher eine Nische. Man braucht für Festivals einen populären Headliner, jemanden wie Wayne Shorter, der Leute zieht. Und die sehen und hören dann, wie neulich bei einem britischen Festival, auch Musiker wie den deutschen Pianisten Michael Wollny, aus meiner Sicht die Speerspitze des aktuellen Jazz.
Wie planen Sie ihr Bühnenprogramm? Gibt es da überhaupt einen festgelegten Ablauf?
Anfang und Ende sind vorher abgesprochen, und vielleicht gibt es noch einen Punkt in der Mitte, der auch gleich ist – zur Orientierung. Ansonsten überlege ich mir manchmal bei den letzten Akkorden eines Songs, was ich als Nächstes spiele, und die Band wühlt dann herum und versucht­ ­herauszufinden, was es ist. Das macht Spaß, das ist aufregend, das ist eine echte Live-Performance. Das Publikum ­bekommt jeden Abend etwas Frisches, niemand wird zu selbstzufrieden, das liebe ich.
Wie suchen Sie Ihre Musiker aus?
Improvisation ist mir sehr wichtig. Alle Mitglieder meiner Band haben einen Jazz-Hintergrund, alle können improvisieren und gehen mit, wenn ich spontan etwas ändere. Wir kommunizieren durch unser Spiel und müssen nicht darüber reden. Ich kann nur mit Leuten arbeiten, die dazu in der ­Lage sind – andere wären mit mir auch total überfordert, das wäre ein einziges Chaos.

www.jamiecullum.com

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