Lange war das Leben für den Geheimagenten James Bond ein kitzliger Traum voller Abenteuer und Action: schnelle Autos, schöne Frauen, exotische Orte, Drinks mit Schirmchen, Wunderwaffen und immer der Sieger über größenwahnsinnige Weltunterwerfer. Doch jetzt steckt der Held in der Krise.
Stuttgart - Digitalisierung, Klimakrise, Gleichberechtigung, Metoo – die Welt hat sich dramatisch verändert seit 1962, dem Jahr des ersten James-Bond-Films „Dr. No“. Die Produzenten haben reagiert, eine immer weiter aus den Fugen geratende Gegenwart spiegelt sich heute in den Werken. Bond kann sich heute vor nichts und niemandem mehr sicher sein, in „Skyfall“ (2012) kommt es gar zu einem Anschlag auf die Zentrale des britischen Geheimdienstes MI6. Diese Entwurzelung aber macht dem Agenten 007 zu schaffen. Ohne seine frühere Beinfreiheit verliert er seine Charakteristika, seine Expertise – und so droht James Bond, aus der Zeit zu fallen.
Gespielinnen? Lange vorbei
Am deutlichsten gewandelt hat sich Bonds Verhältnis zu Frauen. Sean Connery begegnet ihnen in den 60ern noch als zupackender, übergriffiger Macho: In „Goldfinger“ (1964) klapst er einer auf den Hintern und macht sich gewaltsam über eine andere her, in „Feuerball“ (1965) zwingt er einer Frau einen Kuss auf, in „Diamantenfieber“ (1971) würgt er eine mit dem Bikinioberteil, das er ihr gerade heruntergerissen hat. Derweil schmachtet ihn die Geheimdienstsekretärin Miss Moneypenny bei seltenen Heimatbesuchen sehnsüchtig an, und er lässt sie nicht nur schmoren, sondern flirtet weiter mit ihr.
Roger Moores Bond in den 70ern drängt sich weniger auf, pflegt dafür aber ein Faible für Sexismen und Anzüglichkeiten. In „Moonraker“ (1979) sucht er einen Wissenschaftler, der sich prompt als weiblich entpuppt. „Eine Frau?“, fragt er spöttisch, während er eine Augenbraue hochzieht.
Auch das fällt nicht erst seit Metoo (und Rainer Brüderle) unter die Rubrik „geht gar nicht“. Ein Zusammenschnitt auf Youtube zeigt all das („Inappropriate Moments in James Bond Movies“).
1985 taucht Grace Jones als schlagkräftige Gegenspielerin auf, und die Zeit der wehrlosen Gespielinnen und des sexualisierten Flirtens, wie der Krimiautor Ian Fleming es Bond einst auf den Leib schrieb, ist Geschichte.
Charmeur und Schmerzensmann
In „Goldeneye“ (1995) ist die Geheimdienstchefin M erstmals weiblich, und Judi Dench bringt gleich zu Beginn auf den Punkt, wie 007 schon damals wirkt: „Sie sind ein sexistischer, frauenfeindlicher Dinosaurier, ein Relikt des Kalten Krieges.“ Das ist 25 Jahre her. Dass Bond weiter funktionierte, liegt am ebenfalls neuen Darsteller: Für den charmanten Dressman Pierce Brosnan schwärmen viele Frauen auch im wirklichen Leben, er musste in den Filmen nichts weiter tun, als sich nicht zu wehren.
Bei Teilen des Publikums schürte er die Sehnsucht nach einem Raubein, und Daniel Craig wurde gleich als Schmerzensmann eingeführt. Wo der langsam auf seinen Schritt zulaufende Laserstrahl in „Goldfinger“ noch eine Drohung bleibt, bekommt Bond in „Casino Royale“ (2006) bei einer Folterung sehr wüste Schläge in den Unterleib. Craig ist dann auch der erste seit dem unglücklichen George Lazenby im Jahr 1969, dessen Bond sich ernsthaft verliebt in eine Frau auf Augenhöhe (Eva Green), die prompt stirbt.
Davon erholt er sich erst in „Spectre“ (2015), wo es allerdings zu einem Rückfall kommt: Die Französin Léa Seydoux, die viel mehr kann, spielt ein wehrloses Weibchen, das der Held retten muss. Ansonsten gilt für Craigs getriebenen Bond, dass Frauen meist nur eine unter den vielen tödlichen Gefahren sind, die ihn davon abhalten, das Dasein zwischendurch auch mal zu genießen.
Die Action ist woanders
Was die Action und die dazugehörige Technik angeht, sind die Autos trotz Klimawandel das kleinste Problem. Verfolgungsjagden können auch dann ihren Reiz haben, wenn sie mit illegalen Offline-Brennstoffzellenflitzern stattfinden in einem extrem verdichteten, weil satellitengesteuerten Verkehr der autonomen Fahrzeuge.
Alles andere ist weniger erfreulich: Wer möchte sich noch charakterlich schwierige, kaum zu kontrollierende Gewalttäter halten, wenn sich das meiste per Drohne oder per Computerhacking erledigen lässt? Die Bond-Spielzeuge hat die Filmreihe ohne Not selbst preisgegeben, als in „Skyfall“ ein neuer, nerdiger Pullunder-Q (Ben Wishaw) explodierende Kugelschreiber als nicht mehr zeitgemäß geißelte.
In „Spectre“ (2015) besann er sich zwar, doch mittlerweile läuft man nur noch hinterher – vor allem den mysteriösen Action-Thrillern der „Mission: Impossible“-Reihe. Man muss den Hauptdarsteller und Produzenten Tom Cruise nicht mögen, noch weniger Scientology, die übergriffige Organisation, der er sich verschrieben hat, um anzuerkennen: Der von Cruise gespielte Agent Ethan Hunt ist als Agent ganz bei sich – anders als Bond.
Dieser wurde in „Ein Quantum Trost“ (2008) alles Glamourösen beraubt und ist seither als Einzelkämpfer nackter Action in einer feindseligen Welt ausgesetzt – das aber war schon immer Hunts Terrain. Der kletterte in „M:I4“ (2011) mit topmodernen Klebehandschuhen die Fassade des Burj-Khalifa-Wolkenkratzers in Dubai hinauf, und „M:I5“ (2015) geriet zu einem derart atemberaubenden Maskenspiel, in dem sämtliche Figuren explosiv tricksen und täuschen, dass Bond in „Spectre“ dagegen ziemlich alt aussah.
Traumhafte Orte waren gestern
Gelitten haben auch die Schauplätze. In den 60ern waren Bond-Filme für viele ein Reise-Ersatz, den es so nur im Sehnsuchtsort Kino gab. Heute fliegen Normalbürger ganz selbstverständlich in die letzten Winkel der Erde oder trinken Cocktails mit Schirmchen. Die Bilder dazu gibt’s auf Instagram.
Dazu kommt die neue Linie der Produzenten, was das einst unschlagbare Set-Design angeht. „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ (1969) spielt unter anderem im damals neuen Drehrestaurant auf dem Schilthorn mit Panoramablick auf Eiger, Mönch und Jungfrau – ein spektakuläres, futuristisch anmutendes Gebäude. Da hinein baute der langjährige Bond-Designer Ken Adam ein traumhaft stilvolles Interieur.
In „Spectre“ (2015) war Bond wieder in den Bergen, diesmal über Sölden, aber in einem austauschbaren Stahl-Glas-Gebäude ohne Eigenschaften. Tirol hat dafür bezahlt; das wog schwerer als die Utopien von einst.
Das Brexit-Problem
Bonds distinguierte, versnobte „Britishness“ war lange eine seiner Stärken. Sogar Franzosen beneideten ihn um sein Savoir-vivre. 1955er Mouton-Rothschild oder Clairet? In „Diamantenfieber“ ist das eine Frage auf Leben und Tod. Heute geht es Bond nur noch ums nackte Überleben. In „Der Spion, der mich liebte“ (1977) erwischen sowjetische Häscher ihn nicht, weil er auf Skiern in den Abgrund fährt und einen Fallschirm öffnet, auf dem ein Union Jack zu sehen ist. Die Welt lachte damals gern mit den Briten. Ian Fleming hat sich als unpolitisch bezeichnet, doch als sein Agent 1953 erschien, steckte Großbritannien in einer Krise und Bond brachte ein wenig Glanz.
Das Problem dabei: Den Amerikaner und CIA-Mann Felix Leiter akzeptiert 007 seit „Dr. No“ (1962) noch als gelegentlichen Kollegen und Gehilfen – andere Ausländer hingegen betrachtet er aus dem teils rassistisch überheblichen Blickwinkel eines Kolonialherren. Mit dem Brexit könnte sich das umkehren – denn Bond repräsentiert nun nur noch eine Randnation mit einer putzigen Empire-Sehnsucht.
Welche Welt eigentlich?
Wie soll Bond eine Welt retten, in der er nicht mehr zu Hause ist? Und wessen Welt überhaupt? Die des Boris Johnson, die bald womöglich nur noch aus einem isolierten England besteht? Oder die des Donald Trump, dem das Zündeln viel näher liegt als das Feuerlöschen? Damit hätten sich früher Bond-Gegenspieler profiliert – allerdings eher versiert und mit meist guten Manieren.
Nun heißt es hoffen. Dem Regisseur Cary Fukunaga („True Detective“) und der Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) ist zuzutrauen, dass sie einen neuen Dreh finden. Rami Malek („Bohemian Rhapsody“) kann als neuer Bösewicht zur Herausforderung werden. Daniel Craig ist zu wünschen, dass sein Geheimagent wieder einen Sinn für sein Tun findet. Wenn wir ehrlich sind, fehlt uns James Bond doch sehr.