Am 6. März 2023 hat sich die verheerende Gasexplosion in der Köllestraße im Stuttgarter Westen ereignet. Wie durch ein Wunder konnten sich 19 Menschen aus den Trümmern des Gebäudes retten. Doch das Unglück hat Spuren hinterlassen.
Am vergangenen Freitag hat sich eine Gruppe von zehn Leuten in der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Stuttgart-West getroffen. Nicht zum ersten Mal und garantiert auch nicht zum letzten Mal sitzen sie in dieser Runde zusammen, denn alle haben eines gemeinsam: Am 6. März 2023 sind sie jäh aus dem Schlaf gerissen worden. Mitten in der Nacht, durch einen gewaltigen Knall, der zunächst nicht genau zugeordnet werden konnte. War es ein Erdbeben? Oder sind zwei Züge auf den benachbarten Gleisen der Gäubahn kollidiert? Wenig später hatten sie traurige Gewissheit.
Damals hat sich gegen 3 Uhr eine der verheerendsten Gasexplosionen in Stuttgarts Geschichte ereignet. Ein Mehrfamilienhaus in der Köllestraße stürzte in sich zusammen, eine 85-jährige Bewohnerin verstarb in den Trümmern. Noch immer laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, fest steht aber, dass ein Kurzschluss in einem Stromkabel, das unterm Gehweg verlief, die Ursache ist. Durch die dabei entstandene Hitze wurde eine benachbarte Gasleitung zerstört, sodass Erdgas unbemerkt in das Gebäude strömen konnte. Etwa zwei Stunden später kam es zur Katastrophe.
Barfuß aus dem Haus gerannt
Die Haushälfte mit der Nummer 31 wurde binnen weniger Minuten zerstört, vom Gebäudeteil mit der Nummer 29 blieb nur ein kleiner Rest stehen, der abgerissen werden musste. Wie durch ein Wunder konnten sich fünf Familien – elf Erwachsene und acht Kinder – quasi unbeschadet aus dem Haus retten. Barfuß rannten sie in Schlafanzügen nach der Explosion auf die Straße. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mussten sie miterleben, wie ihr bisheriger Behausung vor ihren Augen in sich zusammenbrach.
Bis auf einige wenige Ausnahmen war der eigene Hausstand von jetzt auf nachher weg. Nur der Weihnachtsdeko, die im Keller lagerte, hatte die Explosion nichts anhaben können. Oder Wanderschuhen, die es mittlerweile bis aufs Nebelhorn geschafft haben. In einer etwas waghalsigen Aktion konnte ein 37-jähriger Bewohner, der wie alle hier zitierten Personen anonym bleiben will, per Drehleiter noch die Fotoalben seiner Kinder sichern. „Dafür bin ich dem Feuerwehrmann noch immer dankbar.“ Alles, was man aber für den Alltag braucht, war Geschichte.
„Wir mussten uns alles wieder von null aufbauen“, sagt eine 38-jährige Frau im Namen der Gruppe. Sie betont, dass die regelmäßigen Treffen im Gemeindezentrum allen gut tun würden. Generell sei es ein Ort, an dem man viel Unterstützung erfahren habe. Aber nicht nur dort sei die Solidarität von der ersten Minute an unglaublich gewesen. Als man nach der Explosion in der Kälte stand, habe man von Nachbarn Jacken, Decken und Badelatschen bekommen. „Nur wenig später durften wir in Häuser von Leuten, die wir nur vom Sehen kannten“, erzählt eine 37-jährige Bewohnerin. „Und blieben dort dann teils für mehrere Wochen.“ Ein Paar, Mitte 40, hatte um 6 Uhr morgens bei Eltern geklingelt, deren Kinder mit den ihren befreundet seien. „Wir wurden sofort aufgenommen.“
Dass alle Familien in Stuttgart-West mittlerweile wieder ein Dach über dem Kopf gehabt hätten, sei bei der Wohnungssituation nicht selbstverständlich. Aber auch die kleinen Gesten dürfe man nicht vergessen. Befreundete Kinder, die von ihrem Taschengeld ein Stofftier für den Sohn kauften, oder die Bibliothekarin, die ausgeliehene Bücher nicht zurück wollte und sie stattdessen ohne jegliche Formalitäten aus dem System löschte. Beim Behördengang hatte die Gruppe sogar ein schlechtes Gewissen. „Wir durften an der Schlange vorbei ins Bürgerbüro, so schnell und einfach haben wir noch nie neue Ausweisdokumente erhalten.“
Voller Fokus auf dem Wohl der Kinder
Für die Hilfs- und Spendenbereitschaft könne man sich nicht genug bedanken. Selbst gänzlich fremde Menschen wären ihnen tatkräftig zur Seite gestanden. Nach dem Unglück habe er zu Anfang selbst nicht viel auf die Kette bekommen, erzählt ein 37-jähriger Familienvater. „Eine Woche lang bin ich in der viel zu großen Hose meines Schwiegervaters durch die Gegend gelaufen.“ Sein 44-jähriger Nachbar habe sich in den ersten Tagen gefühlt, als würde er durch eine Nebelwand laufen. Ihm sei aber klar gewesen, dass die volle Aufmerksamkeit auf den Kindern liegen müsse. Helden- statt Opferrolle sei die Devise gewesen. Der Nachwuchs hätte unglaubliche Stärke bewiesen.
Ein gewisser Stolz ist auch bei den Erwachsenen am vergangenen Freitag zu verspüren, als sie über das Erlebte berichten. Und Demut. Die Wertigkeiten hätten sich geändert, viele Dinge, die früher von Bedeutung waren, seien heute nicht mehr so wichtig. Zugleich machen sie deutlich, dass das Unglück Spuren hinterlassen hat. „Ich stehe oft nachts wach am Bett – mit einem Kloß im Hals“, sagt ein 35-Jähriger, der mit seiner Frau und zwei Kindern in der Köllestraße 29 in einer Souterrainwohnung gewohnt hat. „Wenn ein Fenster zugeschlagen wird, triggert mich das.“ Das Sicherheitsgefühl in den eigenen vier Wänden sei weg, fügt seine ehemalige Nachbarin hinzu. Der Alltag lenke ab, aber in stillen Momenten merke man, dass man noch Zeit brauche, so die 44-Jährige.
Nicht nur durch den Jahrestag kämen schmerzhafte Erinnerungen wieder hoch. Auch durch eine Gasexplosion, die sich Mitte Januar in einem Wohnhaus in Stuttgart-Vaihingen ereignete. „Plötzlich war alles wieder präsent.“
Den größten Verlust müssen zweifellos die vier Bewohner der rechten Doppelhaushälfte verarbeiten. Immerhin ist in dem Gebäudeteil eine Angehörige verstorben. „Die Trauer kommt erst so langsam durch“, sagt die Schwiegertochter. Auch ihre beiden Kinder vermissten die Oma mehr und mehr. „Das gemeinsame Backen zum Beispiel. Aber irgendwie geht’s.“ Dankbar sei man, dass die 85-Jährige aus den Trümmern geborgen werden konnte. „So konnten wir sie beerdigen und gemeinsam mit den Nachbarn von ihr Abschied nehmen“, sagt eine 56-Jährige, der die tolle Hausgemeinschaft fehlt. „Das Gespräch von Balkon zu Balkon.“ Zugleich kündigt sie gemeinsam mit ihrem 57-jährigen Mann an, die Lücke, die in der Köllestraße klafft, bald schließen zu wollen.
„Wir haben vor, an der Stelle wieder zu bauen. Der Einzug ist im Jahr 2026 anvisiert“, sagen die Eigentümer, die sich bereits am Mittwochabend mit den ehemaligen Nachbarn wieder treffen wollen. Um Geburtstag zu feiern – den ersten.