Kleine Altäre wie hier auf dem Friedhof Fontanelle wurden zum Dank für manche Totenschädel gebaut. Foto: Mustroph

Neapel hat eine besondere Beziehung zum Tod. Dafür sorgen schon ein besonderer Kult um die Toten. Deren Gebeine zu pflegen, war ein beliebter Brauch frommer Frauen.

Neapel - Wer durch die schnurgerade Via dei Tribunali in der Altstadt von Neapel geht, stößt unversehens auf ein paar blank geputzte Totenschädel. Sie befinden sich vor dem Portal der Kirche Santa Maria delle Anime del Purgatorio ad Arco. Der Name Purgatorium (Fegefeuer) ist hier Programm. Nicht weil die Straße rings um die 1638 eingeweihte Barockkirche besonders gereinigt wäre - der Müll findet sich auch direkt unter der opulenten Eingangstreppe wieder. Wenn man ins Innere tritt und dort von den Mitarbeitern der gemeinnützigen Organisation, die die Kirche betreut, durch eine versteckte Treppe ins Untergeschoss des Sakralbaus geführt wird, öffnet sich eine spirituell aufgeladene Welt. Schmale Nischen sind in die Wand eingelassen.

In ihnen wurden frisch Verstorbene so lange gelagert, bis die Körperflüssigkeiten ausgetreten waren und die Leichen in die tieferen Gefilde der Katakomben gebracht werden konnten. Diese Art der Bestattungen wurde in zahlreichen Kirchen Neapels bis ins frühe 19. Jahrhundert praktiziert. Erst eine Cholera-Epidemie 1836 führte zum Verbot der Beerdigungen innerhalb der Gotteshäuser der Stadt. Was Purgatorio ad Arco noch von anderen Kirchen abhebt, ist ein Kult, der hier seine jahrhundertelange Heimstätte fand. Er bestand in der sorgsamen Pflege der Gebeine der meist unbekannten Toten. Frauen putzten sorgfältig die Schädel, bis sie glänzten, beteten zu Gott um ihr Seelenheil - und baten zugleich um Hilfe bei privaten Dingen.

Die Toten erschienen den Helfern im Traum

Hintergrund war ein einfacher Gedanke. Im Mittelalter kristallisierte sich das Fegefeuer als ein Reinigungsort für die Seelen Verstorbener heraus. Von dem aus konnten sie dann ins Himmelreich gelangen, wenn jemand für sie betete. Weil im 17. Jahrhundert, in den Gründungszeiten von Purgatorio del Arco, zahlreiche Pest-Epidemien und soziale Kämpfe viele Menschenleben kosteten und die Toten oft anonym in Massengräbern bestattet wurden, war anzunehmen, dass niemand unter den noch lebenden Angehörigen für sie diesen Dienst übernehmen konnte. Fromme Frauen widmeten sich dieser Aufgabe zunächst uneigennützig - bis sich herumsprach, dass einzelnen von ihnen im Traum die Toten erschienen waren und ihnen etwa die richtigen Lottozahlen verraten hatten; Lotto war im 15. Jahrhundert von Mailänder Bankiers zur Finanzierung eines Krieges gegen Venedig ins Leben gerufen worden.

Manchen wurde aber auch ein sehnlicher Kinderwunsch erfüllt, andere konnten sich vorteilhaft verheiraten. Die Erklärung dafür lautete: In dem Moment, in dem die Seele, die einst zu dem jeweils angebeteten Totenschädel gehört hatte, aus dem Fegefeuer ins Paradies aufgestiegen ist, erlangte sie Macht - und erfüllte aus Dankbarkeit für jene, die ihr zu diesem Weg verholfen hatten, deren Wünsche. In Gesellschaften, in denen Armut weit verbreitet, soziale Aufstiegschancen hingegen rar gesät waren, war so etwas ein richtiger Lebensjoker. Die Praxis „Schädel adoptieren“ verbreitete sich in Windeseile.

Knochen von mindestens 30.000 Menschen

Kleine Altäre wurden für „erfolgreiche“ Totenschädel gebaut und mit Danksagungen versehen. Eine Renaissance erfuhr diese Praxis in den harten Jahren unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie dauert bis in die jüngste Zeit an. Nicht mehr erlaubt ist sie in Purgatorio del Arco. Aber in den antiken Katakomben, die den einstigen Großfriedhof Fontanelle im Innenstadtbezirk Sanità beherbergen, in dem die Knochen von mindestens 30 000 Menschen untergebracht sind, sieht man unzählige Dankesaltäre mit den Jahreszahlen 1949 und 1950.

Vor manchem Altar, aber auch vor unbehausten Schädeln liegen Busfahrkarten der lokalen Verkehrsbetriebe. Und selbst Eintrittskarten von Spielen des Fußballclubs SSC Neapel aus der aktuellen Spielzeit sind als Tribut bei den Knochen der Altvorderen abgelegt. Padre Antonio Loffredo sorgte mit Jugendlichen dafür, dass sowohl die Beinstätte Fontanelle als auch die mit frühchristlichen Wandmalereien versehenen Katakomben San Gaudioso und San Gennaro für die Öffentlichkeit zugänglich wurden. Er hat kein Problem mit diesen Praktiken. „Als spiritueller Denker kommt es mir darauf an, dass die Menschen gute Beziehungen zueinander haben. Ob dies mit Lebenden oder mit Toten geschieht, ist unwesentlich. Wenn die Leute gut mit den Toten umgehen, ist das in Ordnung.“

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Infos zu Neapel

Anreise
Mit Air Berlin direkt ab Stuttgart, mit Zwischenstopp ab Frankfurt, www.airberlin.com . Direkt ab München mit Lufthansa, www.lufthansa.de

Unterkunft
Apartments Spaccanapoli, ab 72 Euro/DZ. www.bbspaccanapoli.com .

Hotel Europeo, ab 50 Euro/DZ, www.hoteleuropeonapoli.com .

Hotel Ideal, ab 37 Euro/DZ, www.albergoideal.it .

Allgemeine Infos
Fremdenverkehrsamt Neapel: www.inaples.it/deu/azienda.htm

Sehenswürdigkeiten/Ausflüge
Es bieten sich Ausflüge per Schiff vom Molo Beverello nach Capri oder Ischia an. Sehenswert - und wenig überlaufen - ist auch Pozzuoli, erreichbar mit den Metro-Linien Cumana und Metropolitana, mit schöner Uferpromenade und einem Amphitheater.

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall das Kloster San Martino auf dem Vomero besichtigen.

Auf keinen Fall Wertgegenstände wie Uhren oder Kameras auf der Straße offen tragen.

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