Ein lauschiges Plätzchen zum Üben hat Sonja aus Schwäbisch Hall im Garten der Casanuova gefunden. Foto: Riedl

Im Urlaub kann man mehr machen, als Sehenswürdigkeiten besichtigen oder am Strand liegen. Zum Beispiel mit Gleichgesinnten Gitarre üben - unser Autor hat es in der Toskana ausprobiert.

Den ganzen Tag Gitarre zu spielen, ist für die meisten ungewohnt. Deshalb tun vielen am zweiten Tag schon alle Finger weh, doch spätestens am dritten sind sie im Flow, machen Musik, hören Musik, sind Musik. An jeder Ecke singt und swingt es, und wenn die Woche vorüber ist und die Rückfahrt ansteht, schaut man in strahlende Augen und hört augenzwinkernd-schwärmerische Aussagen wie „Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich wieder in meinen Alltag zurückfinden soll“. Keine Frage, ein Workshop bei der Mediterranean Music School hinterlässt Spuren, tief, warm und voller Emotion. Denn die Teilnehmer werden gleich auf drei Ebenen angesprochen: Musik, Kommunikation, Lebensgefühl. Wer hierherkommt, sucht und findet, was der Alltag nur allzu leicht überdeckt. „Hier bin ich nicht der Medizintechniker, der präsentieren muss, was er kann. Hier bin ich der Ingo“, bringt es ein Teilnehmer des Gitarrenkurses von Zane Charron auf den Punkt. Ingo aus dem bayerischen Weilheim gehört - wie die allermeisten, die in die Casanuova in die Toskana gekommen sind - zum Dunstkreis der relaxten Best Agers, die endlich einmal wieder so richtig ins Musikmachen einsteigen wollen, neue Impulse suchen und vielleicht auch wieder an etwas anknüpfen wollen, was in der Jugend einmal da war.

Im Erwachsenenalter den alten Schwung wiederfinden

Dafür findet man hier die richtigen Dozenten. Sie kennen die Zielgruppe, wie Zane Charron aus Florida, der sonst als Gitarrenlehrer in München arbeitet. „Die meisten von uns haben in der Pubertät mit dem Gitarrespielen angefangen - und dann kam das richtige Leben. Wir wollen jetzt den alten Schwung wiederfinden“, begrüßt er die Kursteilnehmer und erntet verständiges Nicken. Dennoch findet man im Seminarraum neben dem (Fast-)Anfänger durchaus Gitarreros mit semi-professionellem Anspruch. Doch das bekommt man hier nur en passant mit, denn im sanften Licht der Toskana muss sich niemand beweisen. Jeder findet „seine“ Lerninhalte, die seitens der Dozenten auch breit gefächert angeboten werden. Und von einem wie Zane, der schon im Vorprogramm von Gitarren-Papst Tommy Emmanuel gespielt hat, kann bestimmt jeder etwas lernen. Spätestens bei einer Fingerübung, die er ankündigt: „This devides the boys from the men“ (Hier trennen sich die Buben von den Männern). Begleitet übrigens von einem hellen Lachen aus der Zimmerecke - wo die einzige Frau im Kurs sitzt, Sonja aus Schwäbisch Hall. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist übrigens die Ausnahme, mittlerweile liegt der Frauenanteil in den Gitarrenkursen bei 30 Prozent. Geschlechterparität herrscht dann aber meist beim Abendessen auf der lauschigen Terrasse unter Bohnenschoten und Weinreben und bei den anschließenden Sessions.

Denn zeitgleich zu den Gitarrenwochen werden auch Gesang-Workshops angeboten. Und für alle Teilnehmer gibt es die Möglichkeit, für einen Partner eine Woche Aufenthalt ohne Kursteilnahme dazu zu buchen. Der eigentliche Unterricht findet vormittags zwischen 9 und 13 Uhr statt, teils im Plenum, teils in Kleingruppen. Die Nachmittage sind zur freien Verfügung: Zeit für Ausflüge in die nähere Umgebung oder - sofern es nicht zu heiß ist - für sportliche Aktivitäten.Die meisten bleiben jedoch da und finden sich in kleinen Gruppen zusammen, um zu üben, sich gegenseitig Tipps zu geben oder vielleicht sogar ein gemeinsames Repertoire zu entdecken. Andere genießen einfach die südliche Sonne, gehen im Schwimmteich im Garten baden oder machen einen Mittagsschlaf, um fit zu sein für die nächtlichen Sessions, die selten vor zwei Uhr nachts zu Ende gehen. Dabei kann auch schon einmal ein Song wie „Whole Lotta Love“ locker die Viertelstundenmarke knacken und dann ein vermeintlicher Zieleinlauf durch die rauchig gehauchte Aufforderung einer Sängerin an einen Gitarristen, „Hör nicht auf, hör nicht auf ...!“, aufgehoben werden. Welcher Musiker könnte da widerstehen?

Die Dozenten der Mediterranean Music School haben Star-Status

Die Idee, regelmäßig einwöchige Sommer-Workshops für Musikbegeisterte anzubieten, stammt von dem Stuttgarter Sebastian Banger. 1998 gründete er die Mediterranean Music School mit dem Ziel, „Gitarrenevents für Genießer“ anzubieten. Nach Anfängen auf Mallorca hat er jetzt stilvolle Ferienhäuser in der Toskana und der Provence im Angebot, mit lauschigen Ecken zum Üben oder Jammen und einem Pool oder Schwimmteich zur Abkühlung. Wie zum Beispiel die Casanuova bei Figline. Inmitten von Weinbergen und Olivenhainen gelegen, ist jede Ecke des ehemaligen Landguts und Klosters mit viel Liebe zum Detail gestaltet, ein Fest für Auge und Nase, wofür auch überall wunderbar duftende Kräuter wie Rosmarin, Stockrosen, Salbei, Dill oder Lavendel sorgen. Fast alles, was auf den Tisch kommt, stammt aus dem eigenen Garten. In der Nachbarschaft liegt übrigens das Anwesen von Popstar Sting. Und auch wenn man ihn vielleicht nicht zu Gesicht bekommt, so kann man dort immerhin ein paar Flaschen Wein erstehen. Und mit etwas Glück kreuzt der Engländer sogar spontan bei einer abendlichen Session auf. Wie es etwa im Sommer 2014 tatsächlich passiert ist. Allerdings haben die Lehrer der Mediterranean Music School mitunter selbst Star-Status. So unterrichteten dort bereits Saiten-Zauberer wie Ralf Illenberger, Werner Lämmerhirt, Michael Sagmeister, Peter Autschbach, Laurence Juber (Wings), Peter Bursch oder Kosho (Söhne Mannheims).

Lernen kann man aber von allen Dozenten. So wollte Uli aus München zu Beginn des Workshops bei Zane Charron „wissen, was ich eigentlich genau auf der Gitarre mache“, um am Ende der Woche festzustellen: „Jetzt weiß ich’s!“ Der Erfolg seiner Sommer-Schule hat Sebastian Banger mittlerweile zum größten Veranstalter für Gitarrenreisen in Europa aufsteigen lassen. Sein Konzept ist so einfach wie erfolgreich. „Die Musik und der Süden helfen, sofort in ein Urlaubsfeeling zu kommen und abzuschalten. Ganz schnell ist die alte Lagerfeuer-Romantik wieder da, selbst im Jazzkurs kommen bei den Sessions am Abend die alten Gassenhauer dran.“ Der alte Schwung, von dem auch Zane Charron spricht, wird wieder spürbar, nur anstatt im Schlafsack auf dem Boden genießt man dies jetzt in einem schönen Zimmer, bei einem guten Wein. „Das Jugendgefühl kommt in diesem Ambiente zurück, aber auf hohem Niveau“, resümiert Banger. Und ganz sicher trägt auch die Top-Qualität der Dozenten zur Zufriedenheit der Workshop-Teilnehmer bei. Sie animieren die Teilnehmer gezielt, „outside of the box“ zu denken, will heißen, sich links und rechts der ausgetretenen Wege umzuschauen, Neues auszuprobieren und zu versuchen, sich und seinen Song einmal ganz neu zu denken. Diese Haltung ist immer zu empfehlen - unter den sanften Sonnenstrahlen der Toskana jedoch gelingt dies ganz besonders gut.

Infos zur Toskana

Toskana

Anreise

Mit dem Auto: Von Stuttgart über Ulm, Memmingen, Bregenz, San Bernardino nach Italien. Dann weiter über Mailand nach Florenz (Autostrada del Sole) bis Ausfahrt Incisa. Richtung Figline bis zur Abzweigung nach Brollo (rechts). Kurz vor Brollo links in Richtung San Martino. Weiter bis Einfahrt Casanuova (links).
Mit dem Flugzeug: Direktflug mit Tuifly Stuttgart-Florenz ab 86 Euro, www.tuifly.com , mit Lufthansa über Zürich ab 100 Euro, www.lufthansa.com . Von dort weiter mit Taxi, Mietwagen oder Zug.
Mit der Bahn: Stuttgart-Florenz-Figline Valdarno mit Umstiegen in München und Bologna. Einfache Fahrt ab 80 Euro, www.bahn.de

Unterkunft

Albergo Locanda Casanuova in Figline Valdarno: Anfang der 80er Jahre kaufte das deutsch-französische Ehepaar Ulla und Thierry Besançon einen 350 Jahre alten Gutshof mit bewegter Geschichte. Nach und nach bauten sie ihn zu einem Gäste- und Seminarhaus um und belebten die dazugehörigen Weinberge samt Landwirtschaft neu. Heute können sie ihren Gästen fast ausschließlich biologische Kost aus eigenem Anbau anbieten. Das Haus verfügt über vier Einzelzimmer und über zwölf Doppel-/Dreibettzimmer mit Bad sowie über zwei Suiten. Die Preise liegen zwischen 79 und 110 Euro pro Person und Tag, inklusive HP, www. casanuova.info/main.html?lang=de

Kurse

Zwischen dem 21. Mai und 10. September stehen 22 Kurse auf dem Programm. Die Workshops finden an sechs Tagen vormittags am Stück oder gesplittet in zweimal zwei Stunden statt. Der Preis für einen Kurs beträgt 540 Euro. Es gibt Kurse für Gitarre, Gesang, Songwriting und Vocal Coaching. Stilistisch ist fast alles zwischen Jazz, Blues, Fingerstyle, Latin, Songbegleitung und Rock dabei. Zu den bekanntesten Referenten gehören unter anderem Ralf Illenberger, Michael Sagmeister, Peter Autschbach, Kosho (Söhne Mannheims) sowie Petra Straue oder Karolina Tryballa.

Weitere Orte und Anbieter

Italien: Antico Borgo in Volterra, Albergo Poderino S. Cristoforo in Lajatico.
Frankreich: La Magnanerie de Bernas in Montclus.
Anbieter: Mediterranean Music School, www.med-music-school.com
Acoustic Music School, www.acoustic-music-school.de .
Musica Viva: http://musica-viva.de .
Terra Musica: http://terramusica.de

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