Immer wissen, wo der Partner ist: mit Tracking-Apps geht das. Foto: Illustration StN

Vertrauenshilfe oder Überwachung? Mit speziellen Apps lässt sich der Standort des Partners verfolgen. Das kann einer Beziehung helfen. Psychologen sehen aber auch Risiken und Gefahren für die Liebe.

Stuttgart - Seit vier Jahren sind Niklas und Corinna ein Paar, sie leben in einer gemeinsamen Wohnung und wissen immer, wo sich der andere gerade aufhält – auch wenn sie mal nicht zusammen sind. Denn sie orten sich gegenseitig mit der App „Meine Freunde suchen“ von Apple.

 

Niklas ist als Apotheker beruflich viel unterwegs, fährt mit dem Auto jeden Tag eine Stunde zur Arbeit. „Wenn ich mal später losfahre, bekomme ich keinen besorgten Anruf oder Fragezeichen per Whatsapp. Wenn wir sehen, dass der andere sich auf den Weg macht, fangen wir an, das gemeinsame Abendessen vorzubereiten, oder machen uns auf dem Weg zum Sport, damit wir dort gleichzeitig eintreffen“, erzählt der 30-Jährige.

„Wann kommst du an?“

Tatsächlich stellen sich Freunde und Partner oft Fragen wie „Wann kommst du an?“, „Bist du schon in der Nähe?“, „Bist du noch auf der Arbeit?“. Niklas findet die Ortsbestimmung hilfreich, weil sie ihm den Erwartungsdruck der ständigen Erreichbarkeit durch Facebook und Co. nimmt. „Wenn man nicht zeitnah antwortet, werden unsere Kommunikationspartner oft besorgt oder frustriert“, sagt er. Gleichzeitig benötige das Verfassen der Antwort Zeit, und die müsse „mehrmals für verschiedene Personen in gleicher Weise“ aufgewendet werden. Dank der Ortsbestimmung spare er sich redundante Kommunikation. Und die Ortung mache auch Spaß, zum Beispiel, wenn sich Niklas und sein Bruder im Urlaub gegenseitig tracken und Fotos vom Aufenthaltsort anfordern.

Ohne Zustimmung keine Überwachung

Beim Tracking kann man auf einer kleinen Karte sehen, wo sich das Smartphone einer Person gerade befindet. Dafür nutzen die App-Anbieter Ortungsfunktionen wie GPS, die etwa auch Navigationsprogramme wie Google Maps verwenden. Ursprünglich wurden Tracking-Apps vor allem von besorgten Eltern benutzt, um ihre Kinder beobachten und Kontakt halten zu können. So wissen sie immer, wo sich der Nachwuchs aufhält, damit sie nötigenfalls eingreifen können. Mittlerweile tracken sich außer Familien auch Freunde, Partner und ganze Freundeskreise. Möglich ist das etwa über eigene Tracking-Apps oder die Standortfreigabe auf Whatsapp.

Die Whatsapp-Einstellung „Live-Standort teilen“ ist eine Alternative zu Googles „Standortfreigabe“ und Apples App. Alle Methoden funktionieren gleich: Man schaltet seinen Aufenthaltsort für gewisse Personen und auf bestimmte Zeit frei. Stimmen diese zu, können sie beobachten und auch ihren eigenen Standort freigeben. Ohne gegenseitige Zustimmung gibt es also keine Überwachung. Man kann das Tracking jederzeit deaktivieren oder temporär unterdrücken. Abgesehen davon ist das Überwachen anderer Personen ohne deren Einverständnis strafbar. Laut Paragraf 238 im Strafgesetzbuch kann Stalking, also das Nachstellen etwa mit Telekommunikationsmitteln, mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Strafbar ist auch das Abfangen oder Ausspähen von Daten.

Zeichen des Vertrauens?

Der Soziologe Klaus Hurrelmann beschäftigt sich mit dem Verhalten der heutigen Jugend. Er hält die Ortbarkeit des Partners für ein Zeichen des Vertrauens. „Man signalisiert: Ich habe kein Geheimnis vor dir. Ich liege vor dir wie ein offenes Buch. Es ist eine Art Liebesbeweis“, sagt Hurrelmann.

Jedoch liefere man sich dem anderen Menschen aus und verzichte auf jede Form von Privatheit. „Das ist ein enormer Einschnitt in die Privatsphäre, an der Grenze zur Selbstentblößung. Wünsche und Sehnsüchte und Interessen, alles kann indirekt nachverfolgt und im Tracking abgelesen werden“, so der Jugendforscher. Die technischen Möglichkeiten der App befriedigten außerdem eine natürliche Neugier. „Das ist ein bisschen voyeuristisch. Dieses menschliche Bedürfnis wird durch die medialen Angebote verstärkt.“ Das Tracking befriedige zudem ein Sicherheitsbedürfnis, das zugenommen habe. „Wenn mir etwas passiert, ist die Chance hoch, dass jemand aus meinem Netzwerk es bemerkt. Dadurch wird das Tracking für viele auch angenehm, ich werde beobachtet, mir kann nichts passieren“, sagt Hurrelmann.

Gefühl der Sicherheit

Das Gefühl der Sicherheit war auch für Niklas und Corinna ein Grund, die App zu aktivieren. „Wenn sie spät zu einer Fortbildung anreisen musste, konnte meine Freundin mir schreiben, dass sie sich gerade unwohl in der Umgebung fühlt und wo sie hingeht. Ich wusste dann immer, wo sie ist, falls sie nicht antwortet“, erzählt Niklas.

Die Tübinger Paartherapeutin Bettina Jellouschek-Otto sieht Vor- und Nachteile von Ortungs-Apps für eine Partnerschaft. Die Anwendung könne Orientierung geben und zum Beispiel auch bei Fernbeziehungen eine Gesprächsgrundlage sein, weil man sehen könne, was der andere alles unternommen hat. Problematisch werde es, wenn man die ganze Zeit nachschaue und die App als Kontrollinstrument nutze. „Misstrauen und Skepsis könnten entstehen.“ Je mehr der eine kontrolliere, umso mehr versuche der andere, etwas geheim zu halten, was vielleicht gar nicht geheim gehalten werden müsse, sagt Jellouschek-Otto. Geheimnisse gehörten in gewisser Weise zu einer Beziehung dazu. „Es ist gar nicht sinnvoll, wenn man sich alles mitteilen muss“, so die Psychologin.

Ob die App Niklas eifersüchtig machen würde? Das verneint der junge Mann, der in wenigen Wochen heiratet. „Für uns ist es einfach eine praktische Anwendung, genau wie der Musikplayer oder die Kamera.“ Ohne Vertrauen sei die Nutzung solcher Apps aber schwierig, gibt er zu. „Aber mangelndes Vertrauen ist auch ohne GPS-Tracking eine Gefahr für jede Beziehung.“