Daniel Schneider 2009 im Verhandlungssaal des OLG Düsseldorf Foto: dpa

Für den 22. Mai hat Richter Reiner Skujat den „Sauerland-Bomber“ Daniel Schneider als Zeugen in einem Islamistenprozess vorgeladen. Schneider sitzt eine Haftstrafe ab.

Stuttgart - Die braunen Haare sind schulterlang. Eine Strähne hängt vor den Augen. Die Schramme unter dem rechten Auge ist bei der Rangelei entstanden, als er festgenommen wurde. Als am 5. September 2007 um 9.30 Uhr der Hubschrauber der Bundespolizei beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe landet und maskierte Elitepolizisten Daniel Schneider vor den Haftrichter eskortieren, haben die Deutschen vor allem eines: ein Gesicht für die sogenannte Sauerland-Gruppe.

Es sind vier junge Männer, die damals zwischen 21 und 28 Jahre alt waren. Zwei von ihnen waren zum Islam konvertiert. Gemeinsam hatten sie sich in den Kopf gesetzt, aus 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid und Weizenmehl Sprengstoff herzustellen und damit amerikanische Kasernen, Discotheken und Kneipen in Deutschland in die Luft zu jagen. Vor drei Jahren wurden sie verurteilt – Schneider, der Jüngste des Quartetts, zu zwölf Jahren Haft.

Am 22. Mai soll der Saarländer wieder vor Gericht stehen – diesmal vor dem Stuttgarter Landgericht, und zwar als Zeuge in dem Verfahren gegen Peter B. und Thomas Dominik D. Diesen Männern wirft die Staatsanwaltschaft vor, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben. Ihr Ziel: Junge Männer in Sprachschulen in Ägypten einzuschleusen. Dort seien die Studenten für den Heiligen Krieg, den Dschihad, gewonnen und in Trainingscamps zu Terroristen ausgebildet worden. Daniel Schneider ist einer, der diesen Weg gegangen ist.

Klassenclown und Basketballspieler

Nördlich von Saarbrücken in Friedrichsthal wurde er geboren. In seiner Klasse auf dem Gymnasium gab er den Klassenclown. Und den Primus in Mathe, Englisch und Sport. Der Bursche in Hip-Hop-Klamotten war eine Stütze seines Basketballteams. Mit Hanteln baute er Muskeln auf, dass sich die bunten Hawaiihemden über den Oberarmen spannten. Joints machten die Runde. Ein Leben, wie es in Deutschland tausendfach vorkommt: bei Kleinkriminellen, Musterschülern und Neonazis.

Ein Leben, aus dem Schneider schließlich ausbrach. Erst in der Yunus-Emre-Moschee im saarländischen Neunkirchen, später im ägyptischen Alexandria. Hier, so glauben die Ermittler, habe er auch die in Stuttgart vor Gericht stehenden Peter B. und Thomas Dominik D. kennengelernt. Aus Daniel Schneider wurde erst „Dschihad“, die „Anstrengung im Glauben“, und dann Abd Allah, der „Diener Allahs“.

Ende Juni 2006 flog er ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet – nach Mir Ali, wo der Terrornachwuchs gedrillt wird. Aus ihnen wurden „Pferde Allahs“, wie der frühere El-Kaida-Chef Osama bin Laden die Gotteskrieger liebevoll nannte. Mir Ali ist eine Ansammlung von 21 Gehöften auf 299 Hekt­ar. Sie liegt auf einer Höhe von 2047 Metern, umgeben von den unwirtlichen Bergen Pakistans. Sechs Stunden dauert der Fußmarsch ins Kriegsgebiet Afghanistan.

Den Terror nach Deutschland tragen

Drei Jahre später wurde Mir Ali, so ein Fahnder, auch die Heimat des Ulmers Peter B., seiner Frau und ihrer Kinder. Als am 4. Oktober 2010 gegen 19.30 Uhr eine Drohne zwei Hellfire-Raketen in den Weiler feuerte, sei B. „zufällig nicht in dem Gebäude gewesen“, sagte der LKA-Beamte aus.

In den aus Lehm gebauten Berghäusern traf Schneider den Ulmer Fritz Gelowicz. Beide wurden die Köpfe der „Sauerland-Gruppe“. Nach Schießübungen schmiedeten sie Pläne, den Terror nach Deutschland zu tragen: „Allah hat uns unseren Weg gezeigt. Wir wollten eigentlich was anderes. Alles wird okay, wie ich meine“ – so hörten es Ermittler später in Schneiders mitgeschnittenen Telefonaten.

Seinem Bruder und einem Cousin, berichteten seine Verwandten vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht, drohte Schneider mit der Ermordung, wenn diese nicht auch zum Islam konvertierten. Er müsse ihnen die „Rübe abhauen“. Als der jüngere Bruder den Propheten Mohammed kritisierte, fuhr ihn der damals 19-jährige Abd Allah an: „Ich verschone dich noch einmal, weil du mein Bruder bist. Beim nächsten Mal muss ich dich umbringen.“

Sterben sollten auch amerikanische Soldaten, die in Deutschland stationiert sind. Konspirativ hielten Schneider und seine Kumpane Kontakt, sie schickten sich E-Mails an die Adressen „angi4148“ oder „Der Frosch43“. Gelowicz hatte allein 14 verschiedene solcher E-Mail-Postfächer. Die vier Sauerländer telefonierten aus Internetcafés miteinander. Sie redeten von „Frauen“, wenn sie „Verfolger“ meinten, von „heiraten“, wenn sie über ihr Terrorcamp in Mir Ali sprachen. Ihre Jäger hörten mit: „Die Deutschen kriegen einen auf die Fresse. Wenn wir das machen, dann kotzen sich die Deutschen noch mehr an, Achi. Dann geht’s ab, Achi. Die Welt wird brennen.“

Am 4. September um 14.29 Uhr griff die GSG 9 ein Ferienhaus im sauerländischen Oberschlehdorn an, in dem Schneider und Co. ihren Sprengstoff zusammenrührten. 19 Stunden später stand der Mann vor dem Haftrichter. In zwölf Tagen erhofft sich der Staatsanwalt eine belastende Zeugenaussage von dem Verurteilten.

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