Seit Jahren enttarnt Sigrid Herrmann-Marschall Islamisten und ihre Netzwerke. Damit hat sie sich viel Respekt verschafft – und jede Menge Gegner.
Sigrid Herrmann-Marschall ist eine groß gewachsene, kräftige Frau mit langen rotblonden Haaren. Zu dem verabredeten Gespräch im Frühstücksraum eines Stuttgarter Hotels erscheint sie ganz in Blau, ihrer Lieblingsfarbe, und trinkt Cappuccino. Sie spricht ruhig, fast leise. Die samtene hessische Melodie in der Stimme verrät ihre Heimat Frankfurt.
Sie erinnert sich noch genau, wie sie das erste Mal bundesweit in den Schlagzeilen landete: Vor zehn Jahren trat die später verbotene Salafisten-Organisation „Lies!“ mit ihrer Koran-Verteilung in Offenbach auf. Da stand die Biologin, damals SPD-Kommunalpolitikerin, mit Handzetteln – „Dem Fundamentalismus keine Chance“ – am Karsamstag in der Fußgängerzone, nur wenige Meter entfernt. Von den Salafisten wurde sie auf offener Straße als „Tier“, „Zecke“ und, „schlimmer, als Adolf Hitler“ beschimpft. Und als sie ein paar etwa zehnjährigen Jungs, die sich Korane geholt hatten, ihre Zettel geben wollte, erwiderten diese verächtlich: „Von Ungläubigen nehmen wir nichts an“, erinnert sich Herrmann-Marschall. „Das war erschreckend, das waren ja noch Kinder.“
Krasse Gegenwelt
Schon Jahre zuvor war sie auf Veranstaltungen in Deutschland – etwa von ausländischen Parteien –, „auf die sonst ‚keiner‘ hinging“, auf das Problem Islamismus gestoßen: Diese „krasse Gegenwelt von Migranten, in der insbesondere Jugendliche oft keine Chance bekommen, in unserer Gesellschaft anzukommen“, erzählt sie. „Ich möchte aber, dass allen Menschen in unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft dieselben Chancen offenstehen“, beschreibt sie ihre Motivation. Demgegenüber sieht sie die „identitäre Falle“, insbesondere der Religion am Werk. Weil diese auch auf das Jenseits abziele, „hat sie viel mehr Wucht“. Eine Angstpädagogik ab frühester Kindheit tue ein Übriges, meint sie.
Herrmann-Marschall stammt selbst aus bescheidenen Verhältnissen. Der Vater Metallarbeiter, die Mutter Hausfrau. „Geldfern“, aber „bildungsnah“ mit vielen Büchern zu Hause, wie sie es selbst beschreibt.
Mehr als 1000 Blog-Einträge („Islamismus und Gesellschaft“) hat sie inzwischen über islamistische Organisationen und Akteure verfasst. Diese, so warnt auch der Verfassungsschutz seit Jahren, trachteten mit einem immer dichter geknüpften Netzwerk von Vereinen und Organisationen danach, die deutsche Gesellschaft nach islamischen Regeln umzuformen. Dazu zählen die Abschaffung der Demokratie und die Errichtung eines islamischen Staats unter einem Kalifat. Viele Experten halten den legalistischen Islamismus für gefährlicher als den gewalttätigen Dschihadismus, weil er seine Kreise auch in Politik und Gesellschaft zieht. Herrmann-Marschall spricht von „Doppelstrategie“: Nach außen pflege man ein tolerantes, dialogbereites Image, nach innen herrschten fundamentalistischere Töne vor.
Juristische Einschüchterungsversuche
Sie berät Kommunalpolitiker, lebt von Vorträgen und Gutachten, schult Lehrer und Juristen. „Und wenn ich auf Strafbares stoße, bringe ich das auch zur Anzeige“, sagt sie. Sie stützt sich auf offen zugängliche Quellen: Vereinsregister, Verfassungsschutzberichte, Gerichtsentscheide. Im Internet durchsucht sie die sozialen Medien, Videos und Fotos, schaut, wer in welchen Gremien aktiv ist, und deckt Verbindungen auf. Ganz ähnlich wie die Online-Detektive in den USA, die nach dem Sturm der Anhänger Donald Trumps auf das Kapitol zu Jahresanfang 2021 die „Open Source Intelligence“, im Internet auswerteten, um der überlasteten US-Bundespolizei FBI dabei unter die Arme zu greifen, die Straftäter zu ermitteln.
Sollte sie vor den Islamisten Angst haben, so lässt sie sich dies nicht anmerken: „Klar muss ich vorsichtig sein“, sagt sie nur. Vom Main ist sie inzwischen in den Raum Düsseldorf umgezogen. Ihre Adresse ist öffentlich nicht bekannt. In ihrer Freizeit kocht sie gerne und gärtnert. Islamistische Akteure gehen auch immer wieder juristisch gegen sie vor. Dazu gehörten sogar Versuche, wahre Tatsachenbehauptungen rechtlich anzugreifen. Doch selbst kostspielige Verfahren schafften es nicht, Herrmann-Marschall mundtot zu machen. „Etwa dreißig“ juristische Versuche zählt sie bisher. Die allermeisten davon hat sie unbeschadet überstanden.
In die rechte Ecke gestellt
Mit ihrer Arbeit zieht die Bloggerin immer wieder harte Kritik auf sich. Die Jusos in Frankfurt warfen ihr vor Jahren Rechtspopulismus vor. Später entschuldigten sie sich. Für Politiker und Kirchenvertreter im linksliberalen Spektrum sowie Vertreter der Islamverbände ist sie ein rotes Tuch. Sie werfen ihr vor, sie schüre Ängste, argumentiere rassistisch und islamfeindlich. Das verneint sie vehement: „Ich habe nichts gegen den Islam, der ist mir superegal“, sagt sie. Wichtig sei ihr aber die Haltung der Menschen zu Demokratie und Menschenrechten. „Wenn es extremistisch wird, ist es mir nicht egal.“
Hartnäckig wird die Islamismusexpertin in die rechte Ecke gestellt. So wird sie etwa nach einem Auftritt Anfang 2019 als Sachverständige bei einer Anhörung im nordrhein-westfälischen Landtag zur Ahmadiyya-Gemeinschaft in die Nähe der AfD gerückt. Es wird behauptet, sie begutachte für die AfD. Dabei war sie eingeladen von Landtagspräsident und Ausschussvorsitzenden, beide von der CDU. 2017 zog sie in den sozialen Medien die Wut auf sich, weil sie ein vom hessischen Innenministerium gefördertes Präventionsprojekt gegen Radikalisierung in die Schlagzeilen brachte. Ihren Recherchen zufolge sollen zwei der Mitarbeiter Verbindungen zu Islamisten gehabt haben. Die Mitarbeiter wurden vorübergehend suspendiert. Eine spätere Sicherheitsüberprüfung ergab keine „tatsächlichen Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen“.
Viel Beifall von Experten
Der Hauptvorwurf gegen Herrmann-Marschall: Sie habe vom Islam allenfalls Laienkenntnisse und hänge Menschen eine „Kontaktschuld“ an. Doch auch Verfassungsschützer verfolgen, wer sich öfter mit wem in der beobachteten extremistischen Szene trifft. Dann könne man schon auf den Gedanken kommen, dass der Betroffene ein Sympathisant sei, heißt es. „Um festzustellen, wer heute etwa in einem Muslimbrudergremium Funktionen einnimmt, muss man nicht wissen, wie der Islam im 11. Jahrhundert diskutiert wurde“, meint die Bloggerin.
Sie bekommt aber auch viel Zuspruch. Viele Journalisten schätzen sie und zitieren ihre Expertise. So etwa der ARD-Investigativjournalist Sascha Adamek, der ihr am Ende seines Buches „Scharia-Kapitalismus“ ausdrücklich für die „unermüdliche Arbeit“ dankt. Den Vorhalt der Kontaktschuld hält er „für ein Ablenkungsmanöver von Islamisten und konservativen Islamverbänden, um kritische Stimmen kleinzureden“. Der Politologe Heiko Heinisch sagt: „In Deutschland dürfte sich kaum jemand finden, der die islamistische Szene besser kennt als sie.“ Und auch so mancher Ermittler zieht den Hut. „Immer wieder habe ich gedacht: ,Warum haben unsere Leute das nicht auch entdeckt‘“, erzählt ein erfahrener Ehemaliger.
Kärrnerarbeit
Ist Deutschland gegen den Islamismus heute besser gefeit ist als noch vor Jahren? „Positiv ist, dass die Gesellschaft das Problem zunehmend wahrnimmt“, meint sie. Aber: „In Politik, in Verwaltung und Medien sitzen inzwischen Leute, die Islamisten fördern“, das aufzudecken bleibe „Kärrnerarbeit“. „Das kann aber eine Person alleine nicht leisten, eine fundierte Beratungsstruktur muss her“, fordert der Integrationsexperte Ahmad Mansour. „Doch die Politik hat bis jetzt nicht wirklich Interesse gezeigt.“