Sebastian Kienle ist bereit für den Ironman auf Hawaii Foto: Getty

An diesem Samstag (23.45 Uhr MESZ/HR) gehen 99 Profi-Triathleten beim Ironman Hawaii ins Wasser – Sebastian Kienle ist der Titelverteidiger und sagt: „Ich habe nichts zu verlieren.

Herr Kienle, alles klar auf Hawaii?
Ich bin am 2. September abgeflogen, seitdem bereite ich mich vor Ort auf den Start vor. Der Hauptgrund für die frühe Anreise war die körperliche Anpassung, sowohl klimatisch als auch wegen der Zeitumstellung
Wie läuft die Vorbereitung?
So weit bin ich zufrieden. In den drei ersten Wochen habe ich viel Umfänge trainiert, viele Kilometer gemacht – davon zwei Wochen ganz spezifisch auf den Strecken, auf denen das Rennen stattfindet. Mittlerweile wurde der Umfang deutlich reduziert, die Ruhepausen sind länger, aber die Intensität hoch.
Wer gehört zu Ihrem Tross?
Mein Trainer Lubos Bilek und ich sind seit Anfang September hier, dann folgte der Physio, in der Rennwoche kamen mein Manager und meine Freundin Christine Schleifer, die mich mit ihrer Erfahrung als Läuferin sehr unterstützt. Ach ja, und ein Mechaniker von meinem Rad-Sponsor ist auch noch dabei.
2015 war nicht so brillant wie 2014. Sie wurden lediglich Zweiter bei der Ironman-EM in Frankfurt und bei der 70.3-WM.
Ich habe eine ordentliche Saison auf hohem Niveau hinter mir, jedoch ohne den großen Ausreißer nach oben. Wissen Sie, eine Saison nach einem Hawaii-Sieg ist immer eine besondere – da steht man in der Öffentlichkeit und bei Sponsoren wie Konkurrenten immer extrem im Fokus. Ich habe es am eigenen Leib erfahren: Es ist schwieriger, oben zu bleiben als nach oben zu kommen.
Ist Jan Frodeno der neue Angstgegner? Bei der EM und der 70.3-WM hat er Sie besiegt.
Diese zweiten Plätze versetzen mich in die richtige Stimmung für Kona. Ich habe gesehen, dass ich nah dran bin, aber es fehlt noch ein wenig bis ganz nach oben. Was Jan anbetrifft: Ich bin überzeugt, dass der Sieg nur über ihn geht, er ist der Favorit. Aber ich habe noch ein paar Pfeile im Köcher und bin mir sicher: Ich kann ihn schlagen. Aber da sind auch noch ein paar andere, die gewinnen wollen und es können. Die Landsleute Nils Frommhold, Boris Stein und Andy Raelert sollte man auch nicht abschreiben.
Warum sind so viele Deutsche in der Weltelite?
Das hat etwas mit einem sich selbst verstärkenden Trend zu tun. Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich, die haben einen Tennistrend ausgelöst. Sie hatten Erfolg, dann wurden Medien und damit Sponsoren aufmerksam, es gab eine steigende Berichterstattung – so beeinflusst der Profi-Sport eben den Breitensport. Wenn wir Triathleten keinen Erfolg hätten . . .
. . .  dann würde ich nicht mit Ihnen sprechen.
Und zwar zu Recht! Erfolge der Vergangenheit führen zu Erfolgen in der Gegenwart und womöglich in der Zukunft. Wir haben in Deutschland ein sehr gutes Fördersystem im Triathlon, von dem ich als junger Sportler profitiert habe. Die Landesverbände leisten sehr gute Arbeit, und wir haben hochklassige Rennen in unserem Land.
Sie sind Titelverteidiger. Fluch oder Segen?
Eigentlich sollte meinen, das ist eine Situation, die Druck erzeugt – wenn ich Zweiter werde, bin ich ja schlechter als im Vorjahr. Eigentlich bin ich in einer Position, in der ich nur verlieren kann. Aber ich fühle nicht so, weil ich weiß, wie verdammt schwer es ist, dieses Rennen zu gewinnen. Es muss an diesem einen Tag alles zusammenpassen. Es gibt so viele Spitzen-Triathleten, die ewig einem Hawaii-Sieg hinterherlaufen, viele, die sonst alles gewonnen haben, nur nicht Kona. Aber ich habe dieses Ding im Sack.
Hat man schon verloren, wenn man geistig verkrampft?
Diese Frage geht eigentlich viel tiefer. Alles, was ich mache, beeinflusst meine Leistung – wie ich trainiere, was ich esse, wie ich schlafe, wie ich meine Freizeit verbringe. Alles. Wenn man pausenlos darüber nachdenkt, kann einen das verrückt machen. Man sollte sich einen Schuss Lockerheit bewahren.
Können Sie wirklich abschalten?
Paula Newby-Fraser (Hawaii-Rekordsiegerin, d. Red.) hat gesagt: Wenn der Sport mehr als die Hälfte deines Lebens einnimmt, frisst er dich auf (Pause). Ich bin bei etwa 90 Prozent. Ich bin mehr als die Hälfte des Jahres in Trainingslagern oder bei Wettkämpfen. Und es gibt keine Atempausen wie in vielen anderen Jobs: Wenn ich nur 70 Prozent bringe, werde ich nicht Zweiter oder Dritter, sondern 35. Zudem macht sich ein Triathlon-Profi abhängig von seinem Sport, denn von seinen Leistungen hängt ab, wie er sich fühlt. Wenn er keine Ergebnisse erzielt, verdient er kein Geld, dann fühlt er sich angepisst. Ein schlechtes Rennen kann einem monatelang nachhängen.
Aber Sie haben doch gute Sponsoren, oder?
Ja, das ist richtig. Dass ich in dieser glücklichen Lage bin, dafür hat auch der Hawaii-Sieg ein Stück weit gesorgt; ich bin dadurch abgesichert. Wenn ich morgen verletzt aufhören müsste, könnte ich mein Physik-Studium wieder aufnehmen und mich finanziell ein paar Jahre über Wasser halten.
Ist es Ihnen schwergefallen, die Gesetze des Profi-Sports zu akzeptieren?
In meiner Sportart kommt der Erfolg nicht über Nacht. Es ist nicht so, wie wenn einer bei einem Fußball-WM-Finale eingewechselt wird, er das entscheidende Tor schießt, und plötzlich ist er der Star von Millionen Menschen. Bei uns geht das Schritt für Schritt, und man gewöhnt sich daran, wie die Dinge laufen. Nehmen wir die Medien als Beispiel. Wenn ich das Rennen in Hawaii nicht gewinne, schreiben ein paar Zeitungen etwas Negatives, aber viele nehmen es gar nicht mehr wahr. In meinem Fall wäre die Abstinenz von Aufmerksamkeit die Art von Kritik.
Im Fußball ist das ganz anders.
Wenn du da ein Eigentor machst im Derby, dann gibt’s einen Shitstorm auf dem Facebook-Account, Zeitungen bringen dein Foto und drucken fette Überschriften – da entsteht sehr schnell eine negative Spirale. Fußball ist Volkssport und Triathlon eben keine Mainstream-Sportart. Das zeigt sich auch daran, dass mich manche Leute mögen, manche mögen einen anderen – aber es gibt keinen, der mich hasst, weil ich etwa einem einen Sieg weggeschnappt habe.
Wie Sie trainieren und was Sie verdienen und wie ein Fußball-Star trainiert und wie viel er bekommt – ärgert Sie das nicht ein wenig?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Profi-Sport ist Marktwirtschaft in Reinkultur – Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Fußball interessiert Millionen, und daher sind auch die Gehälter ein Zigfaches höher als im Triathlon. Das Gehalt eines Sportlers hat nichts damit zu tun, wie viel er dafür arbeitet, sondern nur damit, wie viel andere bereit sind, dafür auszugeben. Fußball-Fans und –sponsoren zahlen diesen Preis. Wer das ändern möchte, der darf keinen Fußball mehr konsumieren.
Wirklich kein bisschen Neid?
Nein, wirklich nicht. Ich habe mit Mario Gomez (einst Profi beim VfB Stuttgart, d. Red.) in Stuttgart Zivildienst geleistet, ich bin also nicht ganz unwissend. Die Art von Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird bei meinem kleinen Ruhm und Promi-Status, die ist eine angenehme und schmeichelhafte. Das genügt mir. Ich würde nie mit einem Fußball-Star tauschen. Leute, die glauben, dass dies ein erstrebenswertes Leben sei, die sollten mal für zwei Tage in diese Rolle schlüpfen. Da muss man aufmerksamkeitssüchtig sein – da kann man nicht unentdeckt aus dem Haus, da steuern Leute Drohnen über deinen Garten, da werden Familienmitglieder belästigt. Bei all den medialen Möglichkeiten, die es gibt, bleibt fast nichts privat – jeder hat eine Handy-Kamera, da wird fotografiert, dann taucht es auf Facebook oder sonst wo auf. Jede kleine Schandtat wird öffentlich. Das ist Angebot und Nachfrage. Ich bin ganz froh, dass die Nachfrage nach mir nicht in diesen Dimensionen spielt.
Haben Sie noch Kontakt zu Mario Gomez?
Nein. Aber noch mal zum Geld. Wenn man mir mit 17 Jahren ein paar Millionen in die Hand gedrückt hätte, dann hätte ich für nichts garantieren können – ich hätte mir sofort ein schnelles Auto gekauft und damit irgendwelchen Unfug angestellt. Du brauchst als junger Kerl ein wahnsinnig gutes Umfeld, wenn du unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten hast, damit du ohne großen Ärger 30 und vernünftig werden kannst. Es gibt diese Statistiken, die belegen: 30 Prozent aller deutschen Fußball-Profis melden geraume Zeit nach ihrer Karriere Privatinsolvenz an, weil sie den gewohnten Lebensstil nicht mehr finanzieren können. Wirklich: Mit Fußball-Profis würde ich nicht tauschen.
Gibt es einen Sportler, den Sie bewundern?
Im Sport fiele mir niemand ein. Früher kamen meine Vorbilder aus dem Radsport, später stellte sich heraus, dass sie eigentlich nicht als gute Vorbilder getaugt haben. Ich denke da an Menschen aus anderen Lebensbereichen, etwa an Richard Faynman, einen Physiker, der den Nobelpreis gewonnen hat.
Radsport und falsche Vorbilder – Triathlon ist aber auch eine Ausdauersportart.
Es gibt kaum Doping bei uns, wobei ich einräume, dass es als Athlet schwierig ist, so etwas zu sagen. Ich halte mich mal an die Fakten. Können Sie mir die gedopten Hawaii-Sieger der vergangenen 20 Jahre aufzählen?
Ich glaube nicht.
Sehen Sie: Es gibt keinen. Aber es gibt Tour-Sieger und Leichtathletik-Weltmeister, die des Dopings überführt wurden. Das liegt nicht daran, dass Triathleten nicht kontrolliert würden. Ich hatte 24 Trainingskontrollen und gut zehn Wettkampfkontrollen im letzten Jahr; wir Triathleten hatten die meisten Kontrollen von allen Kaderathleten in Deutschland. Nun zu behaupten: Die Triathleten dopen schlauer als alle anderen und werden nur deshalb nicht erwischt, das hielte ich für bösartig. Bei uns herrschen andere Strukturen. Im Radsport gibt es Teams, da wird Wissen weitergegeben, in der Leichtathletik werden für Olympiasieger und Weltmeister in bestimmten Disziplinen hohe Prämien gezahlt, da erhalten auch überführte Doper nach Ablauf ihrer Sperre wieder einen Millionenvertrag. Ich denke deshalb, dass unser Sport sehr sauber ist – aber es wäre naiv zu glauben, dass Doping im Triathlon überhaupt nicht vorkommt.
Es gab schon Dopingfälle.
Wenn bei uns ehemalige Doper, und es gibt aktuell zwei Fälle bei uns – Lisa Hütthaler und Michael Weiss –, auftauchen, dann ist die Atmosphäre ihnen gegenüber ziemlich eisig. Niemand zollt ihnen noch Respekt. Wenn mein Sponsor ihnen einen Vertrag anbieten würde, würde ich sofort die Partnerschaft beenden. Für solche Leute ist bei uns kein Platz, auch wenn sie aus regeltechnischen Gründen wieder starten dürfen.
Radsport- und Leichtathletik-Sponsoren ­sehen das nicht so eng.
Da muss ich mich schon schwer wundern. Wenn Justin Gatlin (US-Sprinter, d. Red.) vom gesamten Team akzeptiert wird, frage ich mich schon: Was geht da ab? Der Mann hat seine gesamte Disziplin in den Dreck gezogen, er hat dafür gesorgt, dass es einen Generalverdacht gibt – und wenn so jemand mit Samthandschuhen angefasst wird, lässt das tief blicken. Andere Athleten sollten auf Sponsoren Druck ausüben, diese Leute nicht mehr zu unterstützen. Durch eine solche Ausgrenzung, glaube ich, wäre das Dopingproblem schneller gelöst als durch noch so viele Tests oder krassere Strafen.
Und was ist mit Resozialisierung?
So ein Quatsch, da krieg’ ich einen Lachanfall. Resozialisierung ist in Ordnung, aber ein Bankräuber wird doch später nicht im Sicherheitsdienst einer Bank arbeiten. Es kann nicht sein, dass einer, der dem Sport einen so massiven Schaden zugefügt hat, später wieder von diesem Sport profitiert.
Letzte Frage: Wissen Sie vor dem Wettkampf, ob Sie in der Lage sind zu gewinnen?
Man kann die eigene Form gut einschätzen; ich mache diesen Sport ja nicht erst seit ein paar Tagen, da habe ich Vergleichswerte, ich weiß, wie ich mental drauf bin und wie ich mich körperlich fühle. Aber ich kenne die Werte und die Befindlichkeit der anderen nicht – also bleibt es bis zum Start ungewiss.
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