Onra Donath Foto: Tami Aven

Orna Donaths Studie „Regretting Motherhood“, über Frauen, die es bereut haben, Mutter geworden zu sein, löste im Frühjahr 2015 heftige Diskussionen aus. Im Interview erklärt die Soziologin ihre Positionen.

Stuttgart - Frau Ornath – wie kam es zur Veröffentlichung Ihrer Studie „Regretting Motherhood“?

2013 forschte ich im Rahmen meiner Diplomarbeit in Soziologie an der Universität Tel Aviv zu Männern und Frauen, die die Vorstellung, Eltern zu werden, ablehnten. Mir blieb ein Satz im Gedächtnis, den ich wieder und wieder gehört hatte: dass Männer und Frauen, vor allem aber Frauen, die sich keine Kinder wünschten, dies eines Tages bereuen würden. Mich beunruhigte das sehr, und ich begann, darüber nachzudenken, auf welche Weise die Empfindung der Reue hier durch die Gesellschaft instrumentalisiert wird.
Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Haltung zu Mutterschaft/Vaterschaft?
Ich habe auch mit insgesamt zehn Vätern gesprochen, die ihre Vaterschaft bereuen. Aus Platzgründen konnte ich diese Interviews nicht in die Studie aufnehmen, aber mir fiel auf, dass acht der zehn Männer Vater wurden, da dies der Wunsch ihrer Partnerin war, die sie nicht verlieren wollten. Diese Väter begründeten ihre Reue auf ähnliche Weise wie Frauen. Ich glaube, dass der wesentliche Unterschied darin liegt, wie die Gesellschaft Mutterschaft und Vaterschaft bewertet. Mutterschaft wird als etwas angesehen, das Frauen wesentlich ist.
Wie haben Sie die Diskussion erlebt, die ihr Buch auslöste?
Ich wusste, dass ich mich mit einem gesellschaftlichen Tabu befasse. Als ich vor zwei Jahren von einer Zeitung interviewt wurde, löste das in Israel eine sehr starke Diskussion aus, die jedoch nach einer Woche wieder verstummte. In Deutschland hält die Diskussion bis heute an. Das hat mich überrascht – ich hatte erwartet, dass hier, wie in Israel, die Gespräche nach einer Woche verstummen würden. Vielleicht ist man in Deutschland eher bereit, dieses Thema zu diskutieren.
Weshalb reagierte die Öffentlichkeit in Israel anders als in Deutschland?
In Israel gibt es keine Akzeptanz für Frauen, die nicht Mutter werden wollen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: traditionelle Wertvorstellungen, religiöse Voreingenommenheit, aber auch die Geschichte und die Gegenwart Israels – der Holocaust, die Kriege, der Terror. Die Angst vor dem Tod begleitet uns ständig, auch wenn wir sie nicht vor Augen haben, ist sie da, unter der Oberfläche. In Deutschland treffen Frauen, die nicht Mutter werden wollen, auf größere Akzeptanz, aber ich denke, man bringt auch dort Frauen, die Mütter werden, größere Wertschätzung entgegen als solchen, die das nicht möchten. So habe ich es von deutschen Frauen gehört.
Welches Anliegen verfolgten Sie mit der Veröffentlichung von „Regretting Motherhood“?
Es geht mir um den Mythos der guten Mutter. Und es geht mir auch um die Behauptung, dass jede Frau, die geistig und körperlich gesund ist, Mutter werden sollte. In vielen Gesellschaften ist dies noch immer die einzige Rolle, die für eine Frau vorgesehen ist. Ich versuche über Vielfalt zu sprechen – die Tatsache, dass wir alle über dieselben Fortpflanzungsorgane verfügen, bedeutet längst nicht, dass wir alle dieselben Träume und Fantasien, dieselben Wünsche für unser Leben hegen. Es gibt Frauen, die Mütter werden wollen und es auch können, und es gibt Frauen, die es nicht wollen.
Aus welchen Gründen wünschen sich die Frauen, mit denen Sie gesprochen haben, sie wären niemals Mutter geworden?
In der Studie kommen drei Gruppen von Frauen zu Wort: jene, die nie Mutter werden wollten, aber dazu gedrängt wurden, jene, die mit ihrer Mutterschaft sehr hohe Erwartungen verbanden und dann feststellten, dass sich ihre Situation durch die Mutterschaft nur verschlechterte, und jene, die sich niemals wirklich Gedanken darüber gemacht hatten, ob sie Mutter sein wollten oder nicht. Die zweite Gruppe dieser Frauen dachte wirklich, die Mutterschaft sei eine Art Zauberstab – dass sie, indem sie neues Leben schenkten, etwas wiedergutmachen könnten, das in ihrem eigenen Leben schiefgegangen war. Sie mussten erleben, dass ihnen dieser Wunsch nicht erfüllt wurde.
Auf welche Weise könnte man besser umgehen mit dieser Problematik? Was denken Sie?
Es gibt heute Internetforen, in denen sich Mütter über ihre Probleme austauschen können. Aber der Mythos der Mutterschaft als Lösung aller Probleme ist immer noch sehr tief verwurzelt, und es ist nicht einfach, ihn infrage zu stellen. Zunächst einmal sollten Frauen, die Mütter sein möchten, jede Unterstützung durch ihre Gesellschaft erhalten. Aber ich denke auch, dass man keinerlei Druck auf Frauen ausüben sollte, Mütter zu werden. Erst wenn es für Frauen aller Gesellschaftsschichten die Option gibt, kinderlos zu bleiben, werden Frauen wirklich herausfinden können, was sie wollen und empfinden.
Weshalb bereuen Frauen es, Mutter geworden zu sein?
Viele Mütter sprechen von der Last der Verantwortung: einmal Mutter – immer Mutter. Sie bestimmt ihr Leben auch dann, wenn die Kinder längst aufgewachsen sind. Fünf der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sind bereits Großmütter, aber dieses Gefühl verfolgt sie noch immer. Eine Frau sprach davon, wie schwer es sei, in einer rassistischen Gesellschaft Mutter zu sein – sie durchlebt all die Anfeindungen, die sie als Kind ertragen musste, erneut. Wenn man über Mutterschaft spricht, denkt man häufig nicht darüber nach, dass hier manchmal auch Traumata und Verletzungen weitergegeben werden.
Kann die Frage der Reue nicht auch mit der Entwicklung des Kindes zusammenhängen? Bereuen auch Mütter sehr erfolgreicher ­Kinder?
Die Mütter, die ich für meine Studie befragt habe, sagen alle, sie hätten großartige, sehr erfolgreiche, intelligente und freundliche Kinder. Fast alle sagen sie: Ich liebe meine Kinder – aber ich hasse es, Mutter zu sein. Nicht die Kinder sind das Problem, die Mutterschaft ist es. Frauen können zugleich diese Verantwortung tragen und bereuen. Sie wissen: Ihre Kinder sind schon da. Aber sie können in ihrer Vorstellung zurückgehen und sagen: Mit der Erfahrung, die ich heute habe, würde ich mich nicht dafür entscheiden, Mutter zu werden.
Ein Kind muss die Reue seiner Mutter aber doch schwer treffen . . .
Eine Studentin sagte mir, dass sie nun, zurückblickend, ihre eigene Mutter besser verstehen, als eine Frau sehen könne, die in einer Gesellschaft lebte, von der sie in ihre Rolle hineingedrängt wurde. Sie sagte, sie könne sich nun stärker in ihre Mutter hineinversetzen. Über Reue zu sprechen muss nicht notwendigerweise etwas Verletzendes haben. Auch das Mitgefühl kann dadurch wachsen. Es darf hier niemals darum gehen, zu einem Kind zu sagen: Ich bereue, dass ich dich geboren habe, du hast mein Leben zerstört. Wir sprechen darüber, dass Mutterschaft nicht unbedingt das größte Glück bedeutet. Einem Kind zu sagen: Ich bedauere, dich geboren zu haben – das hieße, ihm ein schweres Leid zuzufügen, das wäre grausam. Und das ist für mich vollkommen ­inakzeptabel.
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