Auch in Zeiten von Künstlicher Intelligenz hat das Lesen für Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay und für die Gymnasiastin Fenja Hornung seine Reize, Im Interview plädieren sie für die Literatur.
Lesen scheint für Kinder und Jugendliche in Zeiten der digitalen Medien nicht mehr so attraktiv zu sein. Die „Mission Lesen“ der Stadtbücherei Ostfildern und andere Sommer-Leseclubs im Landkreis Esslingen aber zeigen, dass das Buch nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Das finden auch Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay und die elfjährige Fenja Hornung, die im Wettbewerb erfolgreich war.
Die aktuelle IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Leseuntersuchung) hat ergeben, dass deutsche Viertklässler heute deutlich schlechter lesen als noch vor 20 Jahren. Die „Mission Lesen“ in Ostfildern und andere Sommer-Leseaktionen im Kreis Esslingen wirken dem Trend entgegen. Was kann man tun, damit Lesen wieder mehr Spaß macht?
Christof Bolay: Ich teile die kulturpessimistische Sicht nicht. Der Erfolg des Leseclubs der Stadtbücherei Ostfildern zeigt, dass das Interesse am Lesen bei den Schülerinnen und Schülern an der Literatur groß ist. Allerdings ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen attraktive Angebote zu machen, damit sie Spaß am Lesen haben. Schulen und Bibliotheken können auch Kinder aus Familien erreichen, in denen weniger gelesen wird. Bei der Vermittlung sind digitale Medien ebenso wichtig wie das klassische Buch. Auch die sozialen Medien regen zum Lesen an. Da ist es wichtig, offen zu bleiben und die Chancen zu nutzen, die digitale Technik bietet.
Fenja, Du hast als Lesekönigin in den Sommerferien 48 Bücher geschafft. Was bedeutet Lesen für Dich im Alltag?
Fenja Hornung: Mit gefällt, dass ich beim Lesen eines Buches mein eigenes Tempo bestimmen kann. Da kann ich auch mal eine Pause einlegen und weiter nachdenken, wenn ich mag. Das geht in einem Hörbuch nicht, da bestimmen die Sprecher das Tempo. Ich kann mir auch ausmalen, wie die Figuren in den Büchern aussehen, wie sie sprechen und was für Menschen sie sind. Da ist die eigene Fantasie gefordert.
Herr Bolay, Sie haben neben Politik Literaturwissenschaften studiert. Wie bewerten Sie die gesellschaftliche Bedeutung des Lesens?
Christof Bolay: Das Lesen ist eine kulturelle Technik, die im gesellschaftlichen Zusammenleben unverzichtbar ist. Zum Beispiel muss man die Gebrauchsanweisung neuer Geräte lesen und verstehen können. In Deutschland sind 6,2 Millionen Menschen funktionale Analphabeten. Das besagt die LEO-Studie der Universität Hamburg von 2018. Da ist die Gesellschaft gefordert, Angebote zu machen, um diesen Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Als Oberbürgermeister lese ich selbst sehr viel. In meinem Beruf geht es darum, sich in viele Themenbereiche einzuarbeiten und die Inhalte den Bürgerinnen und Bürgern verständlich zu vermitteln.
Das gute, alte Buch ist auch in Zeiten von Tonies, Hörbüchern, KI und anderen digitalen Medien attraktiv. Was reizt Sie/Dich daran, darin zu blättern?
Christof Bolay: Ich lese gerne Bücher auf dem Sofa, wenn es die Zeit zulässt. Beruflich lese ich viele Texte mit dem E-Reader oder am Bildschirm. Das vereinfacht die Arbeit an den kommunalpolitischen Themen.
Fenja Hornung: Beim Lesen tauche ich ein in Abenteuer, die ich nicht kenne. In Fantasy-Geschichten passieren Dinge, die man selbst nie erleben würde. Es macht mir Spaß, die Menschen in Büchern zu begleiten und fremde Welten kennenzulernen. Deshalb ist der Leseclub in den Sommerferien besonders schön. Da entdecke ich viele neue Bücher, die ich sonst vielleicht nicht gelesen hätte.
Vorlesen gehörte früher zum Alltag. In vielen Familien ist das heute nicht mehr so. Welchen Stellenwert haben Geschichten für Sie/Dich?
Christof Bolay: Als meine Kinder klein waren, haben wir in der Familie viele Geschichten gelesen. Zum Welttag des Buches am 23. April lese ich Kindern in der Stadtbücherei Ostfildern vor. Das macht mir Freude. Man kann mit der Stimme verschiedene Personen darstellen und sich in deren Charaktere versetzen. Schön ist es, wenn die Jungen und Mädchen gebannt zuhören.
Fenja Hornung: Sobald ich lesen konnte, hat mir Vorlesen nicht mehr gefallen. Da wollte ich Bücher selbst entdecken. Aber mein kleiner Bruder mag Gute-Nacht-Geschichten.
Wie sieht die Bücherei der Zukunft in zehn Jahren oder später aus?
Christof Bolay: Bibliotheken hat es schon im alten Rom und in späteren Jahrhunderten gegeben. Das wird sich auch in Zeiten der digitalen Medien nicht ändern. Aber wir müssen neue Wege gehen und das Modell weiterentwickeln. Neue Angebote sind gefragt, auch bei digitalen Medien. Künstliche Intelligenz wird das Leben in Zukunft stärker bestimmen. Ich bin froh, dass unsere Stadtbücherei in Ostfildern neue Wege geht und ihr Konzept überdenkt. Büchereien werden verstärkt zu Orten von Erlebnis und Begegnung.
Fenja Hornung: In meiner Fantasie sieht die Bücherei in zehn Jahren ganz anders aus. Da male ich mir zum Beispiel aus, dass die Regale auf die Leserinnen und Leser zukommen. Dann findet man schnell ein passendes Buch aus dem Bereich, den man interessant findet. Fantasy oder Sachbücher, da gibt es viele Möglichkeiten. Technisch wäre so eine Bibliothek ja möglich.
Christof Bolay: Das fände ich aber schade, denn ich mag es, in die Bücherei zu gehen und mich umzuschauen. Wenn man mit offenem Blick durch die Regalreihen geht, findet man immer wieder interessante Literatur, die man gar nicht kannte.
Welches ist Ihr/Dein Lieblingsbuch? Oder ist das angesichts der Fülle exzellenter Werke gar nicht so einfach?
Fenja Hornung: Das kann ich tatsächlich nicht sagen. Ich habe im Sommer-Leseclub so viele Bücher gelesen. Die fand ich alle spannend und hatte viel Freude beim Lesen.
Christof Bolay: Ein Buch, das ich immer mal wieder zur Hand nehme und lese, ist „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino. Das wurde 1979 veröffentlicht, ist also schon etwas älter, aber der Erzählstil überrascht mich immer wieder.
Zu den Personen
Christof Bolay
Christof Bolay, Jahrgang 1968, ist seit 2005 Oberbürgermeister von Ostfildern. Davor war der studierte Literatur- und Politikwissenschaftler im Landeswirtschaftsministerium und im Büro des Bundesgeschäftsführers der SPD in Berlin tätig.
Fenja Hornung
Fenja Hornung besucht die sechste Klasse des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Ostfildern. Sie hat den Wettbewerb „Mission Lesen“ der Stadtbücherei Ostfildern bereits zum zweiten Mal gewonnen. Der Wettbewerb findet im Rahmen von „Heiss auf Lesen“ statt, einer Leseclubaktion im Regierungsbezirk Stuttgart. Die Bürgerstiftung der Stadt Ostfildern unterstützt den Wettbewerb. In diesem Jahr haben sich 90 Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und 17 Jahren angemeldet; 42 haben den Leseclub erfolgreich abgeschlossen und alle Voraussetzungen erfüllt.