Nicht nur Nahversorgung, sondern auch ein Erlebnis: Auf den Wochenmärkten lockt auch der Eventcharakter. Foto: Alexander Müller

Thomas Lehmann führt seit knapp einem Jahr die Märkte Stuttgart Gesellschaft. Im Interview verrät er, wie er den Großmarkt noch stärker für die künftigen Herausforderungen rüsten und die Wochenmärkte noch attraktiver machen will.

Wangen - Seit Frühjahr leitet Thomas Lehmann die Märkte Stuttgart Gesellschaft. Das stadteigene Unternehmen ist für den Stuttgarter Großmarkt in Wangen, die Markthalle, für die Wochen-, Krämer- und Flohmärkte verantwortlich. Bevor Lehmann die Führung der Märkte Stuttgart übernahm, arbeitete er im Immobilienbereich der Deutschen Bahn, unter anderem in Stuttgart. Von 2003 bis Mitte 2007 leitete er das Real Estate Management der Deutschen Telekom und war danach Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft der Bundesagentur für Arbeit.

Herr Lehmann, Sie haben lange in Stuttgart gearbeitet. Haben Sie daher den Großmarkt gekannt?

Ich habe in Nürtingen die Ausbildung gemacht und dort studiert, zudem in Stuttgart für die Bahn gearbeitet. Meine Frau stammt aus Gablenberg. Insofern war mir der Großmarkt ein Begriff. Man fährt ja an ihm entlang, aber ich hatte ihn zuvor noch nie besucht.

So geht es vielen Stuttgartern. Sie kennen die Bedeutung des Großmarkts kaum. Wie wollen Sie dies ändern?

Der Großmarkt ist eher für den Handel wichtig. Wir versorgen von hier aus etwa zwölf Millionen Menschen. Das Einzugsgebiet umfasst ungefähr 300 Kilometer. Es reicht bis in den Vorarlberg, nach Freiburg, Heilbronn und Mannheim. Wir haben eine gute Mischung der Produkte und bieten Erzeugnisse aus der Region und aus aller Welt an. Zudem haben hier 2000 Menschen einen direkten oder indirekten Arbeitsplatz. Diese Bedeutung wollen wir in den politischen Gremien bekannter machen. Für den Endverbraucher ist dagegen interessanter, dass die Vielfalt und Frische in den Lebensmittelmärkten erhalten bleibt. Dass die Großmärkte die Garanten dafür sind, werden die deutschen Großmärkte mit einer gemeinsamen Imagekampagne unterstreichen.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch für den Großmarkt?

Wir werden uns sicher um Logistik- und Infrastrukturthemen kümmern. Das Zulieferungsgeschäft nimmt zu. Deswegen werden wir in den kommenden Jahren in die Elektromobilität investieren. Wir planen derzeit auf unserem Gelände eine Wasserstofftankstelle. Auch die Digitalisierung beschäftigt uns. Der Großmarkt ist bereits über eine Glasfaserleitung angebunden. Damit bieten wir die Infrastruktur, die die Unternehmen heutzutage benötigen. Die Märkte sind extrem vernetzt. Sie können heute anhand von GPS-Daten die Herkunft oder den Standort jeder Obstkiste verfolgen. Dies sichert die Qualität der Waren. Deswegen kooperieren wir mit einem unabhängigen Prüflabor, das seine Räume auf dem Gelände hat. Denn die Kriterien der einzelnen Supermärkte sind oft strenger als die gesetzlich vorgeschriebenen.

Sehen Sie Chancen, dass sich der Großmarkt flächenmäßig ausbreiten kann?

Wir könnten deutlich mehr Firmen ansiedeln, wenn wir Platz hätten. Es gibt aber kaum Perspektiven. Eine Umsiedlung kommt aber auch nicht in Frage. Wir müssen mit den Gegebenheiten leben und das Optimale daraus machen.

Anderes Gebiet: Wie entwickeln sich die Stuttgarter Wochenmärkte?

Positiv. In Stadtteilzentren funktionieren die Wochenmärkte gut. In reinen Wohngebieten tun wir uns dagegen schwer. Wir eröffnen im Frühjahr in der Mittnachtstraße einen neuen Wochenmarkt. Dort steigen viele Menschen an der Haltestelle aus, unweit liegt das Bürgerbüro und es gibt Geschäfte. Das sind gute Voraussetzungen für einen Wochenmarkt. Wir sehen aber auch, dass sich die Öffnungszeiten tendenziell Richtung Nachmittag verlagern. Die jüngere Generation will nicht nur einkaufen, sondern auch ein wenig verweilen und sich mit anderen treffen. Auf einigen Märkten steht beispielsweise ein Kaffeewagen. Das kommt gut an. Wochenmärkte haben auch eine soziale Funktion. Sie tragen zum Miteinander bei, dort werden Neuigkeiten ausgetauscht und sie führen zu Einkaufserlebnissen im Stadtbezirk.

Ein Einkaufserlebnis ist auch die Markthalle. Wie beurteilen Sie das Dorotheenviertel als neuen Nachbarn?

Die Markthalle hat dadurch sehr gewonnen. Wir sind von Reihe zwei in die erste Reihe gesprungen. Auch Supermärkte versuchen jetzt mit Holzkisten und entsprechenden Bodenbelägen, Markthallencharakter zu kreieren. Wir haben dies nicht nötig. Die Markthalle ist das Original. Sie wird weiter historisch so belegt sein. Sie bleibt eine Verkaufshalle mit traditionellen Ständen.

Sind auch Veranstaltungen in der Markthalle geplant?

Es gibt regelmäßig lange Einkaufsnächte. Angedacht sind zudem Aktionen wie Spargel und Wein mit Wengertern vor dem Ceres-Brunnen und Anfang Herbst haben wir für unsere Kunden vielleicht eine Überraschung parat. Die Vorbereitungen dazu laufen. Für Auswärtige ist der Einkauf in der Markthalle ein Event. Wir wollen aber auch noch mehr Stuttgarter in das Schmuckstück locken und wir dürfen uns dem Trend, dass man auch etwas telefonisch oder online bestellen kann, nicht verschließen.

Viertes Standbein sind die Krämermärkte. Sind sie noch zeitgemäß?

Ich halte Krämermärkte und die Kirben für gesellschaftliche Höhepunkte im Stadtbezirk. Deswegen fällt es mir schwer, sie als ein aussterbendes Relikt anzusehen. Wir haben schließlich auch die Aufgabe, das bunte Leben und die Kommunikation in den Stadtbezirken zu fördern. In Arbeitskreisen überlegen wir uns, wie wir Krämermärkte mit anderen Angeboten beleben könnten. Durch das Internet sind klassische Krämermarktartikel wie Bürsten, Körbe, Küchen- oder Haushaltsartikel weggebrochen. Feinkost und Handarbeitsartikel könnten für Abwechslung sorgen. Auch durch eine Leistungsschau der lokalen Unternehmen könnten die Krämermärkte attraktiver werden. Krämermärkte müssen Erlebnisse bieten und Treffpunkte sein.

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