Regionaldirektorin Nicola Schelling befürchtet, dass sich der Verkehr längere Wege sucht. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Von 2018 an sollen ältere Diesel nicht mehr in den Stuttgarter Talkessel fahren dürfen – weil dort die Feinstaub- und Stickstoffdioxidbelastung zu hoch ist. Die Regionaldirektorin Nicola Schelling befürchtet negative Auswirkungen für umliegende Kommunen und forderte andere Maßnahmen.

Stuttgart - In Stuttgart wird es von 2018 an zumindest ein teilweises und zeitweises Fahrverbot geben. Das hat auch ­Auswirkungen auf viele Pendler, die aus der Region in die Stadt wollen. Regionaldirektorin Nicola Schelling befürchtet Ausweichverkehr und fordert den Bau neuer Straßen.

Frau Schelling, von 2018 an werden Diesel unterhalb der Euro-Norm 6 an manchen Tagen nicht mehr in den Stuttgarter Kessel fahren dürfen. Was bedeutet das für die Region?
Das Fahrverbot hat eine enorme regionale Komponente. Viele Pendler aus der Region, die nach oder durch Stuttgart fahren, sind betroffen. Der Verkehr, der nicht mehr durch Stuttgart fahren darf, wird zumindest in Teilen umgeleitet und sucht sich ­seinen Weg – und das kann zu Mehrbelastungen in Städten und Gemeinden rund um Stuttgart führen. Das bedeutet längere ­Wege und damit mehr Schadstoffausstoß.

Was Menschen in Stuttgart von dem Fahrverbot für bestimmte Diesel-Autos halten, sehen Sie im Video:

Es gibt aber doch Busse und Bahnen?
Gewiss. Und dazu rufen wir auch auf. Aber das werden nicht alle Menschen machen. Deshalb werden manche wegen der ­Zufahrtsbeschränkungen nicht mehr nach Stuttgart fahren. Gleiches gilt für Restriktionen beim Parkraum. Dabei hat Stuttgart als Oberzentrum der Region mit zentralen Einrichtungen für Einkauf, Kultur, Behörden, mit Kliniken und Bibliotheken eine wichtige Funktion. Wer nicht zur Arbeit oder zum Studieren nach Stuttgart muss, der wird sich vielleicht anders orientieren – innerhalb der Region, aber auch außerhalb der Region: in Richtung Pforzheim, Heilbronn, Tübingen oder Ulm.
Was tut die Region dagegen?
Wir versuchen, die S-Bahn zu verbessern – mit dem Kauf von zehn zusätzlichen ­S-Bahn-Fahrzeugen, die nun die Zuverlässigkeit und die Kapazitäten erhöhen sollen. Wir sind mit der Bahn im Gespräch, mit der neuen Signaltechnik ETCS langfristig die Stammstrecke zu verbessern. Wir kümmern uns um das regionale Verkehrsmanagement, wir haben die P+R-Zuständigkeit und bauen Mobilitätspunkte auf.
Mit Verlaub: Das ist alles gut und richtig. Aber ist es eine Illusion, damit die Luftbelastung in Stuttgart in den Griff zu bekommen?
Angesichts von gut acht Millionen Fahrten bekommen wir damit allein das Problem nicht in den Griff. Da muss man realistisch sein. Das sind einige der Stellschrauben, an denen wir drehen müssen. Aber es gibt noch mehr. Wir sollten den Einsatz moderner Technologien zumindest mittelfristig in den Blick nehmen.

Elektroautos und autonomes Fahren

Plaketten und Kontrolle von Fahrzeugscheinen, wie sie jetzt kommen, klingen nicht gerade nach modernen Technologien.
Das Land ist gehalten, aktuell zu reagieren auf die Überschreitung der Grenzwerte bei Feinstaub und Stickoxiden. Aber wir sollten nicht aus dem Blick verlieren, was in ­einigen Jahren sein wird. Ich frage mich auch, ob ein Fahrverbot die Maßnahme ist, die zu dieser Region passt. Unsere Antwort muss doch eigentlich sein: Wie reagieren wir als Technologie- und Innovations­region auf die hohe Schadstoffbelastung? Dieser Aspekt kommt mir bisher zu kurz. Und das finde ich schade.
Und die Antwort lautet?
Wir haben mit der Elektromobilität in einigen Jahren Fahrzeuge, die emissionsfrei sind und alltagstauglich werden, weil ihre Reichweite sich vergrößert.
Die aber auch Feinstaub verursachen.
Ja, aber kein Stickstoffoxid und weniger Feinstaub. Das ist ja auch was. Diese ­E-Fahrzeuge kommen dann auch von ­heimischen Herstellern wie Mercedes, ­Porsche, Audi und Volkswagen. Dafür ­brauchen wir aber ein flächendeckendes Netz von Schnellladestationen. Wir als Region erarbeiten, gefördert vom Bund, ein derartiges Konzept. Die Prämissen, die dem zugrunde liegen, sind: Es muss sich jeder in der Region Stuttgart ein E-Fahrzeug anschaffen können im Vertrauen auf die Ladeinfrastruktur. Ladestationen müssen von jedem Wohn- und Arbeitsort aus in fünf bis zehn Minuten erreichbar sein. Es ist ein enormer Unterschied, ob ich wie heute für 50 Kilometer stundenlang aufladen muss oder künftig 15 Minuten für 120 Kilometer brauche.
Passiert in diesem Bereich zu wenig?
Es gehört auf jeden Fall mehr in den Vordergrund gestellt, dass wir uns auf diesen gemeinsamen Weg begeben müssen. Wenn Stuttgart Elektrotaxen fahren lassen will, dann muss man die auch laden können – und nicht nur in der Stadt, sondern auch außerhalb. Wir brauchen ein regionsweites Vorgehen. Und wir sollten nicht nur über Fahrverbote sprechen, sondern auch darüber, wie die technologischen Rahmenbedingungen für den Verkehr künftig aussehen werden.
Wünschen Sie sich mehr Engagement der Autoindustrie?
Es läuft nun an, aber gerade im Aufbau der Schnellladestationen muss mehr passieren – auch seitens der Industrie.
Ein weiteres Zukunftsthema ist das autonome Fahren?
Autonomes Fahren wird kommen – und schneller, als es mancher heute denkt. Um dem autonomen Fahren zum Durchbruch zu verhelfen, braucht es einerseits Testgebiete, gerade auch in der Region Stuttgart. Besonders wichtig ist dann der ganz praktische Einsatz dieser Technologie, um den Verkehr zu verflüssigen. Flüssiger Verkehr hat am wenigsten Emissionen. Aber auch da geht es um die Infrastruktur: Autonomes Fahren setzt auf ein 5G-Netz auf, und das auf ein Glasfasernetz. Deshalb sind unsere Bemühungen für einen regionsweiten Glasfaserausbau so wichtig.

Plädoyer für Nordostring und Filderauffahrt

Ein Anwohner des Neckartors würde Ihnen sagen: Das sind alles Visionen, die Luft ist aber heute schlecht.
Wenn man auf Restriktionen heute nicht verzichten kann, dann ist es umso wichtiger, dass wir diese Perspektive haben, dass es nur eine Übergangsmaßnahme ist, weil eine andere Entwicklung solche Restriktionen überflüssig macht. Denn wir müssen auch ehrlich sein: Wir werden in Zukunft mehr Verkehr haben. Aber die Zukunft dieses Verkehrs wird elektrisch sein und damit umweltfreundlich sowie geräuschlos. Das ermöglicht Logistik auch nachts.
Heißt das weiteren Straßenbau?
Wir brauchen Straßenbau. Dazu gehören der Nordostring und die ­Filderauffahrt, die den Durchgangsverkehr in Stuttgart ­entlasten würden . . .
. . . das ist umstritten, weil neue Straßen Verkehr anziehen.
Unsere Erhebungen für den neuen Regionalverkehrsplan gehen von weniger Durchgangsverkehr in Stuttgart aus, wenn diese Straßen gebaut werden. Für mich gilt: Wer Restriktionen plant, muss selbstverständlich auch Straßen bauen, die das Zentrum Stuttgarts ­entlasten. Laut unserem Regionalverkehrsplan gehören diese Straßen dazu, um die Mobilität in der Region künftig bewältigen zu können.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: