Interview mit Professor Alt „Die Hochschulen stecken im Hamsterrad“

Von Christoph Link 

Professor Peter-André Alt leitet die Hochschulrektorenkonferenz. Foto: Tagesspiegel
Professor Peter-André Alt leitet die Hochschulrektorenkonferenz. Foto: Tagesspiegel

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, verlangt Bundesmittel für die Digitalisierung von Universitäten und wünscht sich mehr „Moral“ in der Wissenschaft.

Berlin - Professor Alt sieht große Chancen in der Digitalisierung des Vorlesungsbetriebs. Aber die sei teuer. Und er verlangt eine schärfere Debatte über Moral und Fehlverhalten in der Wissenschaft.

Herr Professor Alt, wir haben fast 2,9 Millionen Studierende in Deutschland – ein Rekord. Wie kommen die Hochschulen damit klar und werden die Zahlen weiter steigen?

Die Studierendenzahlen werden so hoch bleiben. Wir sehen gegenüber dem Vorjahr einen geringfügigen Rückgang bei den Studienanfängern von 0,9 Prozent, aber wir werden weiterhin ein starkes Studieninteresse haben. Die Hochschulen müssen mit diesen großen Zahlen leben und arbeiten. Daher brauchen sie eine Grundfinanzierung, mit der sie verlässlich planen können, statt immer wieder nur befristete Mittel zu erhalten. Seit Jahrzehnten stecken wir in diesem Hamsterrad. Es geht nicht nur um das quantitative Studienangebot, sondern auch um dessen Qualität. Es wäre richtig, die Betreuungsrelationen in der Lehre zu verbessern. Dagegen steht das Kapazitätsrecht: Mit jeder neuen Stelle müssen neue Studienplätze geschaffen werden.

Ist das das einzige Problem der Unis?

Nein, heute haben wir es mit sehr unterschiedlichen Gruppen von Studierenden zu tun – mit Migrationshintergrund, mit internationaler Prägung, mit heterogenen Bildungsabschlüssen. Der Aufwand für die Hochschulen ist daher gewachsen, sie müssen Orientierungs- und Oualifizierungsangebote unterbreiten oder in Fächern wie Mathematik Brückenkurse anbieten. Das kostet Personal und Infrastruktur. Wir haben einen Orientierungsnotstand.

Sie haben ein zweisemestriges Studium Generale zum Studieneinstieg gefordert. Hat Ihre Idee eine Chance?

Durchaus, das Echo ist überwiegend positiv. Bei manchen gibt es allerdings die Sorge, das könnte zulasten des Fachstudiums oder des Masters gehen. In Deutschland dominiert ja ein Modell, wonach ein Bachelor-Studium drei Jahre dauert und direkt mit dem Fachstudium im engeren Sinne beginnt und nicht – wie in Großbritannien oder den USA – mit einem breiteren Fächerspektrum. Unser System ist an sich gut, dennoch fehlt es in der Einstiegsphase oft an einer Vermittlung von Schlüsselkompetenzen und an Orientierung. Deshalb schlage ich ein Studium Generale vor, das das Fachstudium besser fundiert, aber auch schon anrechenbare Leistungen abfordert. Dass das Bachelor-Studium drei Jahr dauert, ist nicht in Stein gemeißelt, und dass wir einschließlich eines Masters insgesamt nur auf fünf Jahre kommen dürfen, ebenso. Sechs Jahre Studium inklusive Studium Generale wären also möglich.

Ist die Luft aus den Verhandlungen über den Hochschulpakt, in dem Bund und Länder die Finanzierung vereinbaren, nicht raus? Die GroKo hat ja die Verstetigung der Bundesmittel zugesagt.

Wir sind froh, dass die Verstetigung beschlossen worden ist. Mit Blick auf die Dauerlast muss der Bund die Lage der Hochschulen stabilisieren und sich nicht mehr nur im Rahmen temporärer Projekte engagieren. Offen ist noch die Frage, nach welchen Kriterien das Geld vergeben werden soll. Ich hoffe, dass die Verhandlungen bis zum Frühjahr abgeschlossen sind, damit wir ab 2020 eine verlässliche Nachfolgeregelung für den Hochschulpakt haben.

Der Bund hat den Ländern mit dem Digitalpakt Milliarden für die Schulen zugesagt. Brauchen die Hochschulen auch so etwas?

Die Digitalisierung spielt für die Hochschulen eine riesige Rolle. Beispielsweise verändert sich dadurch das wissenschaftliche Publikationswesen rasant. Digitalisierung bietet in der Lehre Chancen, gerade mit Blick auf die unterschiedlichen Studierendengruppen. Teilzeitstudienmöglichkeiten sind stärker gefragt. Da ermöglichen digitale Formate individuelle Lösungen. Vorlesungen können von zu Hause verfolgt werden, auf verschiedene Lerntempi kann Rücksicht genommen werden. Aber Digitalisierung ist aufwendig, die digitale Aufbereitung einer Vorlesung kann bis zu 25 000 Euro kosten. Nötig sind interaktive Formate, bei denen Begriffe oder Hintergrundwissen recherchiert werden können. Fälschlicherweise wird die Digitalisierung der Lehre von Politikern gern als Sparbüchse betrachtet. Dabei kostet sie Geld für Infrastruktur und Personal. Insofern gilt, was für die Schulen gilt, auch für die Hochschulen. Wir warten auf die Umsetzung der entsprechenden Programmankündigungen im Koalitionsvertrag.

Ingenieurwissenschaftler haben an der Schummel-Software für Autos mitgewirkt, in China unternimmt ein Gen-Forscher zweifelhafte Experimente mit Embryonen. Gerät die Wissenschaft global in Misskredit?

Es wird leider immer Schwarze Schafe und Fehlverhalten im Wissenschaftssystem geben. Auch Wissenschaftler sind fehlbar und verführbar. Doch die Selbstkontrolle funktioniert, ihr Fehlverhalten wird regelmäßig aufgedeckt und sanktioniert. Aber wir müssen uns mit den Kriterien für gute Wissenschaft auseinandersetzen und rote Linien aufzeigen.

Wie soll das geschehen?

Wir müssen jungen Leuten, die in die Wissenschaft streben, deutlich machen, welche Verantwortung sie tragen, sei es in den technischen, den natur- oder geisteswissenschaftlichen Fächern. Wir sollten in den Doktorandenprogrammen die Geschichte der Fachwissenschaften stärker einbeziehen; wir müssen aus der Vergangenheit lernen. Im Dritten Reich gab es kein einziges Fach, das großen Widerstand geleistet hätte. Die meisten haben sich opportunistisch dem System angedient oder zumindest geschwiegen und so Unrecht gegen Kollegen und Pervertierung von Wissenschaft ermöglicht. Wenn wir das globale Gefüge betrachten, finden wir auch heute an vielen Stellen eklatante Fehlentwicklungen. Insgesamt aber funktioniert das Wissenschaftssystem. Gegen den chinesischen Genforscher He – um beim jüngsten Beispiel zu bleiben – hat es einen deutlichen Protest der wissenschaftlichen Community gegeben, die sein Vorgehen unethisch und verantwortungslos empfand. Daraufhin ist er von der Regierung in Peking zurückgepfiffen worden.

Sie sind der erste Literaturwissenschaftler unter den HRK-Präsidenten. Haben Sie sich in Ihrem Amt für die Geisteswissenschaften schon einsetzen können?

Wenn man acht Jahre eine Universität geleitet hat, die eine Volluniversität ist, hat man gelernt, für alle Fächer zu sprechen. Natürlich kann man seine wissenschaftliche Sozialisation nicht leugnen. Die Geisteswissenschaften befinden sich in Deutschland in einer vergleichsweise guten Lage. Sie müssen sich – anders als in den USA und dem Vereinigten Königreich – nicht ständig rechtfertigen und ihre Verwertungsmöglichkeit oder Marktorientierung beweisen. Auch kleine Fächer, bei denen früher gekürzt wurde, werden heute gehegt und gepflegt. Aber bei der EU-Förderung müssen wir wachsam sein, dass die Geisteswissenschaften nicht in eine Nische gedrängt werden. So sollen sie beispielsweise untersuchen, wie viel Datenschutz in einer gesicherten Gesellschaft nötig ist und wie moralische Standards bei Überwachungssystemen aussehen sollten. Das können Geistes- und Sozialwissenschaften zwar leisten, aber es kommt mir vor wie ein Profifußballer, der in der Kreisliga spielen muss. Der kann mehr. Das gilt sicher auch für die Geisteswissenschaften.

Eine Frage an Sie als Präsident der Schiller-Gesellschaft? Vor welchen Herausforderungen steht diese Organisation?

Die Schiller-Gesellschaft ist in einer besonders privilegierten Situation. Sie ist die Organisation, aus deren Mitte in mehr als 100 Jahren das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erwachsen ist, eines der großartigsten Archive überhaupt. Als Dichtergesellschaft hat sie mit dem Problem zu tun, dass vergleichbare Institutionen wie die Goethe- oder Hölderlin-Gesellschaft auch haben: Die Mitgliederzahlen sinken. Es ist im digitalen Zeitalter schwierig, junge Leute mit einer Jahresgabe in Buchform oder einer Mitgliederversammlung zu locken. Aber ich gebe mein Werben nicht auf.

Erhalten Sie genügend Unterstützung aus Baden-Württemberg?

Das Literaturarchiv in Marbach ist ein glanzvoller Ort, das wissen alle Württemberger, und die Hilfe der umliegenden Gemeinden ist groß. Was ich mir wünschen würde ist, dass die Stadt Stuttgart ihre früher geleistete Unterstützung wieder aufnimmt. Die ist mal eingefroren worden. Mein Appell geht an den Stuttgarter Oberbürgermeister, die Hilfe wieder zu aktivieren. Vielleicht kann die neue Direktorin in Marbach, Professorin Sandra Richter, die ja von der Universität Stuttgart kommt, da eine Brücke bauen, die wir noch brauchen.

Welches Buch hat Sie in jüngster Zeit beeindruckt?

Als Literaturwissenschaftler muss ich mit drei Titeln antworten. Eine historische Wiederentdeckung für mich war im letzten Urlaub das Wiederlesen von Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“, eine fast existenzielle, physische Literaturerfahrung, man möchte das Buch manchmal an die Wand werfen, am Ende ist man erschüttert und betroffen. Das zweite ist das Buch „Skandalexperten, Expertenskandale“ von dem Wissenschaftshistoriker Caspar Hirschi, in dem es um die Frage geht, was wissenschaftliche Expertise für eine Urteilskompetenz hat und wo ihre Grenzen liegen. Als drittes ein Buch, das mich wissenschaftlich und individuell interessiert hat: „Warum Liebe endet“ von der Soziologin Eva Illouz. Es geht darum, wie sich das Paarverhalten im Internetzeitalter verändert, welche Erwartungen an die Liebe es heute gibt – ein kluges, aber traurig stimmendes Buch.

Lesen Sie jetzt