Mit Arbeiten zu Aristoteles begann der 78-Jährige Philosoph seine akademische Karriere. Foto: Stefanie Schlecht/sts

Hat die Pandemie unsere Gesellschaft gespalten? Nein, sagt der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, der jüngst den Begriff „Virokratie“ geprägt hat. Wir sprachen mit ihm über den Kitt der Gesellschaft und über das Elend der Covid-Stationen.

Kreis Böblingen - Jüngst ist im renommierten Kröner Verlag eine Denkschrift von Otfried Höffe herausgekommen: „Was hält die Gesellschaft noch zusammen?“ ist der Titel. Darin nimmt der PhilosophStellung gegen ein verbreitetes Unbehagen an der Demokratie. Freilich, auch er gesteht zu, dass die Pandemie die Gesellschaft zur Zeit über Gebühr strapaziert.

 

Herr Höffe, was bezeichnen Sie als Virokratie?

Darunter verstehe ich die Herrschaft eines Virus. Das Corona-Virus hat unsere ganze Welt und Lebenswelt verändert, und die Politiker und Virologen sind nicht viel mehr als Handlanger oder Interpreten dessen, was das Virus über uns gebracht hat. Das Virus beherrscht auch die ganzen Nachrichten. Viele Medien verbreiten Panik, und die mäßigenden Stimmen werden weniger.

Normalerweise üben doch Menschen eine Herrschaft aus?

Natürlich hat dieser Begriff eine gewisse Ironie. Die Grippe hat in manchen Jahren pro Saison etwa 25 000 Opfer gefordert. Die Übersterblichkeit bei Covid ist in derselben Größenordnung. Man kann sich wirklich fragen, warum wir uns unendlich mehr mit Covid befassen.

Wie begegnet man den Argumenten der Impfgegner?

Vorab muss man, leider, prüfen, ob die Impfgegner Argumente haben. Und in dieser Hinsicht bin ich ein bisschen überrascht. Man könnte erwarten, dass unsere vielen Abiturienten etwa ein gewisses Minimum an naturwissenschaftlichem Denken gelernt haben. Dass sich jedoch ein Teil von ihnen naturwissenschaftlichen Daten versperrt, enttäuscht mich sehr. Bedenkt man, dass weltweit zig Millionen Menschen geimpft worden sind und die Nebenwirkungen sich in Grenzen halten, während die Folgen einer Covid-Infektion nicht selten katastrophal sind, dann würde ich den Impfgegnern sagen, „geht doch auf eine Station und schaut, wie armselig die Kranken daliegen an den Beatmungsgeräten und wie viele der Kranken sterben“. Ich würde fragen, „wollt ihr, dass das in euren Familien passiert?“

Kennen Sie die Geschichte von den Kardinälen, die sich geweigert haben, durch Galileis Fernrohr zu schauen, mit dem sie Galileis Entdeckungen mit eigenen Augen hätten nachprüfen können?

Die kenne ich, aber ich weiß nicht, inwieweit das eine Legende ist. Denn die vatikanische Akademie der Wissenschaften ist um Galilei herum gegründet worden. Aber es bleibt dabei, sich zu weigern, durch das Fernrohr zu schauen, ist eine Schande. Punkt.

Spalten die Gegner die Gesellschaft?

Von Spaltung würde ich nicht sprechen. Dass es eine Trennung gibt, ist wahr. Die Impfgegner vergessen, dass der größte Anteil der Patienten auf den Covid-Stationen die Ungeimpften sind. Deswegen sollten sie sich im Eigeninteresse fragen, „will ich denn dort liegen und unter erbärmlicher Atemnot um mein Leben kämpfen müssen?“ Und sie sollten daran denken, dass ungeimpfte Covid-Kranke jene Betten belegen, die andere Schwerkranke dringend brauchen. Das erste wäre das Argument des aufgeklärten Selbstinteresses, das zweite wäre das Argument der Solidarität und des Gemeinsinns.

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Was bringen den Impfgegnern ihre Spaltungsversuche?

Ein bisschen rätsle ich. Es ist ja so, dass im deutschen Sprachraum die Impfquote bei etwa 70 Prozent liegt und in Ländern wie Portugal bei knapp 90 Prozent. Einer der Gründe liegt darin, dass in deren Familien in der ersten Welle jemand gestorben ist, und sie sagen: „Das wollen wir nicht noch einmal haben.“ Wir haben zwar den Bergamo-Effekt gehabt, allerdings waren ein Teil dieser Bilder Fakes. Inzwischen haben es uns die Italiener vorgemacht, wie es besser läuft. Der italienische Ministerpräsident Mario Draghi hat die Impfpflicht eingeführt, während sich Deutschlands Entscheidungsprozesse durch eine gewisse Behäbigkeit und eine mangelnde Courage der Politiker auszeichnen.

Ist unsere Gesellschaft in Gefahr?

Nein, wir haben immer große Herausforderungen gemeistert, denken Sie an die Finanzkrise oder an die Flüchtlingskrise, und die Demokratie ist deswegen nicht zusammengebrochen.

Sind Sie einfach nur ein Optimist, der sagt, es passiert schon nichts?

Ich halte die Bedrohung für enorm, aber ich glaube nicht, dass sie bis in die Grundfesten der Demokratie reicht. Es gab schon vor der Virokratie eine gewisse Parteiverdrossenheit, dann eine Politikverdrossenheit und jetzt macht sich eine Demokratieverdrossenheit breit. Aber für eine wahre Skepsis gegen die Demokratie sehe ich nur wenig Ansätze. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand wirklich ein autokratisches System will. Er will allenfalls eine Regierung haben, die seine Meinung vertritt, also einen Impfgegner zum Bundeskanzler macht. Der Wunsch, seiner eigenen Überzeugung zur Macht zu verhelfen, taucht immer wieder auf.

Liegt das nicht in der Natur der Demokratie?

Grundwährungen der Demokratie sind Macht und Aufmerksamkeit. Durch die neuen sozialen Medien ist die Aufmerksamkeit zu einem neuen Kampffeld geworden, was dazu auch führt, dass man kleine Dinge aufbauscht. Dass etwa der Kanzlerkandidat Armin Laschet in einem unpassenden Zusammenhang gelächelt hat, hat solche Auswirkungen, dass es beinahe die Bundestagswahl entscheidet. Es gibt aber doch politisch gesehen viel wichtigere Dinge! Ich würde von seriösen Journalisten erwarten, sich gegen eine solche Berichterstattung zu wehren.

Attackieren die Impfgegner nicht doch unsere Gemeinschaft?

Attackieren kann man hier nicht sagen. Die Impfgegner können sich natürlich auf die Toleranz berufen, die die Gegner der Impfgegner praktizieren sollen. Man darf aber nicht vergessen, die Toleranz ist doch jetzt schon auf der anderen Seite. Die Impfgegner werden akzeptiert, obwohl sie das Gesundheitssystem belasten, obwohl sie diese zum Teil gewalttätigen Demonstrationen veranstalten. All das sind Belastungen der Gesellschaft, die man nicht beiseite schieben darf. Die Toleranz endet immer dort, wo die Gesellschaft selber gefährdet wird.

Was ist der Kitt unserer Gesellschaft?

Wir haben die drei Gewalten, die untereinander geteilt sind, auch wenn die Macht der Exekutive zugenommen hat und in gewisser Weise auch die Macht der Judikative. Wir haben immer noch recht gute Medien und gute Debatten. In großen Kreisen der Bevölkerung gibt es die elementaren Tugenden einer Gesellschaft: nämlich den Rechtssinn, dann den Gemeinsinn, sowie die Bereitschaft zur Aufklärung. Die Menschen folgen den Geboten nicht deshalb, weil sie Angst vor Strafe haben, sondern weil sie sagen, „das ist ja auch vernünftig“. Selbstverständlich ist in unserer Gesellschaft auch die Toleranz geworden. Sie geht manchmal schon so weit, dass wir uns gar nicht mehr trauen, eine eigene Überzeugung zu vertreten. Zur Toleranz gehört jedoch, dass man eine eigene Überzeugung hat und dann bereit ist, andere Überzeugungen zu akzeptieren. Wer keine Überzeugung hat, der ist nicht tolerant, sondern indifferent.

Warum sind so viele Gesellschaftsphilosophen Pessimisten?

Das ist eine berechtigte Frage. Wenn jemand ein Buch schreibt, mit dem Titel „Postdemokratie“ dann kommt es zu einer breiten Debatte. Darüber kann man nur den Kopf schütteln. Denn trotz allem ist die Demokratie weder überholt noch zusammengebrochen. Vielleicht buhlen manche Autoren einfach um mehr Aufmerksamkeit. Denn eine negative Beschreibung der Wirklichkeit bekommt mehr Leser als eine positive. Dazu kommt, dass die Soziologie im Geiste der Kritik geboren ist. Aber eigentlich sollten die Pessimisten in sich gehen und sich fragen, wieso bleibt die Demokratie trotz ihrer dauernden pessimistischen Diagnosen immer noch erhalten?

Philosoph und Autor

1943
  geboren in Oberschlesien.

1964 bis 1970
 Studium von Philosophie Geschichte, Theologie und Soziologie in Münster, Tübingen und München.

1971
 Dissertation über die praktische Philosophie bei Aristoteles.

1974
 Habilitation in München mit der Arbeit: Strategien der Humanität.

1976
 Ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Duisburg.

1978 bis 1992
 Lehrstuhl für Ethik und Sozialphilosophie sowie Direktor des Internationalen Instituts für Sozialphilosophie und Politik in Fribourg.

1992 bis 2011
 Professor für Philosophie an der Universität Tübingen, wo er 1994 die Forschungsstelle für Politische Philosophie gründete.

2002
 Bayerischer Literaturpreis.

2020
 Mitglied des von Ministerpräsident Armin Laschet einberufenen zwölfköpfigen „Expertenrats Corona“.

Autor Otfried Höffe ist Verfasser zahlreicher Bücher vor allem über Ethik, Rechts-, Staats- und Wirtschaftsphilosophie. Sein Buch über Politische Gerechtigkeit wurde in zehn Sprachen übersetzt.