Seit 1997 ist die Hamburger Elektro-Punkband Deichkind nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Poplandschaft – in wechselnden Besetzungen. Philipp Grütering, alias „Kryptik Joe“, gehört zur Gründerriege. Spaß macht ihm sein Job als Partykanone noch immer, erzählt der 45-jährige.
Stuttgart - Seit 1997 ist die Hamburger Elektro-Punkband Deichkind nicht mehr wegzudenken aus der deutschen Poplandschaft – in wechselnden Besetzungen. Philipp Grütering, alias „Kryptik Joe“, gehört zur Gründerriege. Spaß macht ihm sein Job als Partykanone noch immer, erzählt der 45-jährige im Interview. Trotzdem wird er manchmal nachdenklich.
Herr Grütering, ein Interview um 9 Uhr morgens ist ungewöhnlich. Sind Sie ein Frühaufsteher?
Witzig, die Leute denken immer bei einer Partyband, dass die Musiker erst mal ausschlafen müssen. Aber ich bin echt ein Frühaufsteher, ich wache immer so um 8 Uhr auf. Wir haben ja inzwischen Family, für die Kinder steht man gezwungenermaßen auf. Wenn man zur Kita muss.
Sie sind gerade mit Deichkind auf Tour – noch Party oder eher Knochenjob?
Ein Mittelding. Es macht einfach total Spaß. Vor unserem letzten Album haben wir ein Jahr Pause gemacht und Input gesammelt. Jetzt freuen wir uns alle, wieder auf der Bühne zu stehen. Also doch mehr Party.
Das Projekt Deichkind hat schon mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel. Auf dem aktuellen Album gibt es den Song „Keine Party!“ Ist die Band langsam raus aus dem Remmidemmi-Alter?
Der Song ist die Auseinandersetzung mit der Frage. Als Jugendlicher passt so etwas wie „Remmidemmi“, da wird von dir erwartet, eine Partyband zu sein. Intern denkst du, ‚Ist das jetzt noch das, was wir machen wollen?‘ Wir zweifeln auch als Band, machen uns Gedanken, ob wir das Richtige tun. Ist das nachhaltig, bringt das überhaupt was?
Gerade feiert schon eine neue Generation mit Vertretern wie Capital Bra oder RAF Camora Erfolge mit Songs über Gewalt, Drogen und dicke Karren. Ist das ein Rückschritt?
Nee! Das ist nicht so mein Geschmack, inhaltlich interessiert mich das auch nicht so richtig. Aber das ist kein Rückschritt. Die sind sehr erfolgreich und das hat auf seine Art eine Berechtigung. Ich erinnere an Aggro Berlin, die haben nach Hamburger Bands wie Fettes Brot oder Fünf Sterne Deluxe damals schon ganz ähnliche Sachen gemacht wie heute zum Beispiel Capital Bra. Aggro Berlin hat mich damals auch erst schockiert, aber rückblickend ist es auch ganz niedlich gewesen. (lacht) Das ist eben Musik; man spielt eine Rolle. Ich glaub nicht, dass jeder, der solche Musik macht, gleich ein Gangster ist.
Aber Lieder wie „110“ von Capital Bra, in denen häusliche Gewalt verharmlost wird, sind schon diskussionswürdig, oder?
Im Rap gibt es definitiv Sexismus, Rassismus, Homophobie, Gewalt – es sind teils fürchterliche Inhalte. Nichtsdestotrotz ist es das, was Kids interessiert. So ist der Mensch! Kids interessieren sich für Rebellion, für das, was die Eltern nicht wollen oder vorleben. Das ist schon eine spannende Auseinandersetzung mit jungen Leuten. Ich bin da raus, kann es von Außen betrachten, aber wenn jemand 18 ist, der hört sich so etwas an. Ich habe früher Snoop Dogg gehört, der war auch homophob und frauenfeindlich, rückblickend ist das aber immer noch „Time of my Life“ gewesen.
Die Musik macht aus den Kids später keine Gangster...
Genau, die Musik ist nie Schuld an krimineller Energie, die jemand entwickelt. Es gab ja diese Diskussion um Marilyn Manson, der für den Amoklauf (an der Columbine-Highschool 1999, Anm. d. Red.) verantwortlich gemacht wurde. Das ist totaler Quatsch. Es geht darum, wie sich die Leute fühlen. Man kann sich darüber sorgen, aber man kann nicht die Musik verantwortlich machen.
Im Video zum Deichkind-Song „Dinge“ zertrümmert die Band Fernseher und Waschmaschinen. Der Slogan „Fuck AfD“ prangt auf einem Abrisshaus. Macht Sie die momentane politische Situation in Deutschland aggressiv?
Mich besorgt das, ich merke, dass es eine immer größere Spaltung gibt in der Gesellschaft. Wenn jemand mit AfD-Argumenten oder Leugnung des Klimawandels kommt, gibt es gar keine Grundlage der Diskussion. Ich denke, dass es Werte gibt, die wir gesellschaftlich teilen sollten. Für mich ist das etwa ein nachhaltiger Lebensstil: Weniger konsumieren, weniger Fleisch essen, weniger fliegen!
Wie politisch kann denn in diesen Fragen Popmusik überhaupt sein?
Das ist schwierig, da jetzt zu sagen: „Du darfst nicht AfD wählen“. Das wäre zu einfach gedacht, Popmusik grenzt sich ab, das ist manchmal die Krux. Es ist sehr schwer, in der Musik genau den Punkt zu treffen, der beschreibt, was mich nervt. Wenn ich über diese Dinge ein trauriges Lied mache, ist das vielleicht zu pathetisch. Ich will aber auch nicht zu zynisch werden und die Probleme ins Lächerliche ziehen. Das ist ein schmaler Grad, man muss sich klar machen, welche Haltung man hat.
Wenn man sich die Inszenierung bei Deichkind anschaut, spielt Humor eine große Rolle...
Humor ist ein sehr gutes Stichwort. Wir wollen nicht sagen, es wäre alles scheißegal. Wir sehen die Welt wie sie ist, reflektiert. Humor ist unser Umgang mit der Welt. Wir wollen Leute ohne Zwang zusammenbringen und hoffen, dass sich der eine oder andere auf unsere Seite schlägt.
Stücke wie „1000 Jahre Bier“ oder „Cliffhänger“ über extremen Serienkonsum sind erst einmal witzig und skurril. Sind Netflix-Fans und Bier-Trinker obsessiv und suchtgefährdet?
Ja klar, natürlich sind das Süchte. Das ist ein großes gesellschaftliches Problem. Jeder hat in seiner Familie irgendwo einen Alkoholiker. Die beiden Songs sind gute Beispiele dafür, wie wir uns mit solchen Problemen auseinandersetzen. Nicht nur zu sagen: Ach, es ist geil, Bier zu trinken oder Bingewatching zu betreiben. Sondern auch zu gucken, dass jeder mit diesen Anteilen in sich vorsichtig umgeht.
Streamen Sie denn selbst gerne Serien?
Klar, ich trinke auch gern mal ein Bier. Das macht natürlich Spaß, aber man muss eine gute Mitte finden, um glücklich zu leben.
Wünschen Sie sich manchmal zurück in eine Zeit vor Streamingdiensten und Smartphones?
Ein Teil von mir ja, ein anderer Teil schätzt den Komfort dieser Medien. Es gibt ja auch Dinge, die sich dadurch verbessert haben. Man ist immer erreichbar, das ist nicht nur nervig, sondern oft auch toll. Social Media hat in meinem Umfeld wirklich einen schlechten Ruf, dabei ist es eine revolutionäre Erfindung.
Musste Deichkind denn schon mal einen Shitstorm überstehen?
Erstaunlicherweise nicht. Wir sind da bisher wohl unterm Radar gelaufen. Wir haben einmal ein Benefiz-Konzert in Dresden gespielt gegen einen Pegida-Aufmarsch, und da gab es Kanäle, in denen Leute rumgepöbelt haben. Das konnte ich aber abstrahieren. Die hätten dasselbe wahrscheinlich auch gegen jemand anderen geschrieben. Das war nicht so, dass die mich damit ins Herz getroffen hätten.