Intelligenzquotient IQ sinkt Werden wir wieder dümmer?

Von Christian Wolf 

Die durchschnittlichen IQ-Werte in Industrieländern stagnieren. Foto: Sergey Nivens/Adobe Stock
Die durchschnittlichen IQ-Werte in Industrieländern stagnieren. Foto: Sergey Nivens/Adobe Stock

Über Jahrzehnte hinweg sind die Intelligenzwerte in Industriestaaten nach oben geklettert. Nun stagnieren sie – oder sind sogar rückläufig. Forscher rätseln über die Gründe.

Chemnitz/Berlin - Kinder, die hochbegabt sind – das wünschen sich vermutlich viele Eltern. Doch auch wenn der Nachwuchs meist wohl nur durchschnittlich intelligent ist: Wer heutzutage bei einem Test einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten (IQ) von 100 erreicht, hätte vor einem Jahrhundert einen IQ von 130 gehabt – und hätte damit als hochbegabt gegolten. Denn die Menschen sind über die Jahrzehnte hinweg immer intelligenter geworden: Um 30 Punkte höher lag 2013 der Gesamt-IQ der Bevölkerung als noch im Jahr 1909.

1984 fiel dem Politologen James Flynn von der University of Otago in Neuseeland erstmals auf, dass der IQ in der Bevölkerung stieg. Er stieß auf eine Untersuchung, in der die mentalen Leistungen amerikanischer Soldaten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg miteinander verglichen wurden. Die später Geborenen hatten im Schnitt einen höheren Intelligenzquotienten. Flynn fragte sich, ob er womöglich einem universellen Phänomen auf der Spur war: Vielleicht gab es solche Zuwächse weltweit? Er trug alle Daten zusammen, deren er habhaft werden konnte. An einem Samstag im November hatte er dann eine „Bombe im Briefkasten“, wie er sich in einem seiner Bücher erinnert. Es waren die Daten einer dänischen Studie, die deutliche Intelligenzzuwächse in der Bevölkerung über die Zeit dokumentierten.

Mittlerweile ist klar: Jede Generation überflügelt die vorherige in Sachen IQ. Ein Phänomen, das nach seinem Entdecker als Flynn-Effekt bezeichnet wird. Der Effekt findet sich weltweit in allen Industrie­nationen, mit zeitlichem Abstand auch in Schwellenländern. Doch mittlerweile scheint ein Ende der Fahnenstange erreicht zu sein. „Es gibt einige Studien, die eine Stagnation oder sogar Umkehrung des Flynn-Effekts zeigen“, sagt der Psychologe und Intelligenzforscher Heinrich Rindermann von der TU Chemnitz. „Zumindest in den westlichen Ländern ist das Plateau erreicht, und in einigen zeigt sich sogar ein leichter Rückgang des Effekts.“

Irgendwann sind die Menschen gut ernährt, medizinisch versorgt und gebildet

In den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen klettert der durchschnittliche Intelligenzquotient weiterhin nach oben. „Die Möglichkeiten der Verbesserungen durch eine gut gestaltete Umwelt sind mittlerweile einfach erschöpft“, sagt Heinrich Rindermann mit Bezug auf die Industriestaaten. „Irgendwann sind die Menschen einer Gesellschaft gut ernährt, medizinisch versorgt und haben ausreichend Jahre an Bildung genossen.“ Jens Asendorpf, emeritierter Psychologe von der HU Berlin, sieht Parallelen zur Entwicklung der Körpergröße. „Diese hat ja auch im Laufe der Jahrzehnte zugenommen, was ebenfalls mit besserer Ernährung, medizinischer Versorgung und weniger Fehlentwicklungen in der Schwangerschaft zusammenhängt.“ Doch auch dort sei mittlerweile ein Ende erreicht.

Warum sich der Flynn-Effekt aber sogar teilweise umkehrt, also negativ wird, darüber streiten Intelligenzforscher. Einige vermuten, es läge daran, dass Menschen mit höherer Bildung und höheren IQ-Werten im Schnitt weniger Kinder bekommen. „Die Übertragung von Kompetenz auf die nächste Generation läuft sowohl über die Gene als auch durch das Bereitstellen von Entwicklungsumwelten“, erläutert Rindermann. „Wenn Menschen mit niedrigerer Bildung mehr Kinder bekommen, kann sich das negativ auswirken.“ Ein weiterer Faktor, den nicht nur Rindermann ins Spiel bringt: Immigration, die ebenfalls über Gene und Erziehung wirkt. Immigration sei zwar per se nicht schlecht, so der Psychologe. „Länder wie Australien etwa profitieren von der Immigration.“ Wenn Migranten allerdings nicht wie in Australien aus eher bildungsnahen, sondern wie hierzulande tendenziell aus bildungsferneren Schichten kämen, schnitten sie in IQ-Tests zunächst einmal schlechter ab. Durch Migranten aus bildungsfernen Milieus hätten sich die durchschnittlichen Fähigkeiten von Schülern in den Bereichen Deutsch und Mathematik eher verschlechtert.

Auch bei Brüdern mit den gleichen genetischen Bedingungen zeigte sich der Effekt

Die Ökonomen Bernt Bratsberg und Ole Rogeberg vom Ragnar Frisch Centre for Economic Research in Oslo wollten mögliche Erklärungen nicht nur theoretisch durchspielen. Sie machten daher die Nagelprobe. Für eine kürzlich in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschienene Studie haben sich die beiden Forscher männliche Geschwister in norwegischen Familien angeschaut. Unter der Annahme, der Jüngere, also der später Geborene, wäre weniger intelligent, würde dies für einen negativen Flynn-Effekt sprechen. Dafür zogen sie die Geburtsjahrgänge von 1962 bis 1991 heran und nahmen die Ergebnisse von Intelligenztests unter die Lupe, denen sich die Männer im Rahmen des Wehrdienstes unterzogen hatten.

Die Zahlen der norwegischen IQ-Tests stimmen recht gut mit den internationalen Trends überein: Stiegen die Testergebnisse bis zum Jahrgang 1975 auf mehr als 102 IQ-Punkte an, fielen sie bis zum Jahrgang 1990 ziemlich stetig auf unter 100 ab. Da sich die Veränderungen innerhalb von Familien abgespielt hatten, liefen sie vor dem mehr oder weniger gleichen genetischen Hintergrund ab. Da sie nun auch ohne genetische Veränderungen einen positiven und negativen Flynn-Effekt gefunden hätten, so die Logik der Forscher, könne die Entwicklung nicht an einer unterschiedlichen genetischen Durchmischung der Gesellschaft etwa aufgrund von Immigration liegen. Alleine Umweltfaktoren könnten demnach für die Entwicklung der IQ-Werte aufkommen. Welche das genau sein sollen, diese Antwort bleibt die Studie allerdings schuldig. Theoretisch möglich wären etwa unterschiedlich gute Bildungseinrichtungen im Laufe der Jahre.

„Doch die Forscher haben unterschlagen, dass die Gene natürlich selbst zwischen Söhnen variieren – sofern sie keine eineiigen Zwillinge sind“, kritisiert Jens Asendorpf. „Genetische Unterschiede könnten durchaus eine gewisse Rolle gespielt haben“, sagt auch Heinrich Rindermann. Es wird wohl noch dauern, bis die Ursachen des negativen Flynn-Effekts abschließend geklärt sind.

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