Daimler, Bosch und Co. Wie die Revolution in der Arbeitswelt Konzerne verändert

Von Andreas Geldner 

Das Wizemann-Areal in Stuttgart hat Werkstattatmosphäre. Foto: Lg/Leif Piechowski
Das Wizemann-Areal in Stuttgart hat Werkstattatmosphäre. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Arbeitswelt wird agil und digital. Neue Wege zur Innovation liegen bei den Firmen der Region Stuttgart im Trend. Doch was ist Fassade? Und was verändert den Kern?

Stuttgart - Am Outfit von Daimler Zetsche lässt sich gelegentlich ablesen, dass sich zumindest äußerlich die alte schwäbische Ingenieurskultur radikal wandelt. Locker in Jeans auf die Bühne hüpfend – selbstverständlich krawattenfrei. Zetsche ist sich auch persönlich nicht zu schade, zu signalisieren, dass die Zeit der steifen Planungssitzungen vorbei ist. Ein eigenes Innovationslabor namens „Lab1886“ (in Anspielung an das Erfindungsjahr des Autos) und ein Inspirations-Start-up namens „FC Think! Tank“ sollen den Pfad für neue Ideen ebnen. Bei der 2016 angestoßenen Kooperationsplattform „Start-up Autobahn“ rund um das Thema Mobilität haben sich inzwischen 16 weitere Firmen angedockt.

Offene Workshops, Auszeiten für kreative Mitarbeiter, Kooperationen mit Start-ups, Schulungen in innovativem Denken gibt es in immer mehr Firmen. Coolness ist Programm. Im so genannten M.Tech Accelerator im Wizemann Areal in Stuttgart beispielsweise hat man die urige, unverputzte Atmosphäre einer alten Industrieanlage konserviert, um bei der Kooperation von jungen und etablierten Firmen Werkstattatmosphäre zu signalisieren. Tanker sind out, Schnellboote sind in.

Innovationskultur ist inzwischen ein Geschäft

Die neue Innovationskultur ist zum Geschäft geworden. Darauf setzt seit 2016 Winfried Richter, Mitgründer der Innovationsplattfom „Pioniergeist“, die Mitarbeiter etablierter Firmen mit erfahrenen Gründern zusammenbringt und die gemischten Teams über mehrere Monate eine Start-up-Idee entwickeln lässt – aus der dann eine Firma wird oder ein Entwicklungsprojekt. Dabei waren bisher Partner wie Bosch und Stihl, der Energiekonzern EnBW oder die Bank LBBW.

„Es hat sich enorm viel getan, in der Wahrnehmung und der Sensibilisierung“, sagt Richter. Als er 2012 selber aus einer sicheren Karriere den Schritt zum Unternehmer gemacht habe, sei der Begriff Start-up für viele noch ein Fremdwort gewesen. Ein bisschen hinke der Mittelstand noch hinterher. „Die Konzerne gehen anders damit um, die machen dazu gezielt Öffentlichkeitsarbeit“, so Richter. Bei den kleineren Firmen gelte eher das Prinzip „net schwätze, schaffe“, sagt er zur Tatsache, dass nicht jeder, der bei „Pioniergeist“ dabei ist, dies publiziert.

Die Firmen sind sensibilisiert – radikalen Umbau wagen wenige

Ulrich Dietz, Aufsichtsratschef des IT-Dienstleisters GFT-Technologies und seit Jahren ein unermüdlicher Prediger für eine neue Innovationskultur in der Region, sieht die Firmen aber noch nicht am Ziel. Er analysiert das in einem Vier-Stufen-Modell: „Es gibt immer noch ein paar Unternehmen, die verharren weiterhin auf Stufe eins und denken, dass das ganze Gerede über die Digitalisierung nur so ein vorübergehender Hype sei und bald wieder Schnee von gestern ist.“ Die meisten seien aber darüber hinaus – und das sei im Vergleich zur Zeit vor einigen Jahren ein Fortschritt. Die meisten Unternehmen befinden sich Dietz zufolge zurzeit auf Stufe zwei: „Diese Unternehmen denken, da muss was dran sein, ich will irgendwie dabei sein.“ Da habe man eine Beteiligung bei diesem oder jenem Start-up oder vielleicht gar ein cooles Büro in Berlin. Das sei zwar positiv, doch die schwierigen Schritte seien nicht angepackt. Die Erkenntnis in der dritte Stufe, dass es ganz neue, vielversprechende Wettbewerber gibt, „wird immer noch mit einem – nennen wir es – Charlie-Brown-Lächeln verharmlost“, so Dietz.

Am Ziel auf Stufe vier seien dann nur noch ganz wenige Firmen in der Region: Das ist die Stufe, wo man neue Möglichkeiten und neue Geschäftsmodelle für das eigene Unternehmen gefunden hat, die Chancen ergreift und massiv Geld investiert – das man ja in der Tat erst einmal anderswo verdienen muss. „Aber dass dabei wirklich radikal das ganze Unternehmen auf den Kopf gestellt wird, dafür gibt es bisher so gut wie keine Beispiele. Ich habe bisher nur wenige Mittelständler oder Großkonzerne gesehen, die mit komplett neuen Konzepten hervorstechen.“ Dietz rührt dafür die Trommel. Anfang Oktober bringt er im Rahmen der von ihm initiierten Plattform „Code_n“ ein „Innovationsfestival“ nach Stuttgart. Dort sollen Unternehmen neu an das Thema Innovation herangehen lernen.

Macht und Kontrolle im mittleren Management stehen in Frage

Der Start-up-Berater Johannes Ellenberg, der als einer der ersten in Stuttgart Unternehmen davon zu überzeugen versuchte, mit Start-ups zu kooperieren, sieht die entscheidende Hürde in der Kultur. „Am Anfang steht doch die Frage, warum man als Unternehmen existiert“, sagt er: Welches Kundenproblem löse man denn?

Zu oft suchten Firmen nach neuen Technologien oder besserer Außendarstellung statt nach künftigen Geschäftsmodellen und offener Unternehmenskultur, kritisiert Ellenberg. „Ich sehe das dann kritisch, wenn das nur dazu dienen soll, sein Image als Arbeitgeber aufzupolieren“. Mehr Offenheit, mehr Risikobereitschaft stelle die Frage nach der Macht: „Das stellt die Existenz des mittleren Managements in Frage. Das sind bisher Leute, die ihre Rolle über Kontrolle definieren.“ Diese Gruppe wirke wie eine Lehmschicht: „Wenn man auf einmal in kleineren, autonomen Teams arbeitet, machen diese Leute sich nämlich selber überflüssig“, so Ellenberg..

Seine Hoffnung: Dass sich mittelständische Firmen auf ihre Kultur der kurzen Wege besinnen. Ihn beeindruckten nicht zuerst große Start-up-Projekte in Konzernen, sagt er, sondern etwa ein mittelständischer Briefkastenhersteller oder ein Gastronomieunternehmen auf der Schwäbischen Alb, die er kennengelernt habe. Dort habe man sich in einer offenen Diskussion grundlegend hinterfragt: „Das geht aber nur, wenn der Unternehmer als Person dahintersteht.“

Lesen Sie jetzt