Polizeipräsenz beim Spiel Karlsruher SC gegen HSV Foto: dpa

Die Polizei betreibt einen enormen Aufwand für die Sicherheit rund um Fußballspiele. Die Zahl der Einsatzstunden steigt – aber es lohnt sich: Es gibt weniger Krawall und weniger Verletzte.

Stuttgart - Seit einigen Tagen ruht der Ball in den höchsten Fußball-Ligen. Für Vereine ist dies die Zeit, Bilanz zu ziehen und noch intensiver als sonst über die Zukunft und Verbesserungen der Mannschaft nachzudenken. Dem baden-württembergischen Innenminister Reinhold Gall (SPD) geht das nicht anders. Auch er analysiert mit seinem Team die vergangene Saison. Und ein Blick auf die Zahlen der Landesinformationsstelle Sporteinsätze (LIS) zeigt: Die Polizei im Land war rund um Fußballspiele so lange im Einsatz wie noch nie zuvor.

Rund 193 200 Einsatzstunden leisteten die Beamten demnach in der Spielzeit 2014/2015 rund um Fußballspiele im Südwesten von der Bundes- bis zur Oberliga, davon etwa 162 000 für Partien in den ersten drei Spielklassen.

Hinzu kamen 21 475 Einsatzstunden für Test-, Pokal-, Relegations- und Länderspiele. Allein 7826 fielen für das Rückspiel in der Relegationsrunde zur Bundesliga zwischen dem Karlsruher SC und dem Hamburger SV an.

Seit Jahren nimmt die Belastung der Polizei rund um Fußballspiele stark zu. In der Spielzeit 2010/11 leistete die Landespolizei von der ersten bis zur dritten Liga nur 100 733 Einsatzstunden, danach stieg die Zahl über 112 909 (2011/12) und 143 897 (2012/13) auf 155 567 (2013/14) Einsatzstunden an. Gall kündigte deshalb im August des vergangenen Jahres an, den „Kräfteeinsatz rund um Fußballspiele optimieren“ zu wollen. Die erneute Anstieg der Einsatzstunden lässt auf den ersten Blick vermuten, dass der Innenministers sein Ziel nicht erreicht hat. Allerdings waren die Umstände in der vergangenen Saison auch so schwierig und ambitioniert wie nie zuvor.

Deutlich mehr Gewaltpotenzial bei Fans in der dritten Liga

Durch die sportlichen Erfolge des 1. FC Heidenheim und der SG Sonnenhof Großaspach hatte Baden-Württemberg einen Zweit- und einen Drittligisten mehr als in der vorangegangenen Spielzeit, erstmals waren damit insgesamt zehn Vereine in den höchsten drei Spielklassen vertreten.

Insbesondere der Aufstieg des kleinen Fußballdorfs in der Nähe Backnangs brachte einen Mehraufwand für die Polizei mit sich. Denn in der dritten Liga tummeln sich Dynamo Dresden, Preußen Münster, Energie Cottbus, Hansa Rostock, Rot-Weiß Erfurt und VfL Osnabrück – Traditionsvereine, deren Fans deutlich mehr Gewaltpotenzial mitbringen als die vielen zweiten Mannschaften von Bundes- und Zweitligisten in der Regionalliga. Hinzu kamen die Abstiegsgefahr des VfB Stuttgart und des SC Freiburg in der Bundesliga und die Aufstiegschancen des Zweitligisten Karlsruher SC. Auf beide Situationen hat die Polizei mit mehr Beamten reagiert.

Die Sanierung des Gazistadions auf der Waldau und die damit verbundenen Umzüge der beiden Drittligisten Stuttgarter Kickers (nach Reutlingen) und VfB Stuttgart II (nach Großaspach) machte indes weniger Schwierigkeiten als zunächst befürchtet. „Die Ausweichspielstätten haben für uns glücklicherweise keinen Brennpunkt dargestellt, es blieb überwiegend ruhig“, sagte der Sprecher der Bundespolizei, Jonas Große, unserer Zeitung. Die Bundespolizei, die für die Sicherheit an den Bahnanlagen zuständig ist, musste rund 59 000 Einsatzstunden leisten, weniger als in der vergangenen Saison und weniger als erwartet.

Mehr Pyro kam zum Einsatz

Obwohl die Belastung der Landespolizei angestiegen ist, ist Innenminister Gall ebenfalls „zufrieden“ mit der Einsatzbilanz. Er wies darauf hin, dass die baden-württembergische Polizei im bundesweiten Vergleich durchschnittlich schon in den vergangenen Jahren den geringsten Kräfteeinsatz pro Spiel gehabt habe. Sein Plan, Kräfte von risikoarmen Partien abzuziehen und dafür bei risikoreichen Duellen mehr Präsenz zu zeigen, hat sich positiv ausgewirkt und die Stadionbesuche noch sicherer gemacht. In der Saison 2014/2015 gab es weniger Verletzte (99 statt 100), weniger Körperverletzungsdelikte (124 statt 147), weniger Freiheitsentziehungen (1078 statt 1518), weniger Beleidigungen (121 statt 127) und weniger Sachbeschädigungen (28 statt 53) – und das alles trotz deutlich mehr Spielen (345 statt 314).

Negativ aufgefallen ist nur der zunehmende Einsatz von pyrotechnischen Materialien. Sie führten zu deutlich mehr Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz (219 statt 88). „Dagegen werden wir in der neuen Saison noch stärker vorgehen“, kündigte Gall an.

Es waren letztlich einzelne Spiele, die eine noch bessere Bilanz verhinderten – Spiele wie jenes am 6. März, als Hertha BSC in der Mercedes-Benz-Arena zu Gast war. Vor und nach dem sportlich immens wichtigen Kellerduell, das torlos endete, kam es zu schweren Krawallen. Die Polizei musste Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzen. Laut Innenministerium wurden an dem Abend sechs Beamte verletzt, außerdem kesselten VfB-Anhänger eine Streife derart ein, dass einer der Beamten mehrere Warnschüsse in die Luft abgeben musste.

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