Beim dritten sogenannten „Zukunftslabor“ der Initiative Konzerthaus Stuttgart wurden die Möglichkeiten vorgestellt. Am Pult: Ralf Püpcke, Geschäftsführer der Konzerthaus-Initiative Stuttgart. Foto: Arne Steinheißer

Die ehrenamtliche Initiative Konzerthaus Stuttgart hat eine Machbarkeitsstudie zu vier möglichen Standorten für ein großes Kulturgebäude vorgestellt. Welches scheint umsetzbar?

Im Saal: Musiker, Veranstalter, Intendanten, Architekten, Stuttgarter Konzertgänger. Auf dem Podium: Vertreter des gemeinnützigen Vereins, der seit vier Jahren die Idee eines integrativen und repräsentativen Konzerthauses für die Landeshauptstadt vorantreibt; dazu der Stuttgarter Kulturamtsleiter Marc Gegenfurtner, der Architekt Thorsten Kock, die Kulturmanagerin Anna Kleeblatt und – als Moderatorin – Monika Renninger, Leiterin des veranstaltenden Hospitalhofs. Zu erleben ist das dritte sogenannte „Zukunftslabor“ der ehrenamtlich arbeitenden Initiative Konzerthaus Stuttgart, und dabei wird es jetzt ziemlich handfest.

 

Mehr Beteiligung junger Menschen gefordert

Die Stadt Stuttgart hat bei dem Architekturbüro Bez & Kock eine Machbarkeitsstudie zur Sondierung möglicher Standorte in Auftrag gegeben. Bevor Thorsten Kock die Ergebnisse am Montagabend vorstellt, lobt der Kulturamtsleiter das „bundesweit einzigartige Engagement für die Kultur“ sowie die „Sachorientiertheit der Diskussion“ in Stuttgart. Voraussetzung für positive Ergebnisse sei aber die Beteiligung auch der jungen Menschen, die zukünftig Kulturbauten nutzen wollen und sollen. „Der Diskurs“, mahnt Gegenfurtner, „ist immer noch viel zu geschlossen.“

Hier hakt auch der Impulsvortrag der Kulturmanagerin ein. Nutzerinnen und Nutzer, so Anna Kleeblatt, sollten bei den Kulturbauten der Zukunft im Mittelpunkt stehen, nicht Institutionen, und die zentrale Frage sei, wie man jene 25- bis 45-Jährigen gewinnen könne, die zurzeit noch viel zu wenig das kulturelle Angebot nutzen. Kleeblatt stärkt und vertieft die Idee eines offenen, integrativen Aufenthalts-, Aktions- und Begegnungsortes für die gesamte Stadtgesellschaft, die schon in den letzten Veranstaltungen der Konzerthausinitiative aufschienen. „Das Konzerthaus der Zukunft“, so ihr Fazit, „ist ein Konzerthaus und noch viel, viel mehr. Es ist ein Ort für alle Menschen.“

Vier mögliche Standorte

Dann aber: Fakten. Das Architekturbüro Bez & Kock hat sich intensiv mit Vor- und Nachteilen vier möglicher Konzerthausstandorte beschäftigt. Einer davon liegt hinter dem Bonatzbau in Richtung des Schlossgartens, einer beim neuen Rosensteinquartier an der Wolframstraße, und zwei befinden sich in der Nähe der Liederhalle: direkt vis-à-vis auf dem Berliner Platz der eine, auf der anderen Seite der Holzgartenstraße der zweite. Dieser stößt bei Thorsten Kock auf die größte Ablehnung: Zu weit entfernt sei dieser Standort von der Liederhalle, um mit dieser ein architektonisch schlüssiges Kulturareal zu bilden. Dann schon lieber ein bauliches Geschwister zum Klassikstammhaus auf dem Berliner Platz – so entstünde „ein lebendiges Musikquartier um den Nukleus Liederhalle herum“.

Ebenso geeignet erscheint in der Studie der Standort an der Wolframstraße, weil er nicht nur verkehrstechnisch gut erschlossen wäre, sondern auch integrativer Teil des neuen Rosensteinquartiers sein könnte. Da dort viel Platz ist, hätten planende Architekten „eine große Freiheit, um ein Konzerthaus als Solitär zu entwickeln“. Der erhabene Standort böte einen schönen Ausblick zum Schlossgarten. Und „ein Konzerthaus“, so Thorsten Kock, „könnte dem neuen Stadtteil eine Identität verschaffen“. Eine ähnliche planerische Freiheit gäbe es aus Sicht der Studie bei einem Gebäude hinter dem Hauptbahnhof nicht, denn hier müsste man sich „zum Bahnhofsdach verhalten“ und befände sich von der Stadt aus gesehen „in der zweiten Reihe“.

Sprich: In der Machbarkeitsstudie kommen der Berliner Platz und die Wolframstraße am besten weg. Die Stadtverwaltung, so Marc Gegenfurtner, priorisiere wegen der architektonischen Begrenzungen auf dem Berliner Platz den Standort an der Wolframstraße. Das tut auch Felix Fischer von der Konzerthausinitiative, „weil der Denkmalschutz bei Liederhalle und Bosch-Areal Hemmschuh ist und weil das Rosensteinquartier wie kein anderes Viertel für die Zukunft der Stadt steht“. Die erste Frage, so Anna Kleeblatt, müsse aber die nach Ziel und Zweck des Gebäudes sein; aus ihr ergeben sich der Flächenbedarf und damit die Entscheidung für einen Standort. Oder wie Thorsten Kock sagt: „Zuerst muss das Konzept klar sein, dann kann man schnell entscheiden.“ Schnell entscheiden? „Der Zeithorizont ist abhängig von der Standortwahl“. So formuliert es der Kulturamtsleiter. An der Wolframstraße könnte ein Konzerthaus, wenn man sich denn dafür entschiede, nicht vor 2035 in Betrieb gehen.

Und vorher muss noch das entstehen, was die Kulturmanagerin als unabdingbare Voraussetzung für ein großes Kulturgebäude bezeichnete: „eine große, mutige Vision“.

Neues Gebäude für Stuttgart

Idee
 2012 kam erstmals die Idee einer Schlossgartenphilharmonie zur Entlastung der Liederhalle auf. Ende 2019 gründete sich der Konzerthaus Stuttgart e. V. und treibt seither die Diskussion um Zweck, Nutzung und Architektur eines neuen großen Gebäudes voran.

Konzertforum
Im November brachte das Stuttgarter Kammerorchester die Idee eines privat mitfinanzierten Konzertbaus mit 1000-Plätze-Saal auf dem Rilling-Areal am Neckar ein. Über dieses Projekt berät zurzeit der Stuttgarter Gemeinderat.