Die AOK wirbt mit einer Influencerin auf Instagram für gesundes Essen. Nun hat das ein Ende. Das liegt an der Weltanschauung der Frau. Die AOK hat strenge Regeln.
Strahlend rührt die junge Frau in der Schüssel. Gesund und lecker soll das werden, was sie mixt, deswegen das glückliche Strahlen. Ein Werbevideo der AOK auf Instagram präsentierte – bis vor wenigen Tagen – das Rezept der Dame aus dem Raum Stuttgart. Jetzt nicht mehr.
Denn das gleiche Strahlen sieht man auch, wenn sie in einem für ein internationales Publikum produzierten Video online glücklich verkündet: „My name is Anna, and I am a Scientologist.“ (Name geändert). Die Fotografin und Content-Creatorin ist bekennende Scientologin. Wie passt das zum Auftritt der AOK auf Instagram?
Die Krankenkasse zieht Konsequenzen
Gar nicht. Daher hat die Krankenkasse die Zusammenarbeit mit der Frau sofortbeendet, als unsere Zeitung sie darauf ansprach. Auch nahmen die Verantwortlichen die Videos mit dem noch recht neu eingekauften Werbegesicht aus dem Netz. „Zu keinem Zeitpunkt der Zusammenarbeit mit Frau Müller (Name geändert) waren der AOK Baden-Württemberg deren Mitgliedschaft und Aktivitäten bei Scientology bekannt“, teilt die AOK Baden-Württemberg mit. Und weiter: „Hätte die AOK davon Kenntnis gehabt, hätte sie eine Zusammenarbeit mit der Influencerin kategorisch ausgeschlossen.“ Denn für die Krankenkasse gehörten Werte wie Solidarität, Vielfalt, Toleranz und Wertschätzung zum ureigenen Selbstverständnis. „In aller Deutlichkeit distanzieren wir uns von jeglicher Form von Ansichten, die unserer Vorstellung von einer offenen und demokratischen Gesellschaft widersprechen“, teilt die AOK mit.
Die AOK habe sogar eine Sicherheitsvorkehrung, um zu verhindern, dass sie mit Personen mit dieser Weltanschauung ins Geschäft komme. In den Standardverträgen, die die AOK Baden-Württemberg direkt mit Dienstleistern abschließt, müsse der Vertragspartner versichern, dass er „keine Verbindung zu Scientology hat und die Technologien sowie Ansichten von Scientology nicht anwendet, lehrt, verbreitet oder entsprechende Kurse besucht“. Ob diese Klausel wegen eines bestimmten Anlasses entstanden ist, das verrät die AOK aber nicht.
Wie es passieren konnte, dass eine Scientologin für kurze Zeit zu einem Werbegesicht der Krankenkasse wurde, kann der Pressesprecher auch erklären. Der Vertrag mit der Frau sei nicht direkt zustande gekommen. Eine Agentur habe diesen mit der Ernährungsinfluencerin abgeschlossen. Auf der Homepage der Frau findet man etliche weitere Firmen, die ebenfalls Kooperationsverträge mit ihr hatten oder haben. Auch unsere Zeitung hat die Influencerin mit ihren veganen Weihnachtsplätzchen im vergangenen Winter vorgestellt. Der problematische Hintergrund war dabei nicht bekannt. Auf ihren Instagram-Accounts und ihrer Webseite finden sich keine offenkundigen oder versteckten Hinweise auf Scientology.
Der Verfassungsschutz beobachtet Scientology schon seit dem Jahr 1997. Die Organisation bezeichnet sich selbst als Kirche, das Stuttgarter Zentrum an der Heilbronner Straße ziert gar ein großes Kreuz. Doch die Verfassungsschützer ordnen Scientology als eine „extremistische Bestrebung“ ein. Die international aktive Organisation beziehe sich „unverändert auf die Lehren und Schriften ihres Gründers L. Ron Hubbard“, teilte ein Sprecher des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg mit. Aus diesen, erläutert er weiter, gehe hervor, dass Scientology im Zuge einer weltumspannende Expansion die Gesellschaftsordnung grundlegend verändern möchte. „In dieser Ordnung wären elementare Grundrechte wie die Menschenwürde, die Meinungs- und Pressefreiheits sowie das Demokratie- und Rechtsstaatsprinzip eingeschränkt oder komplett außer Kraft gesetzt“, so die Erkenntnis der Verfassungsschützer. Folglich sei das Programm der Scientology-Organisation mit der Werteordnung des Grundgesetzes unvereinbar. In Baden-Württemberg hat die Scientology-Organisation seit mehreren Jahren bereits einen Aktionsschwerpunkt – die Niederlassung habe eine überregionale Bedeutung. Deswegen habe Scientology im September 2018 in Stuttgart auch den repräsentativen Bau an der Heilbronner Straße bezogen.
Wie wirbt die Organisation um neue Mitglieder?
Die Mitgliederwerbung geschehe zum einen an Infoständen und mit Schriften, die in der Stadt verteilt werden. Außerdem gebe es eine Reihe von Internetseiten, die keine direkten Hinweise auf Scientology enthalten würden. Dennoch seien sie der Organisation zuzurechnen. Sie bieten Hilfe in vielen Lebensfragen an, etwa bei Beziehungsproblemen oder Burn-out. Wer darauf einsteige, werde sukzessive an die Inhalte von Scientology herangeführt. „Diese Situation lässt sich nicht grundsätzlich auf alle Personen übertragen, die die Scientology-Organisation unterstützen“, sagt der Sprecher des Landesamtes. Es bestehe jedoch immer die Möglichkeit, dass Anhänger der Organisation ihre beruflichen Kontakte nutzen würden, um ihre Ideologie weiterzutragen. So bestehe grundsätzlich die Gefahr, „dass bislang nicht extremistische Personen auf diesem Weg erstmalig mit der SO-Ideologie in Berührung kommen“, sagt er weiter. Ob das auch bei der Vegan-Influencerin der Fall sein könnte, die auf einem ihrer Instagramkanäle positive Botschaften zur Lebensführung verbreitet, beantworten die Verfassungsschützer nicht. Denn sie dürfen grundsätzlich keine personenbezogenen Informationen erteilen.
Die Influencerin äußerte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht zu dem Vorgang.