Die Entertainerin Ina Müller über ihr Zeitungsabo, das Älterwerden und wie sie alle ihre Freunde in der Raucherecke kennenlernte.
Als Gastgeberin der Sendung „Inas Nacht“ ist Ina Müller TV-Kult. Warum sie auf keinen Fall als Vorbild gelten möchte und was ihr Luxus bedeutet, erzählt die 56-Jährige Entertainerin im Interview.
Frau Müller, ich hätte zunächst ein paar Entweder-oder-Fragen. Eis in der Waffel oder im Becher?
Im Becher. Ist leichter zu essen. Bei ’ner Waffel muss ich mich immer so beeilen, und ich weiß nicht, wer die schon alles angefasst hat, bevor ich sie in den Mund stecke. Das sagt bestimmt auch etwas über meine Psyche aus (lacht).
Kaffee schwarz oder mit Milch?
Mal so, mal so. Morgens meistens mit Milch und nachmittags schwarzen Filterkaffee.
„Moin“ oder „Moin Moin“?
Moin. Und zwar in der richtigen Melodie, hoch anfangen und dann mit der Stimme runter.
Muskulöse Kerle oder lieber die mit Brille im Gesicht und einem Buch in der Hand?
Lieber mit Brille und Buch in der Hand. Muskeln haben mich bei Männern noch nie angesprochen oder erregt. Bei zu viel Muskeln wirkt außerdem der Kopf – im Verhältnis zum Rest – oft zu klein.
Hamburg oder Sylt?
Am tollsten ist beides. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann Hamburg, weil hier mehr los ist.
Sie haben einige Jahre auf Sylt gelebt. Wie oft sind Sie noch dort?
Schon regelmäßig. Ich habe da mittlerweile eine kleine Wohnung, weil es immer ein Traum von mir war, mich spontan in den Zug zu setzen und hoch zu düsen.
Welche Eigenschaft macht Sie typisch norddeutsch?
Ich weiß gar nicht, ob ich die überhaupt habe. Nach sechs Jahren in München damals habe ich mich sehr bayerisch gefühlt. Ich habe viele Jahre in Bremen gelebt und fühlte mich danach als Bremerin. Und der muffelige Bayer ist gar nicht unbedingt anders drauf als der muffelige Norddeutsche. Beide sind stur, so wie der Ostwestfale. Ich habe das Gefühl, das diese ganzen Klischees allmählich überholt sind. Vielleicht fühle ich mich hier im Norden am wohlsten, weil hier schon seit vielen Hundert Jahren Menschen aus aller Welt übers Meer herkommen. Alles kann, nix muss. Vielleicht kommt daher meine Offenheit allem Fremden gegenüber.
Sind Sie stolz auf Ihre Herkunft?
Ich komme vom Bauernhof, das galt nie als besonders cool. Auf größerer Ebene war das genauso. Als ich klein war, war es überhaupt nicht cool, Deutsche zu sein. Man wollte nirgendwo hinreisen und als Deutsche erkannt werden. Bei einem Schüleraustausch nach Cornwall, einer eher konservativen Gegend in England, standen damals zur Begrüßung die Kinder auf dem Schulhof und machten den Hitlergruß, als unser Bus ankam. Da standen uns erst mal die Tränen in den Augen.
Irgendwann hat sich das verändert. Vielleicht durch die WM 2006 und Angela Merkel. Plötzlich waren wir im Ausland beliebt. Jeder hat sich ein Fähnchen ans Auto gehängt, manche sogar zwei. Und das war mir dann auch zu viel, zu deutsch. Auf einmal war das Wort Heimat wieder da und wurde von allen Regionalsendern völlig überstrapaziert. Leute waren wieder stolz, deutsch zu sein. Und da bin ich dann raus. So gerne wie ich Land, Leute und das Plattdeutsche mag, fühle ich mich als Europäerin.
Geboren sind Sie in einem kleinen Dorf bei Cuxhaven. Was empfinden Sie heute, wenn Sie Ihre alte Heimat besuchen?
Da gibt es alle Emotionen, von „Ach, guck mal! Wann haben die denn die Scheune da abgerissen? Gehen wir gleich noch übern Friedhof?“ bis hin zu „So, nu is aber auch gut, ich muss wieder los“. Dazu muss ich sagen: Ich war noch nie ein richtiger Dorfmensch. Mir ist da einfach zu wenig los. Das hat überhaupt nichts mit den Menschen dort zu tun, aber hier in Hamburg, wo ich jetzt wohne, ist es immer laut und wuselig. Das ist wie eine Parallelwelt. Ich bin mir sicher, dass viele Dorfis hier auf gar keinen Fall wohnen möchten.
Als Sie eingeschult wurden, haben Sie selbst nur Plattdeutsch gesprochen. Heute lernen nur noch die wenigsten Kinder im Norden die traditionelle Sprache. Besteht eine reale Gefahr, dass sie ausstirbt?
Ich fürchte, ja. Aber war es in der Menschheitsgeschichte nicht schon immer so? Der Mensch war ja auch mal behaarter als heute, irgendwann hat die Evolution eingesetzt. Genauso, denke ich, verhält es sich mit Sprachen. Wenn eine Sprache nicht mehr gebraucht wird, stirbt sie nun mal aus. Das Plattdeutsche wird in meinen Augen heute eher künstlich am Leben gehalten. Auf der einen Seite finde ich das gut, weil es meine Muttersprache ist und ich mir wünsche, dass sie erhalten bleibt. Auf der anderen Seite finde ich, dass sich die Sprache nicht mehr so richtig entwickelt. Die ganzen neuen Ausdrücke fehlen, oder sie werden künstlich hergestellt. Eine CD heißt dann „Spegelplatt“, und so geht es mit vielen Wörtern.
Stimmt es, dass Sie viele Ihrer Freunde in der Schulzeit beim Rauchen kennengelernt haben? Ein Song auf Ihrem aktuellen Album, „55“, behandelt dieses Thema.
Ich möchte wirklich niemanden zum Rauchen animieren. Ich beschreibe in dem Song nur einen Gedanken, der mich einmal nachts hochschrecken ließ: dass mein Leben mit komplett anderen Menschen wohl auch komplett anders verlaufen wäre, wenn ich nie geraucht hätte. Meine besten Freundinnen sind heute noch die, die damals mit mir rauchen gegangen sind. Ich war immer da, wo die Raucher waren. Fast alle Menschen, die mir mal wichtig waren, habe ich in irgendwelchen Raucherecken getroffen.
Haben Sie als Person, die in der Öffentlichkeit steht, nicht auch eine Vorbildfunktion?
Mal ganz ehrlich: Ich sitze in meiner Sendung in einer Kneipe und trinke Alkohol. Als Vorbild tauge ich doch überhaupt nicht. Mir geht übrigens diese Vorbildfragerei – am besten noch an millionenschwere Stars – mittlerweile echt aufn Sack. Erwachsene Menschen sollten eigentlich keine Vorbilder mehr brauchen. Vorbilder sind vielleicht wichtig für Kinder. Wenn ein Fußballer wie Toni Kroos, den ganz viele kleine Jungs toll finden, sagt: „Keine Macht den Drogen“, macht das für mich Sinn. Aber welches Kind sollte um Mitternacht meine Sendung gucken und sagen: „Mama, Mama, was die alte Frau da sagt, finde ich auch. Die ist toll?“
Vor Ihrer Bühnenkarriere haben Sie in Apotheken gearbeitet. Wie stehen Sie heute zu Ihrem Wohlstand?
Wohlstand, das Wort habe ich auch lange nicht mehr gehört! Ich bin in meiner Kindheit ohne Taschengeld aufgewachsen und hatte dadurch erst spät eigenes Geld. Ich erinnere mich noch, wie es sich anfühlte, als mein erstes Ausbildungsgehalt von 500 Mark auf meinem Kontoauszug stand. Heute bedeutet Geld für mich vor allem Sicherheit, und manchmal macht mich ein zu teures, unnützes Paar Schuhe leider glücklich, und ich empfinde es als erleichternd, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ich irgendein Abo abbestellen sollte. Zum Beispiel ein Zeitungsabo hätte ich mir früher nie geleistet, heute leiste ich mir das bewusst.
Lesen Sie die „Apotheken Umschau“?
Ja, ich liebe die „Umschau“. Das ist für mich wie ein Ritual, so wie „Sturm der Liebe“ gucken. Ich bin immer noch sehr geprägt von meiner Apothekenzeit, das waren immerhin zwölf Jahre meines Lebens. Mein Medizinschrank zu Hause ist auch immer gut gefüllt.
Wofür geben Sie am meisten Geld aus?
Für Urlaub und gute Hotels. Vor ein paar Jahren war ich mal für zweieinhalb Monate in London, um dort an einer Privatschule einen Sprachkurs zu machen. Für die Zeit habe ich mir eine sauteure Bude in Notting Hill gemietet, dazu die teure Sprachschule, ständig Theaterbesuche für zighundert Pfund das Ticket, und London an sich als völlig überteuerte Stadt. Als ich meine Ausgaben am Ende mal überschlug, hat es mich fast aus meinen neuen Schuhen gehauen.
In Ihrem Song „Laufen“ geht es ums Älterwerden. Woran merken Sie, dass Sie älter geworden sind?
Ich bin schneller erschöpft als früher. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Hund, der älter wird. Ich muss nicht mehr jedem hinterherrennen, ständig laut rumbellen, überall dabei sein, immer alles viel zu schnell und zu nervös. Und meine Nerven werden immer dünner, der Hintern dafür immer dicker, die Arztbesuche immer häufiger . . . soll ich weitermachen?
Zur Person
Ina Müller
Die Sängerin und Moderatorin wird am 25. Juli 1965 im niedersächsischen Köhlen bei Cuxhaven geboren. Müller absolviert nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin in Lüneburg. Danach arbeitet sie in Apotheken. 1994 gründet Ina Müller das Kabarett-Duo Queen Bee gemeinsam mit ihrer Bühnenpartnerin Edda Schnittgard. Bis 2005 sind Schnittgard und Müller deutschlandweit auf Tour.