Häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder hat sich während des Lockdown verschärft. Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Streit, Konflikte, Aggressionen – in vielen Familien ist dies an der Tagesordnung. Aber Corona und die erzwungene Zeit zuhause hat dies verschärft. Nun steigt die Zahl der hilfesuchenden Frauen enorm an. Dabei fehlen allein in Stuttgart 90 Frauenhausplätze.

Stuttgart - Das Maß ist voll, sagt sich manche Frau, die sich deshalb in diesen Wochen an Verein Frauen helfen Frauen wendet. Der Lockdown verschärfte in vielen Familien die vorher schon von Aggressionen und Gewalt aufgeladene Stimmung. Heike Fischer und Anna Feistritzer vom autonomen Frauenhaus können die steigende Zahl von Anfragen nach einem Platz im Haus direkt in Relation zum Lockdown und dessen Lockerung setzen. Von März Bis Mitte Mai erreichten gerade einmal zwei bis maximal fünf Anfragen die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen.

Seitdem aber die Beschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert sind, ist die Zahl der Anfragen bis Anfang September wöchentlich auf bis zu 15 Anfragen gestiegen. Die Anrufe kommen von direkt betroffenen Frauen, aber auch von der Polizei oder vom Jugendamt, berichtet Anna Feistritzer. „Dabei sind wir in Stuttgart mit null freien Plätzen in der Online-Datenbank des Landes registriert, sodass von anderen Frauenhäusern erst gar keine Nachfragen kommen. Die Dunkelziffer ist also viel höher.“ Allein in Stuttgart fehlen 90 Frauenhausplätze.

Keine Gelegenheit für ein Telefonat

In der Beratungsstelle von Frauen helfen Frauen an der Römerstraße beobachtet Iris Enchelmaier ähnliches. „Diese Gewalt gab es zwar immer schon. Aber bisher haben sie viele Frauen ausgehalten.“ Die Sondersituation, die alle zuhause oft in einer beengten Wohnung zusammenpferchte, brachte das Fass zum Überlaufen. Während des Lockdown gab es auch keinen Anstieg von Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt, obwohl die Beamten in den vergangenen Jahren kontinuierlich immer häufiger gerufen werden, so Enchelmaier.

Während des Lockdown hatten die betroffenen Frauen kaum eine Möglichkeit, zum Telefon zu greifen und ein vertrauliches Beratungsgespräch zu führen: Mann und Kinder waren immer zugegen, in vielen Wohnungen gibt es keine Rückzugsmöglichkeit. Jetzt ergreifen mehr Frauen als sonst selbst die Initiative und rufen an. Sonst geschieht dies häufig über Beratungsstellen oder durch die Polizei. In Italien, so Enchelmaier, gab es während des Lockdown den Service, dass Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, an der Supermarktkasse ein Telefon zur Verfügung gestellt bekamen, damit sie so Hilfe holen konnten.

Hilferuf vom Spielplatz aus

Eine Frau rief vom Spielplatz aus an. Bei einer anderen, meldete sich die Nachbarin im Frauenhaus – und bot schließlich selbst einen Unterschlupf an, weil alle Stellen geschlossen waren und es keinen freien Platz gab. „Eine andere Frau mit kleinen Kindern meldete sich weinend bei uns und berichtete, dass sie eigentlich zu ihren Eltern flüchten könnten. Diese gehören aber zur Hochrisikogruppe. Deshalb sei dies nicht möglich“, berichtet Heike Fischer und Iris Enchelmaier weiß aus ihrer Beratungspraxis, dass viele Frauen andauernde psychisch Gewalt wie Erniedrigungen als noch schlimmer erleben als physische Gewalt. „Psychische Gewalt wird den ganzen Tag über ausgeübt. Da ist nie Pause“, sagt sie. Und noch immer erschwert die Pandemie die Situation, auch für Frauen, die den Schritt ins Frauenhaus gemacht haben. „Eine Bewohnerin hat beim Auszug etwas wichtiges zuhause vergessen und kann es nicht mehr holen, weil der Mann Homeoffice macht und praktisch nie weg ist“, sagt Anna Feistritzer.

Die Beratung selbst kann auch jetzt nach der Lockerung nicht in gewohnter Form stattfinden. „Die Kinder können wegen Corona nicht mitgebracht werden“, erklärt Iris Enchelmaier. Hinzu kommen die Masken. „Die Mimik in der Situation ist für beide Seiten wichtig.“ Deshalb gilt in der Beratungsstelle: Beim Gespräch darf die Maske abgenommen werden. Tatsächlich waren die Online-Beratungen während des Lockdown eher problematisch, weil viele Frauen eine Dolmetscherin benötigen und in ihrer Situation den sozialen Kontakt brauchen.

Vielen Hürden wegen der Pandemie

Der Umzug ins Frauenhaus ist immer ein großer Schritt und für die Kinder ist es besonders schwierig, deshalb sind die Beratungsmöglichkeiten so wichtig. Viele überlegen es sich nach dem Gespräch noch einmal oder suchen nach einer andern Möglichkeit. „Dass eine Frau sofort hier einzieht, ist eher selten“, berichtet Heike Fischer.

Viele Gerichtsverhandlungen wegen häuslicher Gewalt oder wegen des Sorge-und Umgangsrechts sowie Unterhaltszahlungen wurden wegen der Pandemie ebenfalls verschoben. Allein die Anordnung eines Näherungsverbotes für gewalttätige Partner wird auch jetzt sofort ausgesprochen.

Im Frauenhaus selbst gibt es einen internen Pandemieplan: Der beginnt bei den Mitarbeiterinnen, die in kleinen Teams arbeiten. Somit soll gewährleistet sein, dass im Falle einer Ansteckung, ein anderes Team einspringen kann. „Wir müssen uns schützen, sonst liegt der ganze Betrieb darnieder“, sagt Anna Feistritzer. Frauen mit Kindern leben in kleinen Wohneinheiten, sodass sie sich nicht die Küche und die Bäder mit anderen teilen müssen. Aber es gibt auch Wohngemeinschaften. Eine zusätzliche Wohnung konnte behelfsmäßig eingerichtet werden, weil die Gemeinschaftsräume nicht mehr genutzt werden konnten. Glücklicherweise hat sich im Stuttgarter Frauenhaus bisher niemand angesteckt.

Tödliche Partnerschaften

Kontakt Die Notfallnummer des autonomen Frauenhauses von Frauen helfen Frauen e.V. lautet 0711 54 20 21. Die Beratungsstelle in der Römerstraße ist unter 0711 / 65 83 56 69 erreichbar. Bundesweit gibt es ein Hilfetelefon das rund um die Uhr und kostenlos in 17 Sprachen Informationen über Beratungsstellen und Frauenhäuser in ganz Deutschland anbietet. Es ist erreichbar unter Telefon 08000 1166 0166.

Gewaltstatistik Bei Vergewaltigung, sexuellen Übergriffen und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind 98.4 Prozent der Opfer weiblich. 2018 wurden 122 Frauen durch Gewalt in der Partnerschaft getötet (Mord, Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge). Das bedeutet, das jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau durch Gewalt in der Partnerschaft stirbt. Die Zahlen stammen vom November 2019 und wurden vom Bundesfamilienministerium veröffentlich.

Aktuelle Meldungen, wissenswerte Hintergründe und nützliche Tipps – in unserem Dossier bündeln wir alle Artikel zu Corona.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: