Die Notaufnahmen im Kreis Böblingen sind hoch frequentiert – auch weil viele Menschen keinen Arzt mehr finden. Foto: dpa//Angelika Warmuth

Ende Oktober 2023 müssen die Öffnungszeiten der Notfallpraxen im Kreis Böblingen reduziert werden. Hohe Patientenaufkommen in den beiden Praxen und den Notaufnahmen der Kliniken zeigen deutlich, woran die ambulante Versorgung krankt.

Drei Monate ist es her, dass das Bundessozialgericht eine seit Jahren gängige Praxis kippte: Ärzte melden sich freiwillig zu Bereitschaftsdiensten in den Abendstunden und am Wochenende in den Notfallpraxen. Mit dem Urteil Ende Oktober mussten sich die Notfallpraxen umorganisieren. Statt den „Poolärzten“ übernahmen wieder die niedergelassenen Ärzte.

 

Weil die Kapazitäten ohnehin knapp sind, blieb der Kassenärztlichen Vereinigung nichts anderes übrig, als die Dienstzeiten der in den Notfallpraxen Sindelfingen und Herrenberg zu kürzen. Welche Auswirkungen die reduzierten Öffnungszeiten auf die medizinische Versorgung von Patienten zu Randzeiten haben, konnte vor einem Vierteljahr noch keiner voraussagen. Schon damals gab es aber die Befürchtung von Ärztevertretern wie der Vorsitzenden der Kreisärzteschaft, Annette Theewen, dass sich die Situation weiter verschärfen könnte.

Aufkommen in Notfallpraxen bleibt unverändert

Drei Monate danach, kann die Medizinerin zumindest diesbezüglich etwas Entwarnung geben: „In Sindelfingen wurden die Öffnungszeiten nur um zwei Stunden verkürzt. Das hat sich nicht so bemerkbar gemacht. Das Angebot dort scheint ausreichend. In Herrenberg war es vielleicht spürbarer. Dort scheinen aber noch mehr Patienten an einen Hausarzt gebunden.“

In ihrem jüngsten Bereitschaftsdienst erfuhr Annette Theewen auch, warum manche Patienten in die Notfallpraxis kommen und ihre Beschwerden nicht zuvor schon bei einem Hausarzt haben abklären lassen. „Immer mehr Patienten verfügen über keine hausärztliche Anbindung. Das waren auch Menschen mit wirklich behandlungswürdigen Erkrankungen. Das macht mich betroffen.“ Wirklich verwundert darüber ist Theewen aber nicht: „Gerade in Böblingen-Sindelfingen ist der Versorgungsgrad in den vergangenen Jahren gesunken. Es gibt viele Zugezogenen, die keinen Hausarzt mehr finden und dann auf das System der Notfallpraxis oder der Notaufnahmen angewiesen sind.“

Die städtischen Gebiete im Kreis sind unterversorgt

Diese Entwicklung belegen auch Zahlen, die das Landesgesundheitsministerium auf Anfrage des Böblinger SPD-Landtagsabgeordneten Florian Wahl veröffentlicht hat. Darin wird deutlich, dass Böblingen-Sindelfingen zu 86,2 Prozent, Herrenberg noch zu 90,5 Prozent hausärztlich versorgt ist. Tendenz sinkend, wenn man den bereits vorherrschenden Nachwuchsmangel bei niedergelassenen Ärzten und den bei Fachkräften berücksichtigt. Zum Vergleich: In Freiburg liegt die hausärztliche Versorgungsquote bei 130 Prozent. Wer keinen Hausarzt mehr findet oder bei einem Facharzt auf nächstes Jahr vertröstet wird, sucht nicht selten die Notaufnahme der Kliniken auf. In Böblingen wurden im vergangenen Jahr insgesamt rund 20 000, in Sindelfingen etwa 35 000 Menschen behandelt, wie der Klinikverbund Südwest auf Anfrage mitteilt. Wer von diesen Patienten wirklich ein Notfall gewesen ist, lasse sich nicht beziffern. Knapp zwei Drittel der Patienten in der Notaufnahme blieben aber ambulant. „Das zeigt, dass die Kliniken schon heute einen großen Teil auch der ambulanten Notfallversorgung im System auffangen“, erklärt die Pressestelle.

Notaufnahmen verzeichnen Patientenanstieg

Inwieweit die reduzierten Öffnungszeiten der Sindelfinger und Herrenberger Bereitschaftspraxen, die ebenfalls in den dortigen Kliniken untergebracht sind, das Aufkommen in den Notaufnahmen erhöht hat, sei schwer abzuschätzen. In jedem Fall lasse sich sagen: „An den Kliniken führten die verkürzten Zeiten nicht ganz so massiv zu Mehrbelastungen, wie an Standorten, an denen die Notfallpraxis geschlossen wurde.“ Den Grund für die übervollen Notaufnahmen sieht der Klinikverbund unter anderem in der hohen Auslastung bei Fach- und Hausärzten sowie der Jahreszeit geschuldet.

Die Kliniken jedenfalls stecken in einem Dilemma: „Natürlich sind sich die Kliniken ihrer Verantwortung als Akutversorger bewusst und tun alles dafür, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Primärer Auftrag einer Notaufnahme ist jedoch, die stationäre Versorgung sicherzustellen“, heißt es seitens des Klinikverbunds. Besserung sei erst in Sicht, wenn strukturelle Veränderungen kämen – zum Beispiel, wenn es eine Sonderregelung für den Einsatz von Poolärzten im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst gebe – im Prinzip die alte Regelung; und eine integrierte Notaufnahme: Letztere würde die Beschwerden von Patienten im Vorhinein bewerten und so die Ströme in den Notaufnahmen bessern steuern.

Für das Flugfeldklinikum in Böblingen ist das geplant. Bis dieses allerdings in Betrieb gehen kann, bleibt die Mehrbelastung.