Erwin Lehn ist 90-jährig gestorben. Foto: SWR/Jehle

Erwin Lehn, der Gründer und langjährige Leiter des Südfunk-Tanzorchesters, starb am Samstag.  

Stuttgart - So wie Erwin Lehn als vornehmer älterer Herr seinen Nachbarn in Stuttgart-Schönberg begegnete, Spaziergängern im Degerlocher Wald oder Fußballfreunden auf der Haupttribüne der Stuttgarter Kickers, deren Stadionhymne "Blau und Weiß sind unsre Farben" er komponiert hat, so war stets auch sein Anspruch an die Musik: Kultiviert soll sie sein. Schlager, Tanzmusik und vor allem auch der von ihm als "avanciert" bezeichnete Jazz sollten gediegen klingen, entspannt swingen. Dazu bedurfte es eines austrainierten, disziplinierten und präzise funktionierenden Klangkörpers. Nach solchen Vorstellungen formte der gebürtige Pfälzer das Stuttgarter Radiotanzorchester. "Erwin Lehn und sein Südfunktanzorchester" - für Millionen von Radiohörern war dies jahrzehntelang ein Begriff.

Nach seinem Musikstudium in Peine (Klavier, Vibrafon, Komposition) ging Lehn zunächst nach Berlin - und zwar in den sowjetischen Sektor - zum Radio Berlin Tanzorchester, kurz RBT, dessen Leitung er zwei Jahre später übernahm. In dieser Big Band sang der populäre Sänger Bully Buhlan. Wegen der wachsenden Einflussnahme der DDR-Kulturpolitik auf das Programm kündigte Lehn 1950 und trat zunächst nur mit seinem Quartett in Erscheinung. 1951 gründete er in Stuttgart das Südfunktanzorchester, das er über vierzig Jahre leitete und bald zur wichtigsten deutschen Big Band neben der von Kurt Edelhagen machte.

Auf der internationalen Jazzszene breitete sich Lehns Ruf aus, und prominente Gastsolisten wie Benny Goodman, Maynard Ferguson, Chet Baker, Stéphane Grappelli, Chick Corea oder Miles Davis zog es immer wieder in die Landeshauptstadt. Von 1955 bis in die 1980er Jahre hinein veranstaltete der SDR mit Lehn und dem Publizisten Dieter Zimmerle den legendären "Treffpunkt Jazz", der in der Alten Krone, in der Sängerhalle, in der Villa Berg und im Beethovensaal der Liederhalle oft spektakulär über die Bühne ging. Auf über 8000 Lehn-Titel kann das Radio-Archiv heute zugreifen. Klangvolle Namen auch unter den Solisten: Conny Jackel, Joki Freund, Horst Jankowski, Peter Herbolzheimer, Charly Antolini, Johannes Faber, Joe Gallardo, Ack van Rooyen, Markus Stockhausen, Peter Weniger oder Klaus Graf. Ernst Mosch, der bekannte Egerländer, zählte übrigens auch zu den Lehn-Musikern.

Doch sosehr Lehns Herz für den Jazz schlug, ein Purist war er nie, Berührungsängste waren ihm fremd. Als Leiter eines Radioorchesters auch für Gebrauchsmusik zuständig, bat er auf Bällen zum Tanz, begleitete Schlagerstars wie Catarina Valente, mit der ihn eine lange Freundschaft verband, Bibi Johns ("Crazy Dog"), Ralf Bendix ("So geht das jede Nacht") oder Lonny Kellner ("Frech musst du sein"), er trat auf Festivals auf und spielte Filmmusiken wie "Liebe, Jazz und Übermut" ein.

Doch als die Pflicht für den 72-Jährigen beim Funk zu Ende war, ging die Kür weiter. Als Lehrbeauftragter gab Erwin Lehn an der Musikhochschule Stuttgart sein Wissen an junge Menschen weiter. Bis 1997 leitete er die Big Band der Musikhochschule. 1983 erhielt Lehn das Bundesverdienstkreuz, zwei Jahre später wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und 2001 mit der erstmals vergebenen German Jazz Trophy für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Bei Erwin Lehn, dem Gentleman-Bandleader mit den hohen Ansprüchen und dem Gerechtigkeitssinn, haben alle gelernt, worauf es bei einem Tanzorchester, worauf es bei einer Big Band ankommt: auf Genauigkeit, auf Wohlklang und Swing. Wie das funktioniert, zeigte der Jubilar selbst, als er zur Freude von über 1200 Festivalbesuchern im Juli 2009 bei der ihm gewidmeten langen Jazz-Night auf die Bühne kam und bei "Strike Up The Band" mit seinen neunzig Lenzen lässig den Takt schlug.

Ordnung und Freiheit - die konstitutiven Faktoren des Jazz - spielten im reichen Leben von Erwin Lehn die entscheidende Rolle. Das Wirken und die Ausstrahlung dieses feinen, bescheidenen und liebenswürdigen Menschen bleiben unvergesslich.

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