Eine Handysendeanlage auf dem Rathausdach in Rommelshausen. Foto: Patricia Sigerist

Der Gemeinderat Kernen erlaubt der Telekom und o2-Telefonica, ihre Sendeanlagen auf öffentlichen Gebäuden für den schnellen Standard LTE aufzurüsten. Die Netzbetreiber stoßen allerdings auf Widerstand.

Fellbach - Smartphone-Nutzer, die vor allem an einem funktionierenden schnellen Netz interessiert sind, dürfen sich freuen: Der Ausbau des schnellen Datennetzes der vierten Generation, abgekürzt LTE genannt, schreitet auch in Rommelshausen und Stetten voran. Die Provider Deutsche Telekom und o2-Telefonica rüsten derzeit ihre Standorte im Gewerbegebiet Auf der Höhe, in der Siemensstraße, auf dem Rathausdach und auf der Sporthalle der Sportvereinigung auf oder planen dies. Wer bereit ist, die Preise für eine LTE-Flatrate zu zahlen, dürfte bald ein schnelleres mobiles Internet fast flächendeckend in Kernens Ortsteilen genießen.

An anderer Stelle wachsen dagegen die Sorgen. Bürger, die in der Nähe solcher Antennenstationen wohnen, stellen sich die Frage, ob die zusätzlichen Strahlen nicht doch auf Dauer ihre Gesundheit schädigen, wovon zum Beispiel die beiden Kernener Mobilfunkkritiker Thomas Bezler, der Vorsitzende des Gesundheitsvereins GGL, und Martin Schröter, bis vor kurzem Vorsitzender des örtlichen Bunds für Umwelt und Naturschutz, überzeugt sind. In der Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend im Bürgerhaus in Kernen hielten die beiden tapfer je ein Plakat gegen die erhöhten Strahlungsmengen in vielen Wohnungen, insbesondere in der Nähe des Rathauses, in die Höhe.

Gemeinderat Kernen stimmt einem Kompromiss zu

Bürgermeister Stefan Altenberger will dagegen – über einige, den Netz-Anbietern abgerungene Kompromisse hinaus – den Kampf gegen die Mobilfunk-Provider nicht aufnehmen. Der Gemeinderat Kernen beschloss bei zwei Gegenstimmen und zwei Enthaltungen, der Deutschen Telekom AG zu erlauben, die Antennenstation auf dem Rathaus in Rommelshauses Stettener Straße auf LTE aufzurüsten. Mitspracherecht haben die Gemeindevertreter auch auf der Sporthalle der Sportvereinigung Rommelshausen in der Kelterstraße. Hier ging die Erlaubnis, die Sendeanlage mit LTE aufzurüsten, an o2-Telefonica.

Dass die Strahlungsquellen wie befürchtet stärker werden, hat im Auftrag der Gemeindeverwaltung der Messtechniker und Diplom-Ingenieur Dietrich Ruoff aus Erkenbrechtsweiler nachgewiesen. Der als örtlicher Kompromiss geltende und vor Jahren vereinbarte Vorsorgewert von zwei Volt/pro Meter wird in Zukunft sehr deutlich übertroffen, und der ist nach Meinung der Mobilfunkkritiker schon um vieles zu hoch.

Hier wird’s etwas technisch: Der Bund für Umwelt und Naturschutz fordert laut Thomas Bezler als ersten Schritt Schutzstandards in Höhe von 100 Mikrowatt/Quadratmeter, entsprechend 0,2 Volt pro Meter als einklagbare Grenzwerte. Ein Handyempfang ist sei aber bereits bei 0,00005 Mikrowatt je Quadratmeter gesichert. Laut der Simulation durch Ruoff beträgt aber die Belastung der nächsten Wohngebäude nördlich des Rathauses, wenn alle vorhandenen Mobilfunk-Standorte in Kernen einbezogen werden, bereits jetzt 3,48 Volt pro Meter. Später könnten es sogar 4,9 Volt pro Meter werden.

Vorausgesagte Zahlen liegen weit unter den Grenzwerten

Ohne die nachfolgend noch genannten, von der Telekom zugesagten Einschränkungen wäre sogar mit einem Wert von 5,71 Volt pro Meter zu rechnen: „Werte, die bekanntlich sehr weit unter den in Deutschland geltenden gesetzlichen Grenzwerten von 42 bis 61 Volt pro Meter liegen“, kommentiert die Gemeindeverwaltung in einer schriftlichen Vorlage an den Gemeinderat.

Immerhin hat Bürgermeister Stefan Altenberger mit der Telekom ausgehandelt, bei ihrer Station auf dem Rathausdach die Sendeleistung etwas einzuschränken und für den Nordsektor auf die UMTS-Technik zu verzichten. Besonders die letztere Zusage erscheint aber etwas fraglich, weil die Telekom, wie sie mitgeteilt hat, in Kürze nicht mehr von der Siemensstraße aus dem Norden Rommelshausens in Richtung Ortsmitte funkt, weil sie diesen Standort aufgibt.

Auch am Standort des Mobilfunk-Anbieters Telefonica mit der Marke o2 auf der Halle der Spvgg Rommelshausen sollen die vorhandenen Anlagen für GSM und UMTS mit LTE-Technik aufgerüstet werden. Telefonica o2 wäre bereit, die Abstrahlrichtung aller drei Sektoren leicht in horizontaler Richtung zu verschwenken. An der Außenwand des nächstgelegenen Wohnhauses erwartet Ruoff aus seiner Simulation, dass der bisher festgestellte Wert von 1,37 Volt pro Meter auf 1,9 Volt pro Meter steigt und damit unter dem örtlichen Vorsorgewert bleibt. Ohne die vorgeschlagene Verschwenkung wären 2,1 Volt pro Meter zu erwarten.

Mobilfunk-Kritiker lehnen den Kompromiss ab

Die von der Verwaltung befragte Ortsgruppe des Mobilfunk-Bürgerforums lehnt den Kompromiss ab und will deswegen auch nicht an einer Bürgerinformationsveranstaltung mit Altenberger teilnehmen. „Diese Aufrüstung wird dazu führen, dass die bestehenden Hotspots noch stärker belastet werden“, schreiben Barbara Fischer-Ehmann und Jutta Kienzle.

Dennoch würde Bürgermeister Stefan Altenberger auf die Kompromissvorschläge eingehen. „Die Alternative zu den Zubauten der LTE-Technik an bestehenden Standorten wäre die Errichtung neuer Standorte.“ Dort werden die Mobilfunk-Provider dann, so ist der Schultes überzeugt, die weiteren Techniken installieren: „Für diesen Fall verliert die Gemeinde jeglichen Einfluss.“ Dies bestreitet Mobilfunk-Kritiker Thomas Bezler und fordert, dass die Gemeinde ein vorausschauendes Mobilfunkkonzept erstellt: „Die Vereine setzen sich für eine – nach den rechtlichen und technischen Möglichkeiten machbare – Schadensverhinderung und Vorsorge ein.“ Auch Barbara Fischer-Ehmann und Jutta Kienzle sagen namens des Bürgerforums: „Die Simulation, die ja auch mit hohen Kosten verbunden war, wurde bis jetzt bedauerlicherweise nur dazu verwendet, kleinere Veränderungen an der Einstellung der Antennen an den angefragten Standorten zu diskutieren. Die hohen Kosten einer Simulation sind aber eigentlich nur gerechtfertigt, wenn sie auch wirklich für eine ernsthafte Standortplanung verwendet wird.“

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