Schauspielerin Emma Watson erschien in einem tiefschwarzen Abendkleid zu den Golden Globes – um gegen sexuelle Gewalt in der Filmbranche und im Alltag zu protestieren Foto: Invision

Es hat geklappt: Hollywoods weibliche Stars kamen in Schwarz zur Verleihung der Golden Globes. Trotzdem regierte bei dieser Filmpreis-Gala der Optimismus. Einer der strahlenden Sieger: Fatih Akin, dessen „Aus dem Nichts“ als bester ausländischer Film prämiert wurde.

Hollywood - Küsschen für Diane Kruger, artige Dankeschöns an Mitwirkende und Produzenten: Fatih Akin hat für sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“ den Golden Globe für den besten ausländischen Film entgegen nehmen dürfen. Im Rampenlicht des Festsaals eines Hotels in Beverly Hills hat er sich verkniffen, etwas zum Inhalt des Films über rechtsradikalen Terror zu sagen. Von den Golden Globes 2018 wurde vorab zwar eine gewisse politische Brisanz erwartet. Aber so politisch, dass jeder jedes Thema anschneiden darf, das hat Akin korrekt eingeschätzt, sollten die Globes dann auch nicht werden.

Hollywoods „Party des Jahres“, so die Eigenwerbung dieser größten Glitzerveranstaltung vor dem Oscar, wollte sich ganz auf Hollywoods Erschütterung durch den Weinstein-Skandal und dessen Folgen konzentrieren. Und ja, es hat geklappt: Die illustersten Frauen des Filmgeschäfts sind nicht in papageienbunten Klamotten erschienen, sondern als Zeichen des Protests gegen alltägliche sexuelle Gewalt und Ausbeutung ziemlich einheitlich in Schwarz.

Aber das Ergebnis war dann doch etwas ganz anderes als eine schroffe Verweigerung von Festlaune. Auch in Schwarz können Designerstücke Glanz und Gloria verbreiten, und so wurde auch dieser Abend ein Wettbewerb in den Kategorien Eleganz, Auffälligkeit und Freizügigkeit. Positiv gesagt: Es war festlich und schön anzuschauen. Negativ gesagt: Auch Schwarz kann nicht verhindern, dass Frauen im Showgeschäft im Kreuzfeuer abschätzender männlicher Blicke stehen.

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Kein Abend der Trostpreise

Hat also die Auswahl der Preisträger ein Zeichen gesetzt? Ja und Nein. Es wäre ja todlangweilig, wenn die Golden Globes und andere Filmpreise konsequent ausrechenbar als Leuchtmarkerstriche über die jeweils aktuelle gesellschaftliche Problemzone oder gar als Trostpreise für die gerade im Scheinwerferlicht stehenden Benachteiligten präsentiert würden. Und so bot der Abend neben der zurückhaltenden finalen Zuwendung für Guillermo Del Toros „Shape of Water“ – nach sieben Nominierungen gab es den Regie-Globe für Toro und den Filmmusik-Globe für Alexandre Desplat – noch andere Überraschungen.

Nicht der Afroamerikaner Daniel Kaluuya etwa wurde für seine Rolle in der galligen Rassismus-Horrorgroteske „Get Out“ als bester Schauspieler in einer Komödie ausgezeichnet, sondern James Franco für „The Disaster Artist“. Nicht der in „Roman J. Israel, Esq.“ brillierende Denzel Washington wurde bester Hauptdarsteller in einem Drama, sondern Gary Oldman in „Darkest Hour“. Nicht Christopher Plummer wurde als bester Nebendarsteller ausgezeichnet, wo er doch in „All the Money in the World“ Kevin Spacey ersetzte. Dessen bereits komplett abgedrehte Szenen wurden nach Vorwürfen massiver sexueller Belästigung gegen ihn von Regisseur Ridley Scott aus dem Film geschmissen. Sam Rockwell erhielt den Preis für seinen Auftritt in „Three Billboards outside Ebbing, Missouri.“

Ausnahmsweise richtig afroamerikanisch

Solche Preisentscheidungen gegen das erwartet Plakative haben einen Vorteil. Sie geben anderen Würdigungen ein wenig mehr Glaubwürdigkeit. Der Afroamerikaner Sterling K. Brown, mit dem Globe als bester Seriendarsteller bedacht, hat sich dafür bedankt, dass er in „This is us“ nicht einfach als Quotenschwarzer auf eine x-beliebige Rolle gesetzt wurde, sondern dass seinen Figur als spezifisch afroamerikanischer Charakter entwickelt wurde. Dass Kaluuya nicht gewinnen hat, befreit Browns Preis von dem Verdacht, da sei ein bloßer Automatismus am Werk gewesen. Die Golden Globes, vergeben von der nicht einmal einhundert Mitglieder umfassenden Vereinigung der Auslandspresse in Hollywood, sind ja ein taktisch sehr viel durchgefeilterer, für Konsensdebatten anfälligerer Preis als die Oscars, über die Tausende entscheiden.

Schon wieder falsch gemacht

Trotzdem haben die Globes in Sachen Positionsbezug auch schwer gepatzt. In einem Jahr, in dem es nicht nur in Hollywood um die Rechte der Frauen und die Macht der Männer ging, in denen immer wieder die Rede davon war, dass auch im Film mehr Frauen in Entscheidungspositionen müssen, hätte eines nicht passieren dürfen. Dass wieder einmal keine einzige Frau in der Kategorie beste Regie nominiert war. Und das, obwohl der von Greta Gerwig inszenierte „Lady Bird“ nun den Golden Globe als beste Komödie erhielt, und Saoirse Ronan für ihre Hauptrolle als junge Außenseiterin als beste Darstellerin in einer Komödie ausgezeichnet wurde. Immerhin war Gerwig als beste Drehbuchautorin nominiert, aber in dieser Kategorie unterlag sie einem Mann: Martin McDonagh, dem Regisseur und Autor von „Three Billboards outside Ebbing, Missouri.“

Der Film zur Lage

Diese Gewalt- und Frauengeschichte war mit vier Globes der größte Gewinner des Abends. Neben Ronan, Rockwell und McDonagh gewann Frances McDormand den Preis als beste Hauptdarstellerin. Sie spielt eine Mutter, die nach der Vergewaltigung und Ermordung ihrer Tochter einen Protestkampagne gegen den örtlichen Sheriff beginnt, der ihrer Meinung nach nicht genug tut, um den Schuldigen zu finden. Man kann gar nicht anders, als „Three Billboards ..“ als Film zur Lage zu sehen.

Aber was die Golden Globes ausstrahlen wollten, waren nicht Wut und Frustration, sondern die souveräne Haltung „Problem erkannt, Lösung eingeleitet“. Zwischen dem emotionalen Appell der für ihr Lebenswerk ausgezeichneten afroamerikanischen Schauspielerin, Talkmasterin und Produzentin Oprah Winfrey, die sich schnell die Zeit herbeiwünschte, in der niemand mehr „Me Too“ sagen müsse, und den Zynismen des Abendmoderators Seth Meyers („Guten Abend, die Damen und noch übrig gebliebenen Herren …“) wollte die gut geölte Show ein Hollywood präsentieren, das seine „tektonische Machtverschiebung“, wie McDormand das nannte, innerhalb der vergangenen drei Monate bereits absolviert hat.

Akin, wohin?

Das Showbusiness zeigt sich eben gerne sehr optimistisch. Dass Fatih Akin da nicht viel Inhaltliches sagen wollte, kann man gut verstehen. So viel Gespür für die Etikette der Traumfabrik aber wird ihn nur interessanter für Hollywood machen. Immer wenn deutsche Filmemacher in den USA geehrt werden, muss man sich sorgen, dass sie der hiesigen Filmszene verloren gehen könnten. Und „Aus dem Nichts“ steht ja auch noch als deutscher Beitrag im Oscar-Rennen.

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