Die Stadtkirche wird jedes Jahr für einige Wochen zu einem Ort der Wärme und der Gemeinschaft. Foto: Giacinto Carlucci

Zum 29. Mal öffnen sich die Türen der Göppinger Stadtkirche zur Vesperkirche. Das Angebot ist gefragt, da viele Menschen immer weniger Geld zur Verfügung haben. Bis 18. Februar gibt es eine warme Mahlzeit und reichlich Gelegenheit zur Begegnung.

Sie ist aus Göppingen nicht mehr wegzudenken: Am 6. Januar ist es wieder so weit, die Stadtkirche öffnet ihre Pforten für die 29. Vesperkirchenaktion. Am Dreikönigstag findet zur Eröffnung um 10 Uhr ein Gottesdienst in der Stadtkirche statt. Kooperationspartner der Vesperkirche sind, wie bereits in den Vorjahren, die Wohnungslosenhilfe im Kreis „Haus Linde“, die Göppinger Verbundkirchengemeinde und die Wilhelmshilfe. „Gemeinsam an einem Tisch“ lautet das Motto der Vesperkirche. „Es ist eine besondere Gemeinschaft auf Zeit, eine Gemeinschaft, die auf Solidarität und Gerechtigkeit basiert“, sagt der Leiter des Haus Linde, Wolfgang Baumung.

 

Trotz Corona gab es immer ein Angebot

Für sechs Wochen, bis zum 18. Februar, öffnet die Vesperkirche in der Göppinger Stadtkirche vom Dreikönigstag an täglich ihre Kirchentür. Auch während der Coronazeit war die Vesperkirche für die Besucher da, berichtet Baumung. In einem Jahr mit einem reinen Essensangebot zum Mitnehmen, im Jahr darauf mit dem Angebot, in der Kirche zu essen oder ein Essen mitzunehmen. „Diese Botschaft, dass wir trotz Corona da waren, hat uns viel Anerkennung gebracht“, erzählt der Leiter des Haus Linde.

„Das entspricht unserem Leitmotiv, auch in schwierigen Zeiten für die da zu sein, die es eh schon schwer haben“, fügt er hinzu. Das Gotteshaus werde zu einem Ort, an dem Menschen zu einem Mittagessen, zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen zusammenkommen können. Außer einer warmen Mahlzeit gebe es auch Nahrung für die Seele durch Gespräche mit anderen Gästen, den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und bei einer Mittagsandacht, die den Menschen auf der Schattenseite des Lebens wieder Mut macht, berichtet der Organisator der Vesperkirche.

Ort der Solidarität

In den vergangenen Jahren kamen im Durchschnitt 180 Gäste pro Tag. „Sicherlich auch ein Zeichen für die zunehmende Armut in unserer Gesellschaft und so ist es kein Wunder, dass unter den Gästen viele ältere Mitmenschen, Alleinerziehende mit ihren Kindern und Arbeitslose zu finden sind“, erzählt Wolfgang Baumung. Die Göppinger Vesperkirche setze ein Signal, Menschen aus dem Landkreis mit wenig Geld in den Blick zu nehmen und bewusst zu machen, dass immer mehr Menschen am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen können, weil ihnen das Geld dazu fehlt. Auch im kommenden Jahr rechnen die Organisatoren der Vesperkirche mit einer zunehmenden Nachfrage. „Wenn wir noch mehr Essen brauchen, können wir die bestellte Menge innerhalb von zwei Tagen kurzfristig erhöhen“, berichtet Baumung.

Die Vesperkirche sei ein Ort der Solidarität und da jeder eingeladen ist, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, sei es kein Wunder, dass sich im Laufe der Jahre eine „bunte“ Mischung aus allen gesellschaftlichen Schichten dort treffe. Die Vesperkirche erhebt keinen Mindestbeitrag für das Essen, sondern hofft auf Spenden an der Kasse in der Stadtkirche. Somit können auch Gäste mit wenig Geld, im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen finanziellen Beitrag leisten, müssen dies aber nicht tun.

80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter helfen mit

Durch die Spenden für das Essen kommen pro Aktion etwa 20 000 Euro in die Kasse der Vesperkirche, dem stehen gesamte Kosten von circa 85 000 Euro entgegen. Der fehlende Betrag muss über weitere Spenden finanziert werden. Damit eine so hohe Gästezahl bewältigt werden kann, stehen bei der Aktion mehr als 80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung, die an sieben Tagen pro Woche in den verschiedenen Arbeitsbereichen ihren Dienst mit großem Engagement leisten. „Wir haben jedes Jahr ein Wechsel von etwa zehn Mitarbeitenden“, erzählt Wolfgang Baumung. Für die anstehende Vesperkirche 2024 kann er auf genügend Helferinnen und Helfer zurückgreifen. Erst für die Vesperkirche im Jahr 2025 sucht er wieder Ehrenamtliche.

Das Team ist genauso vielfältig wie das Publikum

Erstmals ist bei der Göppinger Vesperkirche für eine Woche im Rahmen eines Schulprojektes, bei dem Gymnasiastinnen und Gymnasiasten bei sozialen Einrichtungen mithelfen, auch eine junge Praktikantin dabei. „Wir haben auch Bewohner aus dem Haus Linde, die bei der Vesperkirche mithelfen“, erzählt Wolfgang Baumung. „Unser Helfer-Team ist genauso vielfältig, wie unsere Gäste“, ergänzt er.