Ganz lässt sich das Internet in der Stadtbücherei nicht überwachen: Die „besten“ Horrorfilme können sich auch Kinder anschauen. Foto: Haar

Jugendliche gelangen in der Bücherei trotz Schutzfilter auf Gewaltseiten – Leitung vor „Interessenkonflikt“.

Stuttgart - Keiner will mehr darauf verzichten. Und doch würde man manchmal gerne der weltweiten Netzwelt den Rücken kehren. Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Was das bedeutet, erfährt die Direktorin der Stadtbücherei jeden Tag.

Einerseits schätzt Ingrid Bussmann die Informationsfreiheit als hohes Gut der Gesellschaft: „Das Lernen und die Faktenbeschaffung gehören heute zum Lebensalltag und sind daher unverzichtbar.“ Andererseits weiß sie, dass das grenzenlose Surfen an den freien Internetstationen in der Stadtbücherei auch Gefahren birgt. In erster Linie für Kinder und Jugendliche. Ein WLAN-Netz bietet zudem Internetzugang im gesamten Haus, auch mit eigenen Laptops.

Unter den jungen Menschen hat sich längst herumgesprochen, dass die Stadtbücherei am Mailänder Platz kostenlosen Internet­zugang anbietet. Jene Computerplätze, die als Kurzzeit-Recherche-Plätze ausgezeichnet sind, trennen die Internetverbindung zwar nach 15 Minuten automatisch. Aber nichts und niemand hindert den Nutzer, sich einfach wieder neu anzumelden – ganz ohne Namensangabe oder Bibliotheksausweis. Gerade in den Ferien ist die Stadtbücherei für Schüler ein idealer Platz und Treffpunkt, um sich anonym und fast unbeaufsichtigt in den Weiten des Internets zu verlieren.

Jugendliche kennen Tricks und Möglichkeiten, Filter zu umgehen

Allerdings nicht ganz ohne ­Sicherheitsnetz und doppelten Boden. „Wir versuchen, das Angebot mit allen uns zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten so sicher wie möglich zu machen“, sagt Ingrid Bussmann. Ein Test bestätigt das: Der direkte Zugriff auf Seiten mit pornografischem oder gewaltverherrlichendem Inhalt endet abrupt. Auf dem Bildschirm taucht beim Versuch die Nachricht des Jugendschutzfilters Belwü auf: „Der Zugriff wurde verweigert, weil die Seite unter den Jugendschutz oder in eine andere, von ihrer Schule/Einrichtung gewünschte Sperrkategorie fällt.“

So weit, so gut. Aber gerade Jugendliche kennen genug Tricks und Möglichkeiten, ­solche Filter zu umgehen. Der einfachste Weg scheint der über die Video-Plattform You ­Tube zu sein. Natürlich gelten auch dort ­formale Richtlinien, aber diese sind sehr schwer zu überwachen. Keiner überprüft zum Beispiel, ob der You-Tube-Nutzer ­mindestens 13 Jahre alt ist. Zudem ist es ­möglich, an Inhalte mit leichterer Erotik oder kurzen Horror-Schockern zu kommen. Unter der Rubrik „Die Top 5 der besten Horror-Filme aller Zeiten“ wird alles geboten. Kettensägen-Massaker, Zombies oder andere Streifen, die nicht jugendfrei sind.

„Das Internet lässt sich nicht zu 100 Prozent überwachen“

Die Bücherei-Direktorin weiß das. Aber eine zufriedenstellende Lösung des Problems hat sie nicht parat. „Das Internet lässt sich nicht zu 100 Prozent überwachen“, sagt sie schulterzuckend, „wir stehen hier vor einem Interessenkonflikt.“

Klar ist nur: Den Stecker will sie nicht ziehen. Zensur oder eine komplette Abschaltung komme nicht infrage. „Wir wollen niemanden von einer gesellschaftlichen Entwicklung ausschließen“, sagt Ingrid Bussmann, „außerdem ist die freie Informationsbeschaffung ein Teil unseres Konzeptes.“

Gerade Schüler, so die Direktorin, seien darauf angewiesen, wenn sie Referate oder Vergleichsarbeiten vorbereiteten. Also muss sie mit einem Kompromiss leben. Geplant ist, das Aufsichtspersonal noch stärker zu sensibilisieren. Zusätzlich soll der Wachdienst in Zukunft ein Auge auf die frei nutzbaren Internetstationen im Erdgeschoss werfen.

Zeitgebundene Nutzungscodes?

Für denkbar hält die Bücherei-Chefin auch, die freie Nutzung zu personalisieren. In manchen Hotels ist dies bereits Praxis. Dort werden zeitgebundene Nutzungs-Codes für den Internetzugang vergeben. So lässt sich zumindest zurückverfolgen, wer wann welche Internetseite besucht hat. Dagegen spricht aus Sicht von Ingrid Bussmann allerdings der Kostenfaktor. „Das würde einen zusätzlichen Personalbedarf bedeuten“, sagt sie und bemerkt abermals, dass sie vor einem Dilemma steht. Ganz gleich, wie man die Sache drehe und wende, „es wird immer Unzufriedene geben“.

Daher setzt Ingrid Bussmann ihre ganze Hoffnung auf die Jugendlichen selbst. „Wenn wir sie richtig schulen und ihnen Medienkompetenz vermitteln, wächst auch deren Verantwortung im Umgang mit neuen Medien“, sagt sie. Einen Teil dieses Lehrauftrages übernimmt die Stadtbücherei im Übrigen selbst. Medienpädagogen vermitteln 10- bis 14-Jährigen in Projekten, auf was es im Netz ankommt.

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