Nach den Impfzentren ist vor den Impfzentren: In den vergangenen Monaten sind schnell zahlreiche neue Angebote organisiert worden. Foto: Lichtgut/Archiv

In den ehemaligen Kreisimpfzentren war das Land für die Bezahlung des Personals zuständig. Wie ist das jetzt geregelt, da es viele verschiedene Angebote gibt?

Stuttgart - Stützpunkt, Ambulanz, Marathon: Seit Ende September die Impfzentren in den Kreisen geschlossen wurden, sind viele neue Angebote aus dem Boden gestampft worden. Wer steht dahinter – und: wie rechnet sich das?

 

Wer darf impfen?

Theoretisch jeder Arzt und medizinisches Fachpersonal, also Arzthelfer, Pfleger, Sanitäter. Demnächst dürfen auch Apotheker die Spritze gegen Corona setzen. Und Zahn- und Tierärzte sollen ebenfalls in den Katalog der Berechtigten aufgenommen werden. Praktisch allerdings darf nicht jeder aus diesem Kreis eine Impflokalität eröffnen. Das darf nur, wer entweder einen Auftrag vom Land bekommt – wie etwa die Malteser, die im Kreis Esslingen impfen. Auch ein niedergelassener Arzt darf zum Impfstellenbetreiber werden; so wie Hans-Jörg Wertenauer, der unter anderem das Impfzentrum in der Schleyerhalle betreibt. Ein Mediziner, der keine Kassenzulassung hat, kann ebenfalls ein Impfenzentrum aufbauen. Beispielhaft dafür steht Esra Trumpf, die im SWR-Funkhaus und an vier anderen Standorten eine solche Ambulanz hochgezogen hat. Voraussetzung dafür ist eine Genehmigung vom Gesundheitsamt.

Wie finanziert sich eine Impfstelle?

Als es die fixen Impfzentren in den Kreisen noch gab, erfolgte die Bezahlung pauschal nach festen Stundensätzen. Für Impfende im Auftrag des Landes gilt das noch immer. Demnach bekommen Ärzte 130 Euro pro Stunde, medizinische Fachangestellte 50 Euro und alle anderen Helfer 27,60 Euro. Die Ärzte, die nun auf eigene Faust impfen, haben diese gesicherten Summen nicht. Doch wenn sie es richtig anstellen, können sie sogar auf mehr kommen. Pro Spritze bezahlt der Bund 28 Euro, an Wochenenden und Feiertagen sind es 36 Euro. Bei einer groß angelegten Aktion, mit zum Beispiel 3500 Impfungen an einem Wochenende, kommen mal eben 126 000 Euro zusammen.

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Verdienen sich impfende Ärzte eine goldene Nase?

Über konkrete Summen spricht keiner, ärgern über diese Unterstellung tut sich aber jeder. „Wenn die Motivation die schnelle Mark ist, dann muss man es bleiben lassen“, sagt etwa Roland Kolepke, der in Ludwigsburg in großem Stil impft. „Wer meint, das sei einfach, soll’s nachmachen“, sagt Esra Trumpf. Und Hans-Jörg Wertenauer sagt: „Man kann auch Verluste machen.“ Zum Beispiel weil mehr Personal eingeteilt wurde als letztlich nötig ist, weil weniger Impflinge kamen als erwartet. Anders als bei einer Kooperation mit dem Land müssen die Ausgaben für Technik, Material und Personal von den privaten Betreibern selbst bezahlt werden, auch eine Miete kann anfallen. Entsprechend bauen sie in den Verträgen vor. Hans-Jörg Wertenauer etwa, der mit seinen Mitarbeitern Stundensätze vereinbart hat, bezahlt nur nach geleisteter Arbeitszeit. In anderen Impfstationen geben impfende Mediziner einen bestimmten Teil ihrer Vergütung pro Spritze an die Leitung ab, mit dem dann die Ausgaben finanziert werden. Nichtsdestotrotz, auch das sagen alle: Wenn man es richtig anstellt, kann das Impfen ein Geschäftsmodell sein.

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Ist die Bezahlung angemessen?

Ursprünglich wurde eine Spritze gegen Corona mit 20 Euro vergütet. Wegen des bürokratischen Aufwands rechnete sich diese Summe für Hausärzte allerdings nicht, die wegen des massiven Andrangs in ihren Praxen teilweise ihre reguläre Sprechstunde nicht mehr abhalten konnten. Schließlich wurde der Betrag erhöht. Auch die Stundensätze des Landes waren anfangs niedriger angesetzt. Um Mediziner aber nicht an Bundesländer zu verlieren, in denen teilweise mehr bezahlt wurde, wurde nachgebessert, wie Sebastian Altemüller von der Taskforce Impfen das Landes in Erinnerung ruft. Dennoch ist die Frage nach der Angemessenheit nie ganz verklungen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in anderen Bereichen im Gesundheitsbereich die Bezahlung oft miserabel ist. Aber: „Es wäre völlig absurd zu sagen: Wir geben dieses Geld nicht aus und stecken es als Einmalzahlung in einen anderen Bereich im Gesundheitswesen“, sagt Jonas Schreyögg, der an der Uni Hamburg den Lehrstuhl für Management im Gesundheitswesen innehat. Zum einen handle es sich um gänzlich voneinander unabhängige Töpfe. Zum anderen brauche es Anreize, um genügend Leute zu gewinnen, die gegen Corona impfen.

Wo kommt das viele Personal her?

Salopp formuliert: aus dem Ruhestand. Anders wäre das zeitweise massenhafte Impfen nicht möglich. Rund drei Viertel der etwa 60 Ärzte, die für Martina Burchert-Graeve im Landkreis Böblingen im Einsatz sind, sind eigentlich schon in Rente. Um nur ein Beispiel zu nennen. Aber auch Mediziner, die zurzeit in Elternzeit sind oder eine Teilzeitstelle haben, helfen in den Impfstellen aus, ebenso wie Fachärzte, die ihre Freizeit bis auf Weiteres mit Spritzensetzen verbringen wollen.

Gibt es gute und schlechte Angebote?

Als im vorigen Frühjahr die Schnellteststationen aus dem Boden schossen, dauerte es nicht lange, bis die ersten Betreiber wegen zweifelhafter Seriosität in Verruf gerieten. Auch unter Impfärzten kann es schwarze Schafe geben. In Hamburg hat die Polizei im Dezember ein Zentrum geschlossen. Einer der Gründe: Dort soll gar kein Arzt anwesend gewesen sein. Dennoch sollten Fälle wie dieser die Ausnahme bleiben. Denn die Hürden für die Genehmigung einer Impfstation sind viel höher, schon allein weil eine entsprechende berufliche Qualifikation nötig ist. Außerdem riskieren Ärzte im Zweifel ihre Approbation.