In München ist die Lage für Mieter noch dramatischer als in Stuttgart. Große Gesellschaften wollen sie rausekeln, um teuer neu bauen und vermieten zu können. Doch die Betroffenen machen jetzt mobil.
München - Auch Karl Fritz Bohn hat sich in seinem Rollstuhl rausfahren lassen vor das Haus in der Schönfeldstraße 14, auch er zeigt seinen Protest. 95 Jahre ist Bohn alt, pflegebedürftig, und er sagt: „Ich ziehe hier nicht aus.“ Die Mieter des Hauses in München nahe dem Englischen Garten, 76 Parteien sind es, wollen sich nicht kleinkriegen lassen. Der Vermieter, die große Wohnungsbaugesellschaft Dawonia, hat andere Pläne, da stören die jetzigen Bewohner: Laut dem Mieter Rudolf Schairer wurde der Abriss des Hauses mit dem Baujahr 1961 für den Herbst 2022 angekündigt. Das Grundstück soll neu bebaut werden. „Und dann“, meint Schairer, „wird das an Leute aus einer ganz anderen Liga vermietet.“
Münchner Mietgeschichten sind oft Horrorerzählungen. Das Thema ist nicht neu, aber die Preise steigen immer, immer weiter. Laut dem Online-Portal Statista ist die Bayern-Metropole mit einem Quadratmeterpreis von 18,48 Euro im Schnitt die weitaus teuerste Stadt in Deutschland.
Apartment mit 33 Quadratmeter für 1250 Euro kalt
Auf Platz zwei folgt Frankfurt mit 15,75 Euro. Wohin die Reise geht mit der Schönfeldstraße, zeigt ein Blick auf die Dawonia-Homepage: In dem Haus wird ein renoviertes Apartment mit 33 Quadratmetern befristet angeboten, denn eigentlich soll ja abgerissen werden: für 1250 Euro kalt. Der Münchner Mieterverein sammelt solche Fälle und hat sie Journalisten nun geballt präsentiert.
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Es ist eine Fahrt zu Orten von Verdrängung, Extrempreisen, Entmietung und Eigenbedarfskündigung. Sichtbar werden aber auch die Mechanismen eines fehlgeleiteten Turbo-Wohnungsmarktes. Das Schicksal der Schönfeldstraße 14 hat auch mit Politik zu tun und dem Verscherbeln von Wohnraum in öffentlicher Hand: Das Haus war einst im Besitz der GBW (Gemeinnützige Bayerische Wohnungsgesellschaft) und gehörte damit dem Freistaat Bayern, wie weitere 9000 Wohnungen in München. Weil die Bayerische Landesbank vor der Pleite stand, wurden die GBW-Wohnungen verkauft.
Manchmal hilft die Sozialcharta
Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins, ist Experte für Fälle wie diesen. „Jetzt probieren sie es mit dem Abriss“, meint er. Doch man kann die Gesellschaft eine Weile hinhalten mit der beschlossenen Sozialcharta. Der pflegebedürftige Mieter Karl Fritz Bohn etwa genießt lebenslanges Wohnrecht. Das Leben in einem Haus kann aber ungemütlich werden, wenn etwa nichts mehr renoviert und gepflegt wird.
Ist Stuttgart teurer als München?
Vor dem Haus Türkenstraße 50 im Uni-Viertel steht Stefan Sasse, er hat das alles mittlerweile hinter sich. Das Haus mit einst 62 Parteien wurde verkauft und vom neuen Besitzer, einer Beteiligungsgesellschaft, entmietet. Sasse, 59 Jahre alt und selbstständig, war der Letzte, der geblieben ist. Nichts mehr wurde repariert, das Haus zerfiel buchstäbliche, ein Mieter nach dem anderen gab auf und suchte sich etwas Neues. Bis auf Sasse. „Zwei Monate lang war ich der letzte im Geisterhaus“, erzählt er. „Das war eine unheimliche Angelegenheit.“ Schließlich ging er mit einer Abfindung.
Der Auszug ist für viele wie ein Trauerfall
Genau 25 Jahre lang hat Sasse in dem Haus gelebt. „Das ist wie ein Trauerfall“, sagt er, „ich wollte hier alt werden.“ Die Pläne der Besitzer sind klar: Abriss und ein Neubau mit Eigentumswohnungen, die einzeln verkauft werden. Die Lage könnte kaum besser sein, für neue Wohnungen wird ein Kaufpreis von 17 000 Euro pro Quadratmeter geschätzt. In einem ganzen Block der Türkenstraße wird dieses System angewendet: Das Nachbarhaus Nr. 52 steht schon nicht mehr, es wurde abgerissen. Und in der Nr. 54 wohnen nur noch vier Mietparteien. Marianne Ott-Meimberg gehört dazu: „Seit 1975“, erzählt sie, „und nun wollen sie uns weg haben.“ Volker Rastätter vom Mieterverein meint: „Auf 500 Metern Straßenzug sind 300 Mieter betroffen.“
Alleinerziehenden droht sogar die Obdachlosigkeit
Eine Eigenbedarfskündigung ist etwas Alltägliches, das nicht nur in München ständig passiert. Für die 34-jährige Susann H. in Berg am Laim im Osten der Stadt ist sie aber eine Katastrophe. Die Alleinerziehende hat zwei kleinere Kinder, arbeitet in Teilzeit im Einzelhandel, zahlt jetzt 900 Euro für drei Zimmer – und findet seit dem vergangenen September keine neue Wohnung. 60 Bewerbungen hat sie schon geschrieben, H. meint: „Das zerrt sehr an den Nerven. Für München verdiene ich einfach zu wenig.“
„Und die Kinder sind bei der Wohnungssuche ein Hindernis“, weiß Karin Majewski vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Susann H. droht die Obdachlosigkeit. 8260 Wohnungslose gibt es laut Majewski in München, 1000 Kinder sind betroffen. Sie landen in städtischen Notquartieren: „Kein guter Ort für Kinder.“