Die Unesco klebt ihr Siegel Weltkulturerbe nicht nur an Steine, sondern auch an immaterielles Kulturgut wie etwa Bräuche. Über hundert Länder machen sich das zunutze, Deutschland jedoch noch nicht. Dabei gäbe es heiße Kandidaten – zum Beispiel die Fasnet. Foto: dpa

Über die Schwierigkeit, eine Liste wichtiger Bräuche aufzustellen – Fastnast heißer Kandidat.

Stuttgart - Stuttgart - Brauch – für Großstadtmenschen müffelt das Wort nach Mottenpulver. Doch was macht die urbane Schickeria im nächsten Herbst? Donnert sich trachtenmäßig auf, um in Cannstatt oder München das pralle Leben zu genießen. Und das seit 200 Jahren. Auch so sehen Bräuche aus.

Die Wasen- und Wiesn-Gaudi ist so ausgeprägt, dass der Schaustellerbund auf die Idee kam, den Volksfesten den Titel Weltkulturerbe zu verleihen. So weit hergeholt ist das gar nicht, denn die Unesco zeichnet nicht nur Kirchen und Schlösser aus, sondern auch immaterielle Kultur. Deutschlands Nachbarn betrachten ihre Festkalender deshalb intensiv mit dieser Lupe: Belgien etwa ließ seinen Houtem-Jahrmarkt adeln.

Doch es geht nicht nur um Feste. Die Schweiz sichtet gerade ihr komplettes Inventar an kulturellen Bräuchen, Fähigkeiten und Ausdrucksformen. Von der Aarauer Bachfischeter bis zum Zürcher Zwänzgerle haben die Kantone insgesamt 387 „lebendige Traditionen“ gemeldet. Bern wählt daraus nun jene aus, die sich in Paris um den Eintrag in die Welterbeliste bewerben.

Bundestag: Bekenntnis zur Unesco- Konvention

Das alles hat natürlich einen touristischen Hintergrund, denn mit dem Welterbe-Siegel lässt sich Geld verdienen. Aber nicht nur. Seit die Schweiz 2008 die Unesco-Konvention unterzeichnet hat, diskutiert man zwischen Basel und Bellinzona intensiv darüber, was das Land eigentlich kulturell ausmacht. Und welche Folgen diese Nabelschau hat. Positive, meint das Berner Bundesamt für Kultur, denn das Bewusstsein um die Traditionen stärke den Zusammenhalt.

In Deutschland sieht man das genauso – zumindest im Prinzip. Nach langer Abstinenz hat sich der Bundestag im vergangenen Dezember zu einem Bekenntnis zur Unesco- Konvention durchgerungen. Außerdem soll die Regierung bei den Bundesländern um Zustimmung werben. Die zeigen sich durchaus aufgeschlossen: Auch die Kultusministerkonferenz plädiert für die Ratifizierung. Trotzdem kommt die Sache nur schleppend voran. Das liegt auch daran, dass es für die Verhandlungen keine Frist gibt. SPD und Grüne kamen mit ihrem Antrag, der Konvention bis Ende 2012 beizutreten, nicht durch.

Wo liegt das Problem? Es gibt ein paar Fragen, die man in Deutschland intensiver diskutiert als andernorts. Zum Beispiel jene, wie man Kulturerbe überhaupt definiert. Die Grimm’schen Märchen gehören wohl dazu. Aber auch der Schuhplattler? Oder gar das Kopftuch? Und wer soll die nationale Liste überhaupt festlegen?

Ein „qualitätssicherndes, einheitliches und bundesweit standardisiertes Bewerbungsverfahren“ sei notwendig, heißt es dazu im Stuttgarter Kunstministerium. Die Auswahl solle „ein ehrenamtliches, unabhängiges Nominierungskomitee treffen, das von der deutschen Unesco-Kommission unterstützt wird“. Diese rechnet immerhin damit, dass die Verhandlungen noch 2012 beendet sind.

Im belgischen Binche steht die Fasnacht längst unter Unesco-Schutz

Ein wichtiger Faktor ist das Geld. Es gebe noch offene Finanzierungsfragen, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Dem Vernehmen nach geht es bundesweit um etwa 200.000 Euro. „Eine Beteiligung der Länder an den Kosten der nationalen Koordinierungsstelle und am deutschen Mitgliedsbeitrag zum Übereinkommen wird aufgrund des eigenen administrativen Beitrags ausgeschlossen“, stellt das Ministerium klar. Eva-Maria Seng, Professorin am Paderborner Lehrstuhl für materielles und immaterielles Kulturerbe, kann das Zögern nicht nachvollziehen. Sie habe das Gefühl, dass man immer dann zurückschrecke, wenn die Ratifizierung kurz bevorstehe, sagt sie.

Vielleicht liegt das daran, dass manche Wissenschaftler die Stirn in Falten legen angesichts des Unesco-Hype. Sie fragen sich zum Beispiel, ob man gelebte Traditionen zum Fossil machen soll. Und ob man Bräuche wie die Fasnacht noch verändern darf, wenn sie einmal das Gütesiegel tragen. Oder verändern sie sich gar automatisch, wenn man sie ins Museum stellt? Fragen über Fragen. „Ich sehe das sehr skeptisch“, sagt der Tübinger Ethnologe Hermann Bausinger.

Das Ausland geht sorgloser damit um. Im belgischen Binche zum Beispiel steht die Fasnacht schon seit Jahren unter Unesco-Schutz – und lockt Tausende Touristen an. Der ökonomische Aspekt steht denn auch für deutsche Interessenvertreter im Vordergrund ihres Unesco-Eifers. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht ein Lobbyist die schnelle Ratifizierung der Konvention verlangt – wie jüngst das Deutsche Bäckerhandwerk: „Wir stehen sozusagen in den Startlöchern, um den Status für die deutsche Brotvielfalt zu beantragen“, sagt der Verbandschef.

Nicht, dass man den Federahannes schützen müsste

Auch das Deutsche Institut für reines Bier meldet sich. Ebenso der nordfriesische Kreistag (wegen der sprachlichen Vielfalt der Region). Und der Schwäbische Albverein (wegen der Maibäume). Und die Fasnachter sowieso. „Das ist auf jeden Fall ein schützenswertes Kulturgut“, meint Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte. Nicht, dass man den Federahannes schützen müsste. Aber das Unesco-Siegel würde seine Wertigkeit hervorheben, meint Wehrle: „Manche Unternehmen sträuben sich ja bereits, den Rosenmontag freizugeben.“ Auch die Landesregierung bekennt freimütig: „Aus Sicht des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst dürfte die Fasnet im Lande in allen ihren Ausprägungen eintragungsfähig sein.“ An geeigneten Kandidaten fehlt es also nicht.

Doch wäre das wirklich Deutschlands immaterielles Inventar? Kulturerbe-Professorin Seng verspürt bei diesem Vorgehen Unbehagen. Sie plädiert für eine Bestandsaufnahme, an der nicht nur Fachleute, sondern alle Bürger teilnehmen – zum Beispiel via Internet. Verknüpft mit einer Expertenliste erhalte Deutschland so ein realistisches Bild seiner Bräuche, Traditionen und Symbole.

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